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11. November 2017, von Michael Schöfer
Abgesang auf den Westen


Donald Trumps Rede auf dem Apec-Gipfel in Vietnam, in der er multilaterale Freihandelsabkommen verwarf, stattdessen will der US-Präsident mit jedem einzelnen Partner bilaterale Verträge aushandeln, wird allgemein als Abgesang auf den Westen interpretiert. Und es ist in der Tat kurios, wie sich die Weltgeschichte, nur unter umgekehrten Vorzeichen, zu wiederholen scheint.

China war den Europäern im Mittelalter haushoch überlegen - kulturell, wissenschaftlich, ökonomisch und militärisch. Nur um ein paar Beispiele zu nennen: Die Chinesen entwickelten bereits im 6. Jahrhundert ein Verfahren zur Stahlherstellung, das der Westen erst im Jahr 1846 einführte. 868 wurde im "Reich der Mitte" das erste Buch gedruckt (im Holztafeldruck), um 1040 herum erfand der chinesische Schmied Bi Sheng den Druck mit beweglichen Lettern (Johannes Gutenberg erst 1450). Die Chinesen kannten das Porzellan, das Papier, das Schießpulver und den Magnetkompass lange vor den Europäern, ihre Leistungen in Astronomie, Mathematik, Physik, Chemie, Meteorologie und Seismologie waren den unseren weit überlegen. China unterhielt weitreichende Handelsbeziehungen, chinesische Flotten mit bis zu 300 Schiffen und 30.000 Mann Besatzung unternahmen zu Beginn des 15. Jahrhunderts ausgedehnte Reisen zum Persischen Golf und entlang der ostafrikanischen Küste bis nach Mosambik. Sie bestanden zum Teil aus riesigen, mit Kanonen bewaffneten Dschunken - mindestens drei- bis viermal so groß wie die Santa Maria, das Flaggschiff von Christoph Kolumbus mit seiner Besatzung von gerade mal 39 Mann.

China war groß und mächtig - machte sich dann aber selbst klein und wehrlos. Mit dem Beginn der Ming-Dynastie (1368 - 1644) wurde das Land autokratischer und schottete sich geistig gegenüber dem Ausland ab. Die Flotte wurde aufgegeben, die Zeit der Entdeckungsfahrten beendet. Die vergleichsweise liberale Song-Dynastie war endgültig passé. Den Platz, den China aus eigenem Antrieb freimachte, übernahmen bereitwillig die erstarkenden Europäer, die sich just zu diesem Zeitpunkt aufrafften, den Seeweg nach Indien zu entdecken (Heinrich der Seefahrer, Vasco da Gama). Im gleichen Augenblick begann jenseits des Atlantiks die Eroberung des amerikanischen Kontinents. Die Expansion der Europäer ließ keinen Erdteil unberührt. Im 19. Jahrhundert stellten die Chinesen zu ihrem Leidwesen fest, dass sie den Anschluss verloren und den Europäern nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Die Demütigung Chinas begann (Opiumkriege, Gebietsabtretungen, Souveränitätsbeschränkungen, erzwungene Öffnung etc.).

Ironie der Geschichte: Donald Trump handelt heute fast genauso wie seinerzeit die Ming-Kaiser, seine "America first"-Kampagne entspricht in etwa dem Rückzug des Reichs der Mitte auf sich selbst. Es ist verblüffend, wie sich die Methoden gleichen: In der Ming-Dynastie wurde die Chinesische Mauer zum letzten Mal umfassend ausgebaut, analog dazu will Trump eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten. Während die USA den Welthandel neu ordnen wollen und dabei künftig auf Protektionismus setzen, will China den Freihandel forcieren. Die Chinesen übernehmen bereitwillig den Raum, den die Vereinigten Staaten aus eigenem Antrieb freimachen. Selbstverständlich werden die USA ihre Dominanz nicht über Nacht verlieren, aber sie drohen sukzessive an Einfluss auf das Weltgeschehen einzubüßen. Man muss langfristig denken, nicht nur in Legislaturperioden, sondern in Jahrzehnten, wenn nicht sogar in Jahrhunderten. Die im 15. Jahrhundert beginnende europäische Dominanz wuchs ebenfalls nicht innerhalb von ein paar Jahren. Wer weiß, falls die Amerikaner den Kurs von Trump beibehalten, wachen sie vielleicht im 22. Jahrhundert tatsächlich in einer chinesisch dominierten Welt auf. Gewiss ist das zwar nicht, aber es könnte genau dahin führen. Momentan stellt Donald Trump jedenfalls entsprechend die Weichen.

