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06. Januar 2016, von Michael Schöfer
Welcome to the Middle East!


Dass ausgerechnet der Iran die Hinrichtung von 47 Menschen in Saudi-Arabien kritisiert, ist erstaunlich, finden doch im Iran ebenfalls zahlreiche Hinrichtungen statt. So wurden dort laut Amnesty International allein zwischen dem 1. Januar und dem 15. Juli 2015 insgesamt 694 Menschen hingerichtet. [1] Hierzulande besonders bekannt ist das Erhängen mithilfe von Kränen, bei denen die Verurteilten langsam hochgezogen werden und oft erst nach einem minutenlangen Todeskampf qualvoll sterben. Von daher ist die iranische Empörung zweifelsohne gekünstelt und unglaubwürdig.

Beide Länder schenken sich diesbezüglich nichts, denn auch im saudischen Königreich gab es nach Angaben von AI in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres 102 Hinrichtungen. [2] Saudische Henker richten üblicherweise durch das Schwert, Verurteilte werden größtenteils auf öffentlichen Plätzen enthauptet. 2014 fanden weltweit die meisten Exekutionen im Iran, in Saudi-Arabien, im Irak und in den USA (!) statt. Über die Volksrepublik China sagt Amnesty nur, dass dort mehr Menschen hingerichtet werden, als in allen anderen Staaten zusammengenommen (Angaben zur Todesstrafe gelten in China als Staatsgeheimnis und sind schwer zu überprüfen). 2014 sollen es im "Reich der Mitte" mindestens 1.200 Hinrichtungen gewesen sein. [3]

Die Empörung im Iran fällt mithin nicht wegen den Hinrichtungen selbst so heftig aus, sondern weil sich unter den Hingerichteten der schiitischer Kleriker Nimr al-Nimr befand. "Zu Beginn des Arabischen Frühlings 2011 führte Nimr Proteste gegen die [saudische] Regierung an. Bei den Demonstrationen 2011 rief er ausdrücklich zur Gewaltlosigkeit auf. Al-Nimr prangerte die Benachteiligung der Schiiten im Land an und forderte, sie sollten volle Bürgerrechte erhalten. Nimr galt als erklärter Kritiker des Königshauses der Saud." [4] Nimr ist für einen schiitischen Märtyrer die Idealbesetzung, mit seinem Tod kann Teheran dem Erzfeind von der arabischen Halbinsel ordentlich einheizen.

Der Feindschaft zwischen dem schiitischen Iran und dem mehrheitlich wahhabistischen Saudi-Arabien liegen aber nicht nur, wie allgemein verbreitet wird, machtpolitische Motive zugrunde (Hegemonie in der Region), es gibt vielmehr genauso viele religiöse und vor allem innenpolitische Gründe. Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 ist Teheran bestrebt, die Revolution zu exportieren. Im Libanon ist die schiitische Hisbollah ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor, in Syrien hatte bislang die schiitische Minderheit der Alawiten das Sagen (Baschar al-Assad ist Alawit), im Jemen ringen momentan die schiitischen Huthi um die Vorherrschaft, im Irak stellen die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit und seit 2005 auch den Regierungschef (Saddam Hussein war Sunnit). Alle werden vom Iran unterstützt. Auf saudischer Seite unterstellt man deshalb Teheran eine gezielte Einkreisungsstrategie. Noch viel schlimmer ist allerdings, dass sogar 10 bis 15 Prozent der saudischen Staatsbürger Schiiten sind (aus wahhabitischer Sicht, einer besonders rigiden Auslegung des sunnitischen Islam, gelten sie als Ketzer). Riad verdächtigt sie, mit dem Iran zu sympathisieren und insgeheim den Umsturz zu planen oder - horribile dictu - Separatismus zu betreiben. Gewissermaßen die Fünfte Kolonne der Ajatollahs.

Solche Befürchtungen sind keineswegs aus der Luft gegriffen, denn der damalige deutsche Botschafter in Riad, Reinhard Schlagintweit, berichtete am 15.11.1979: "Während des Höhepunkts der Pilgerfahrt Ende Oktober/Anfang November kam es an den Heiligen Stätten zu Zusammenstößen zwischen iranischen Pilgern und saudischen Sicherheitskräften. Wie ich aus zuverlässigen Quellen höre, haben iranische Pilgergruppen mit Spruchbändern und Volksreden an verschiedenen Plätzen Mekkas und Medinas für eine 'islamische Republik' Propaganda gemacht, die dem iranischen Modell folgend und von Mekka ausgehend die Halbinsel und schließlich die ganze islamische Welt erfassen soll." [5] Ob der Iran inzwischen den Revolutionsexport aufgegeben hat, ist angesichts seines Engagements in der Region kaum anzunehmen. Die Iraner reden bloß nicht mehr so offen darüber. Für Saudi-Arabien ist das jedoch eine existenzielle Frage, denn ausgerechnet dort, wo der schiitische Bevölkerungsanteil hoch ist, liegen auch die saudischen Ölquellen (vgl. auf Karte 1 die Siedlungsgebiete der Schiiten im Osten der arabischen Halbinsel und auf Karte 2 die Lage der Öl- und Gasfelder des Landes).



