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21. Mai 2012, von Michael Schöfer
Ubuntu: Fortschritte sind unverkennbar


Betriebssysteme, die andere Hälfte der Bevölkerung wird hoffentlich auf diesen Vergleich mit Nachsicht reagieren, sind manchmal wie Frauen - wenn man sie wechselt, merkt man erst hinterher, was man eigentlich an der alten Version hatte. Dann vermisst man plötzlich lieb gewonnene Gewohnheiten, die einem selbstverständlich vorkamen und die man deshalb gar nicht groß beachtet hat. Zum Glück ist es bei Betriebssystemen - anders als bei Frauen - nie zu spät, sie lassen sich immer wieder installieren. Neue Betriebssysteme haben freilich Eigenheiten, an die man sich erst mühsam gewöhnen muss. Wie bei neuen Partnerinnen. Und manchmal klappt es überhaupt nicht.

Meinen letzten Versuch, von Windows auf Linux umzusteigen, unternahm ich im Jahr 2008, er endete viel Frust zurücklassend in einem wahren Desaster. [1] Jetzt stand aufgrund eines Rechnerneukaufs abermals ein solcher Versuch an. Das neue Notebook läuft logischerweise mit Windows 7, und mit diesem Betriebssystem war ich bislang sehr zufrieden (es arbeitet auf meinem Netbook seit langem einwandfrei). Windows 7 ist in meinen Augen ein hervorragendes Betriebssystem, ob man das auch von Windows 8 sagen wird, steht aber noch in den Sternen. Im Netz liest man ja, dass nur jeder zweite Versuch von Microsoft, ein funktionierendes Betriebssystem zu entwickeln, tatsächlich gelingt: Windows 98 (1998) war für die damaligen Verhältnisse recht gut, Windows ME (2000) eher nicht. Windows XP, der Langläufer aus dem Jahr 2001, konnte besser überzeugen als Windows Vista, das 2007 auf den Markt kam und bekanntlich floppte. Windows 7 (2009) wiederum scheint meist problemlos zu laufen. Und nun kommt Windows 8 - nach der ungeschriebenen Regel müsste es also wieder ein Reinfall werden. Doch lassen wir uns überraschen, denn auch in Bezug auf Computer ist Aberglaube eher hinderlich.

Dass mein neues Notebook mit Windows 7 läuft, stand angesichts den enttäuschenden Erfahrungen mit Linux von vornherein außer Frage. Doch was sollte mit meinem alten Rechner geschehen? Um ihn wegzuwerfen, war er mir zu schade, schließlich hat mich das Arbeitspferd nie wirklich verlassen. Ein Verkauf würde nicht lohnen, denn wer will schon ein Notebook aus dem Jahr 2008. Es stand deshalb erneut ein Experiment mit Linux auf der Tagesordnung. Spätestens 2014, wenn Microsoft keine Sicherheitsupdates mehr ausliefert, wäre es ohnehin ratsam gewesen, sich mit einem Windows XP-Rechner vom Netz fernzuhalten. Doch für teures Geld eine neue Windows-Version kaufen, ohne letztlich die Gewissheit zu haben, dass sie darauf auch einwandfrei arbeitet? Lieber nicht. Ich entschied mich, es mit Ubuntu 12.04 LTS zu probieren, für das Canonical, der Distributor, bis 2017 Updates garantiert. Ideal. Außerdem wollte ich wissen, ob Linux mittlerweile Fortschritte gemacht hat bzw. ob mein Computerwissen dafür immer noch nicht ausreicht.