Das Fatale an der Sache ist: Der Westen hat China erst groß gemacht. Unter der Reformpolitik von Deng Xiaoping mutierte das Reich der Mitte zur verlängerten Werkbank der westlichen Konzerne. Zudem war ein Markt mit 1,3 Mrd. potenziellen Konsumenten extrem verlockend. Scheinbar eine Win-win-Situation. China wurde wieder reich und mächtig, ist aber - anders als erwartet - immer noch eine kommunistische Einparteiendiktatur (mit frühkapitalistischer Ausprägung). Die Demokratisierung, die viele mit dem ökonomischen Erfolg als dessen zwangsläufige Folge vorausgesagt haben, ist bislang ausgeblieben. Mittlerweile strebt China in etlichen Spitzentechnologiebereichen die Marktführerschaft an, die Volksrepublik soll zur führenden Industrie-Supermacht aufsteigen. Das ist aus der Sicht der Chinesen konsequent, kann aber auch als Kampfansage an den Westen interpretiert werden, denn es geht nicht bloß um Spitzentechnologie, dahinter verbirgt sich vielmehr die Konkurrenz zwischen zwei antagonistischen Gesellschaftssystemen: Autokratie und Demokratie. Es wäre töricht, die Gefahr zu unterschätzen.

Der Westen hat aber nicht nur China groß gemacht, er hat sich zugleich - lange vor Trump - selbst klein gemacht. Oder formulieren wir es so: Durch eigenes Handeln geschwächt. Der Raubtierkapitalismus hat nämlich den gesellschaftlichen Kitt, der den Westen einst zusammenhielt, peu à peu zertrümmert. Oskar Lafontaine: "Die Unternehmer lieben kein Land, sie lieben den Gewinn." Wer es nicht glaubt, schaue sich bitte die Offshore Leaks, Lux Leaks, Swiss Leaks, Panama Papers und Paradise Papers an. Donald Trump ist nicht die Ursache, er ist lediglich die logische Folge einer Politik, die die soziale Ungleichheit auf ein erschreckend hohes Niveau hat ansteigen lassen. Inzwischen empfinden große Teile der Bevölkerung den Verweis auf Demokratie und Rechtsstaat nur noch als puren Zynismus, damit korrespondierend ist eine Abwendung von den sogenannten westlichen Werten festzustellen. Ob Donald Trump die richtigen Rezepte hat, ist zu bezweifeln. Doch selbst wenn er scheitert, ist dadurch das Problem der grassierenden Ungleichheit ja keineswegs aus der Welt geschafft. Bitte nicht Ursache und Wirkung verwechseln.

Nichts steht geschrieben, nichts ist festgefügt, nichts ist vorherbestimmt, alles lässt sich ändern. Bloß muss man auch den politischen Willen aufbringen, die offenkundigen Unzulänglichkeiten wirklich zu korrigieren. Das heißt für die Politik, nicht immer wieder aufs Neue den von Partikularinteressen geleiteten Einflüsterungen der Lobbyisten erliegen. Leider ist es zur Zeit so, dass der Neoliberalismus mit seinen desaströsen Folgen nur noch von den Parteien an den Rändern des politischen Spektrums infrage gestellt wird. Wo, bitteschön, ist denn die linke Volkspartei geblieben, die sich beharrlich dem marktradikalen Kurs widersetzt? Führer war das die Sozialdemokratie - zumindest bis sie unter Gerhard Schröder und Tony Blair den "Dritten Weg" entdeckte (ein Synonym für Sozialabbau). Ursprünglich galten auch die Grünen als links. Es geht folglich nicht nur darum, Donald Trump irgendwie von seinem verhängnisvollen Kurs abzubringen. Es geht vielmehr darum, die westliche Gesellschaft grundlegend zu reformieren (Reform in der früheren Bedeutung von sozialem Fortschritt). Wenn der Westen hier versagt, wenn er sich in der geistigen Wagenburg des Nationalismus einigelt und allmählich intolerant wird, ist sein Abstieg vorprogrammiert. Dann wird spätestens das 22. Jahrhundert in der Tat ein chinesisches sein.