Karte 1 - die Siedlungsgebiete der saudischen Schiiten (dunkelgrün)
[Quelle: Dr. Michael Izady, at Columbia University, Gulf2000,
New York, mit freundlicher Genehmigung des Urhebers]



Karte 2 - die geographische Lage der saudischen Öl- und Gasfelder
[Quelle: U.S. Energy Information Administration, IHS EDIN]

Das ist die Achillesferse Riads. Gelänge es dem Iran, Saudi-Arabien diese Gebiete tatsächlich abspenstig zu machen, verlöre das Königreich mit einem Schlag seine Haupteinnahmequelle und wäre am Ende.

Die saudischen Herrscher werden aber nicht bloß vom Iran herausgefordert, sondern ebenso von den sunnitischen Salafisten. Obgleich sich Letztere ideologisch kaum von den Wahhabiten unterscheiden, würden sie das Königshaus am liebsten hinwegfegen. Schon Osama bin Laden, der Gründer von al-Qaida, entwickelte sich zu einem entschlossenen Gegner des Hauses Saud. Erklärtes Ziel von al-Qaida war "die Vertreibung amerikanischer Truppen aus der Golfregion, der Sturz des saudischen Königshauses und damit die Befreiung der heiligen Stätten der Muslime und die weltweite Unterstützung militanter islamistischer Gruppen". [6] Saudi-Arabien wurde zwar lange Zeit verdächtigt, den sogenannten Islamischen Staat (IS) finanziell zu unterstützen, in Wahrheit ist die Terrorgruppe jedoch ein erklärter Gegner der saudischen Regierung. "Das Königshaus gilt diesen Dschihadisten als ärgster Feind und unrechtmäßiger Herrscher über die Heiligen Stätten in Mekka und Medina." [7] Es war wohl eher so, dass die Golfmonarchien viel zu lange beide Augen zudrückten, wenn vermögende Privatleute Geld an die Gotteskrieger schickten.

Immer wieder wird kolportiert, die Sympathien für den IS seien in Saudi-Arabien keineswegs unerheblich, doch das Ausmaß ist umstritten. Wie auch immer: 46,2 Prozent der saudischen Einwohner sind jünger als 25 Jahre [8], aber trotz des Ölreichtums und einem horrenden Devisenschatz in Höhe von 697,55 Mrd. US-Dollar (Stand März 2015) betrug die Jugendarbeitslosigkeit Ende 2014 erstaunliche 29 Prozent [9]. Das liegt fast auf dem Niveau des EU-Krisenstaates Portugal (Oktober 2015: 31,8 %). Der aktuelle Ölpreisverfall sorgt für zusätzlichen Druck im saudischen Kessel. Die Regierenden haben panische Angst vor einem Umsturz, der Nährboden dafür ist jedenfalls vorhanden. Die Erstürmung der Großen Moschee in Mekka im Jahr 1979, die von einer bis zu 500 Personen zählenden Gruppe schwer bewaffneter radikaler Islamisten aus verschiedenen arabischen Ländern unternommen wurde, hat traumatische Ängste hinterlassen. Eine Forderungen der Terroristen: Der Sturz des "korrupten und gottlosen Regimes" in Riad. Nur mit Unterstützung französischer Anti-Terror-Spezialisten gelang es den saudischen Streitkräften, die Besatzer nach einem zwei Wochen dauernden Kampf zu besiegen.

Zu alldem kommt noch die große Kluft zwischen religiösem Anspruch und der Lebenswirklichkeit des Herrscherhauses hinzu. Der Wahhabismus ist in Saudi-Arabien Staatsreligion, er erhebt die puritanische Einfachheit der Lebensführung zur Leitlinie und lehnte ursprünglich jegliche Modernisierung ab (Musik und Fernsehen waren folglich lange Zeit verboten). Die ungefähr 7.000 Prinzen der Herrscherfamilie leben hingegen in Saus und Braus. Auf Staatskosten, versteht sich. Ein Beispiel: "Der 56-jährige Prinz al-Walid Bin Talil, seine Frau und seine Kinder wohnen in 320 Zimmern in einem sandfarbenen Palast, der mit italienischem Marmor ausgekleidet ist, mitten in Riad. Dazu kommen drei Hallen-Schwimmbäder, Tennisplätze, 250 Fernseher, ein Kinosaal und fünf Küchen, die 2000 Gäste auf einmal beköstigen können. In der Garage des Prinzen stehen 200 Luxusautos, darunter Rolls-Royce, Ferrari und Lamborghini. (…) In seinem fliegenden Palast, einer umgebauten Boeing 747-400, düst der Prinz zwischen London, New York, Paris, Singapur und Riad hin und her." [10] Das ausschweifende Leben will natürlich finanziert sein, entsprechend weniger bleibt für die gewöhnlichen Staatsbürger übrig. Zahlreiche Prinzen besitzen opulente Anwesen im Ausland und geben bei Urlauben in Städten wie Cannes ganz nebenbei Millionen aus. In Spielbanken, Shoppingmalls und Luxushotels sind sie gern gesehene Gäste, Gerüchte wollen sogar von wilden Partys mit Alkohol und Prostituieren wissen. Die Familie Saud wird daher von ihren Kritikern schon seit langem als verschwenderisch und korrupt bezeichnet, sie sei der Inbegriff der Dekadenz. [11] Und das wohlgemerkt bereits zu einer Zeit, als die Öffentlichkeit von al-Qaida kaum etwas wusste und der IS nicht einmal existierte.

