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05. September 2017, von Michael Schöfer
Es gibt keine Alternative zu einer Politik der Vernunft


Heute vor 40 Jahren ist die Raumsonde Voyager 1 gestartet, sie hat mittlerweile die Grenze unseres Sonnensystems überschritten und den interstellaren Raum erreicht. Abstand: knapp 21 Mrd. km. 19 Stunden, 21 Minuten und 02 Sekunden brauchen ihre Signale bis zur Erde, also nicht einmal einen Lichttag. Derzeit ist die Sonde relativ zur Sonne 61.198,2 km/h schnell. Behielte sie diese Geschwindigkeit bei, würde Voyager 1 in einem Jahr 536.096.232 km zurücklegen. Proxima Centauri ist unser nächster Nachbarstern und 4,24 Lichtjahre vom Sonnensystem entfernt, das sind 40,1 Billionen km (exakt 40.113.497.203.742,59). Voyager 1 könnte ihn erst in 74.825 Jahren erreichen. Das zeigt, wie illusionär interstellare Reisen sind. Mit den heute erreichbaren Geschwindigkeiten unmöglich. Und anders als in Science-Fiction-Romanen sind wir an die Naturgesetze gebunden. Entgegen der Empfehlung des Physikers Stephen Hawking bleibt das Auswandern der Menschheit, um der Misere auf ihrem Heimatplaneten zu entkommen, vermutlich auf ewig eine unerfüllbare Utopie.

Ohnehin würde der Mensch sein größtes Problem im Reisegepäck mitschleppen: sich selbst. Der Mensch ist sein größter Feind. Kürzlich habe ich auf der Website der BBC von einer neuen Waffe Russlands gelesen. Um die amerikanische Raketenabwehr zu umgehen, wollen die Russen angeblich eine atomar bewaffnete Unterwasser-Drohne bauen, die 1.000 m tief tauchen kann und 185 km/h schnell ist. Sie trägt einen 100 Megatonnen-Sprengkopf, der vor der amerikanischen Küste unter Wasser gezündet werden soll. Die Explosion der Atombombe würde einen 500 m hohen Tsunami auslösen, der küstennahe Städte wie New York, Philadelphia, Boston, San Francisco und Los Angeles vollständig ausradiert. Bis zu 1.500 km tief dringt der Tsunami ins Festland der USA ein. [1] 100 Megatonnen wäre die mit Abstand größte Bombe, die die Menschheit jemals gezündet hätte. Zum Vergleich: Über Frankfurt am Main zur Explosion gebracht, würde die Druckwelle noch im 32 km entfernten Wiesbaden die meisten Gebäude einstürzen lassen und die Explosionshitze noch im 71 km entfernten Mannheim Verbrennungen dritten Grades verursachen. [2] Sieben oder acht solcher Bomben reichen aus, um Deutschland komplett dem Erdboden gleichzumachen. Ob nun Fake-News oder nicht - allein der Gedanke an so eine Waffe ist total verrückt.

Kim Jong-un ist nicht allein. Und je mehr Typen wie er irgendwo an den Schalthebeln der Macht sitzen, desto gefährlicher wird es auf diesem zerbrechlichen Planeten. Schlimm genug, dass ein so impulsiver Mann wie Donald Trump das größte Nuklearpotenzial der Welt befehligt. Ich bin wahrlich kein Freund von Wladimir Putin, aber er hat absolut recht: "Die derzeitige militärische Hysterie kann nichts Gutes bringen, aber sie könnte zu einer globalen Katastrophe und vielen Opfern führen." [3] Allerdings trägt auch Putin mit seiner Politik nicht gerade zur Beruhigung bei. Ein Atomkrieg zwischen zwei Atommächten ist die einzige bewaffnete Auseinandersetzung, die die Menschheit bislang verständlicherweise vermieden hat. Sie wäre wahrscheinlich auch ihre letzte. Es gibt keine Alternative zu einer Politik der Vernunft.

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[1] BBC News vom 12.11.2015
[2] simuliert mit Nukemap
[3] Die Welt-Online vom 05.09.2017