Gesagt, getan: Am Wochenende spielte ich Ubuntu auf und war positiv überrascht: Es lief. Einfach so. Die Probleme mit der Grafikkarte (immer noch die gleiche wie vor 4 Jahren) waren beseitigt, die Bildschirmauflösung diesmal absolut korrekt. Bislang sind keine Inkompatibilitäten mit der Hardware erkennbar, ich bekam sogar problemlos über WLAN Zugang zum Internet. Mit dem per Kabel angebundenen Router sowieso. Dank der gewohnten Software, Ubuntu setzt standardmäßig auf LibreOffice, Firefox und Thunderbird, kann ich jetzt auf diesem Notebook zumindest schreiben, surfen und mailen. Immerhin schon einmal die wichtigsten Funktionen. CDs brennen geht auch, wenngleich es ratsam ist, zu diesem Zweck das Standard-Brennprogramm auszutauschen. Mit dem Software-Center ist das total easy. TrueCrypt, das dort nicht angeboten wird, von der Hersteller-Website herunterladen und installieren, hat ebenso gut geklappt. Andere, aus der Windows-Welt gewohnte Software zu installieren, die man jedoch offenbar erst noch compilieren muss, ist mir dagegen nicht gelungen. Dazu habe ich halt nur ungenügende Linux-Kenntnisse, weshalb ich mich erst noch erkundigen muss, was bei Ubuntu als Ersatzsoftware angeboten wird. Bestimmt finden sich etliche Programme, mit denen man ebenso gut arbeiten kann wie unter Windows. Vor einem kann ich aber jetzt schon warnen: Nie, wirklich niemals, einen USB-Stick einfach so vom Rechner abziehen, er könnte sonst schreibgeschützt sein und ohne Neuformatierung unbenutzbar werden. Stets zunächst vor dem Abziehen beim Betriebssystem abmelden (Befehl im Kontextmenü: "Laufwerk sicher entfernen").

Äußerst hilfreich, wenn's mal ein bisschen hakt, ist die Ubuntu-Netzgemeinde Ubuntuusers. Dort gibt es jede Menge Tipps, Problemlösungen und vor allem Erläuterungen. Noch ungewohnt: Ubuntu wird standardmäßig ohne Firewall installiert. Angeblich, behauptet jedenfalls die Netzgemeinde, braucht man das bei Ubuntu auch nicht. [2] Bei Windows wäre so etwas haarsträubend dumm. Wenn man es wie unter Windows gewohnt ist, nur mit Sicherheitsgurt zu fahren, fühlt man sich bei Ubuntu ohne angelegten Sicherheitsgurt irgendwie unwohl - selbst wenn keine echte Unfallgefahr bestehen sollte. Das Gleiche gilt für den Virenscanner. Der ist bei Ubuntu angeblich ebenfalls überflüssig [3] und wird daher nicht installiert, man kann ihn aber problemlos übers Software-Center nachinstallieren (wie das geht, sagen einem die Ubuntuusers). Der Virenscanner prüfe Ubuntu, so liest man dort, wider Erwarten keineswegs auf Linux-Viren, weil es die derzeit gar nicht gebe, sondern lediglich auf Windows-Viren, die einem Windows-System per Datenaustausch über USB-Stick gefährlich werden könnten. Das kommt dem gewöhnlichen Windows-User wie Motorradfahren ohne Helm und Lederjacke vor. Mit anderen Worten: In hohem Maße riskant. Manches ist bei Ubuntu eben tatsächlich anders.

Vorläufiges Fazit: Ubuntu läuft auf meiner alten Kiste und lässt sich sinnvoll benutzen - was will man von einem Betriebssystem mehr? Obendrein arbeitet es noch recht fix. Okay, das alles ist noch nicht das gewohnte Windows-Feeling, aber die Fortschritte sind dennoch unverkennbar. Ich hoffe, Ubuntu macht mir die Umgewöhnung in den kommenden Wochen und Monaten nicht allzu schwer. Übrigens: Canonical will Ubuntu im nächsten Jahr bei Privatanwendern zumindest ähnlich attraktiv machen wie Apple (5 Prozent Marktanteil bei neuen Desktop-Systemen sind das erklärte Ziel). [4] Ob man da den Mund zu voll nimmt, kann ich nicht beurteilen. Aber auf dem derzeitigen Entwicklungsstand sind Ubuntu durchaus Überraschungen zuzutrauen. Der Frust von 2008 hat sich inzwischen gelegt, mein altes Notebook wird mit Ubuntu hoffentlich noch ein paar Jahre laufen. Abschließendes Urteil: Zur Nachahmung empfohlen!

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[1] siehe Gute Vorsätze... vom 16.04.2008
[2] siehe ubuntuusers.de, Personal Firewalls
[3] siehe ubuntuusers.de, Sicherheitskonzepte
[4] Heise Open Source vom 11.05.2012