Den saudischen Herrschern ist ihre prekäre Lage (Bedrohung von außen wie von innen) bekannt, sie halten aber offenbar dennoch nichts von einer Änderung ihrer Politik. Im Gegenteil, das indirekte und direkte Eingreifen Saudi-Arabiens in den syrischen und jemenitischen Bürgerkrieg sowie die mittelalterlich anmutende Bestrafung von Regimekritikern (zum Beispiel 1.000 Peitschenhiebe und zehn Jahre Haft für Raif Badawi) spricht eher für eine Verhärtung. König Salman ist gesundheitlich angeschlagen, sein designierter Nachfolger, der erst dreißigjährige Verteidigungsminister Mohammed bin Salman al-Saud, gilt als hitzköpfig und unerfahren. Das sind keine guten Aussichten in einer Region, in der es ohnehin viel zu viele Hitzköpfe gibt. Der Oberste Religionsführer des Iran, Ali Chamenei, drohte Saudi-Arabien wegen der Hinrichtung Nimrs bereits mit der "Rache Gottes". Was immer das konkret bedeuten mag. Machiavellistische Machtspiele, religiöser Fanatismus, hohe Gewaltaffinität, gut bestückte Waffenarsenale - ein hochexplosives Gemisch. Und es brennen mehrere Lunten gleichzeitig. Die Appelle des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier, der Iran und Saudi-Arabien mögen sich mäßigen, sind zwar ebenso richtig wie lobenswert, haben es aber vor diesem Hintergrund schwer, überhaupt Gehör zu finden. Ein Krieg zwischen den beiden Regionalmächten würde wohl den Nahen Osten endgültig ruinieren. Die letzte Hoffnung ist der Selbsterhaltungstrieb der Beteiligten, weil eine direkte Auseinandersetzung - hüben wie drüben - verheerende Konsequenzen hätte.


Pessimisten glauben, die Situation werde durch die Fabel "Der Frosch und der Skorpion" zutreffend beschrieben:

Ein Skorpion will einen Fluss überqueren. Er fragt einen am Ufer sitzenden Frosch, ob er auf dessen Rücken über das Wasser gelangen kann. Der Frosch sagt: "Wenn ich das mache, stichst du mich, und ich muss sterben." Darauf der Skorpion: "Täte ich das, müsste ich ja selbst ertrinken." Das überzeugt den Frosch, er nimmt den Skorpion auf seinen Rücken und schwimmt los. In der Mitte des Flusses sticht der Skorpion den Frosch. "Warum tust du das? Jetzt müssen wir beide sterben!", ruft der vergiftete Frosch dem Skorpion zu. "Ich kann nicht anders", antwortet dieser, "es ist meine Natur." [12]
Die Fabel stammt übrigens aus Persien, das passt wie die Faust aufs Auge. In einer modernen Version antwortet der Skorpion auf die Frage des Frosches "Why did you do that? Now we both will die" sarkastisch: "Welcome to the Middle East!" (Willkommen im Nahen Osten!). [13]

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[1] Amnesty International vom 23.07.2015
[2] Amnesty International vom 15.08.2015
[3] tagesschau.de vom 01.04.2015
[4] Wikipedia, Nimr al-Nimr
[5] Wikipedia, Revolutionsexport, Iran
[6] Wikipedia, Osama bin Laden
[7] Die Zeit-Online vom 17.10.2014
[8] CIA-Factbook
[9] Auswärtiges Amt, Länderinformationen Saudi-Arabien, Wirtschaft
[10] Die Welt-Online vom 19.04.2011
[11] Der Spiegel 47/1995 vom 20.11.1995
[12] Lydia Haustein, Bernd M. Scherer, Martin Hager (Hrsg.), Feindbilder. Ideologien und visuelle Strategien der Kulturen, Göttingen 2007, Seite 7
[13] Kenneth S. Deffeyes, When Oil Peaked, New York City 2010