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27. April 2018, von Michael Schöfer
Wikipedia und die Hüter der Wahrheit


Aus Anlass der Verfügung der bayerischen Landesregierung, demnächst in allen Landesbehörden das Kreuz aufzuhängen (für Markus Söder gehört das Kreuz zu Grundfesten des Staates), sind wir im Kollegenkreis auf das Thema "Kreuzigung" gekommen. Es gab wohl vor kurzem im Fernsehen eine Dokumentation, die sich mit dieser barbarischen Hinrichtungsart befasst hat. Ich habe diese Sendung nicht gesehen, aber ein Kollege berichtete, dass die christliche Darstellung der Kreuzigung nachweislich falsch wäre, denn die Römer hätten damals die Nägel gar nicht durch die Handteller getrieben, weil der Verurteilte durch das Gewicht seines Körpers herabgefallen wäre. Und angeblich seien aus der Römerzeit keine Bilder von Kreuzigungen überliefert. Das hatte ich auch vorher schon irgendwo gelesen.

Mach dich schlau bei Wikipedia, dachte ich. Und was fand ich dort? Jede Menge Infos über die Kreuzigung. Aber leider auch ein paar bedenkliche Sätze: "Die Kreuzigung Jesu von Nazaret steht im Zentrum des Neuen Testaments (NT) und der christlichen Botschaft. Sie gilt als gesicherte Tatsache, da sie auch in frühen außerbiblischen Dokumenten belegt ist. Ihre historischen Ursachen sind jedoch umstritten." [1] Nanu, das hatte ich doch anders in Erinnerung! Als überzeugter Atheist habe ich mich bereits vor Jahrzehnten ernsthaft mit dem Christentum auseinandergesetzt (Motto: "Kenne deinen Gegner") und dabei viel über religiöse Mythen und historische Tatsachen gelernt. Dass Jesus von Nazaret im Allgemeinen und die Kreuzigung im Speziellen eine historische Tatsache sei, war mir daher neu.

Aber Wikipedia ist schließlich ein Mitmach-Lexikon, und deshalb habe ich gestern um 19.37 Uhr meinen gegenteiligen Standpunkt zumindest zur Diskussion gestellt:

Kreuzigung von Jesus
Zitat: "Die Kreuzigung Jesu von Nazaret steht im Zentrum des Neuen Testaments (NT) und der christlichen Botschaft. Sie gilt als gesicherte Tatsache, da sie auch in frühen außerbiblischen Dokumenten belegt ist. Ihre historischen Ursachen sind jedoch umstritten."

Hier muss ich widersprechen, da selbst die Existenz von Jesus als real existierende Person höchst unsicher ist, von der Kreuzigung ganz zu schweigen. Siehe in Wikipedia: "Außerchristliche antike Quellen zu Jesus von Nazaret"

Kein zeitgenössisches historisches Dokument erwähnt Jesus. Die Quellen, die von seiner angeblichen Existenz künden, sind lange nach den fraglichen Ereignissen entstanden, so zum Beispiel die 93 n.u.Z. entstandene Äußerung von Flavius Josephus, deren Echtheit zudem noch bezweifelt wird. Flavius Josephus kam erst 37 oder 38 n.u.Z. auf die Welt, kann das Ganze also nur durch Hörensagen bezeugen.

Die Kreuzigung von Jesus als "gesicherte Tatsache" darzustellen und ohne jeden Beleg respektive Datierung von "frühen außerbiblischen Dokumenten" zu schreiben, halte ich daher für sehr gewagt. Die Fakten geben das einfach nicht her. Meines Erachtens müssten die o.g. Sätze gelöscht werden. Oder der Autor bringt für seine Behauptung nachprüfbare Belege bei. Motto: Wikipedia-Artikel sollen nur überprüfbare Informationen aus zuverlässigen Publikationen enthalten.


Wohlgemerkt, ich habe die von mir beanstandeten Sätze bei Wikipedia keineswegs gelöscht, sondern lediglich auf der Diskussionsseite in Frage gestellt. Grundsätzlich gilt bei mir: Sollte jemand anderer Meinung sein und dafür Belege bringen, lasse ich mich sogar überzeugen. Aber ich erwarte von anderen genau die gleiche Haltung.

Doch heute Morgen musste ich bestürzt feststellen, dass mein Einwand zwischenzeitlich gelöscht wurde, und zwar exakt am 27. April 2018 um 05:20 Uhr. Benutzer "Kopilot" hat ihn mit der Bemerkung entfernt: "hier kein Meinungsforum, sondern Arbeitsseite aufgrund gültiger BELEGE. WP:DS". Der "Hüter der Wahrheit" bei Wikipedia hat es offenkundig nicht einmal für nötig gehalten zu schreiben: "Hey, deine Meinung ist falsch, denn Jesus wird in dem und dem oder jenem zeitgenössischen historischen Dokument erwähnt." Damit könnte man sich wenigstens auf einer rationalen Ebene auseinandersetzen und anschließend Argumente austauschen. Das verstehe ich im Übrigen auch unter einem demokratischen Diskurs, der in einer "offenen Gesellschaft" (Karl Popper) selbstverständlich sein sollte, ja im Grunde zu deren Funktionieren unerlässlich ist. Aber meine Zweifel haben wohl den Wikipedianer so gestört, dass er sie nicht einmal für diskussionswürdig hielt. Ich hingegen halte den von mir vorgebrachten Einwand nach wie vor für berechtigt, zumal ja auch andere Seiten bei Wikipedia sinngemäß das Gleiche sagen. Von etlichen Büchern religionskritischer Autoren ganz zu schweigen. Außerdem ist es naturgemäß recht schwierig zu belegen, dass jemand in historischen Dokumenten NICHT erwähnt wird.

Angesichts des intoleranten Gehabes darf man die Eigenwerbung von Wikipedia wohl mit Fug und Recht als pure Heuchelei bezeichnen. "Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten, zu denen du sehr gern beitragen kannst." Was dort nicht steht, ist: Du darfst nur etwas zu den Inhalten beitragen, wenn deine Beiträge genehm sind. Und was genehm ist, entscheiden die "Hüter der Wahrheit", die sich selbstverständlich für ihr Handeln nicht zu rechtfertigen brauchen. In den Grundsätzen von Wikipedia steht allerdings das Gegenteil:
  • Artikel sollen nur überprüfbare Informationen aus zuverlässiger Literatur enthalten.
  • Angaben, die nur mit Rechercheaufwand bestätigt werden können, sowie strittige Angaben und Zitate sind mit Herkunftsangaben zu belegen.
  • Die Pflicht, Informationen zu belegen, liegt bei dem, der sie im Artikel haben möchte, nicht bei dem, der sie in Frage stellt. In strittigen Fällen können unbelegte Inhalte von jedem Bearbeiter unter Hinweis auf diese Belegpflicht entfernt werden. [1]
Nimmt man das wirklich ernst, hätte der Autor der umstrittenen Zeilen seine Sätze belegen müssen. Stattdessen wurde mein - wie ich glaube - begründeter Einwand gelöscht, weil er angeblich nur eine Meinung vertritt. (Was beruht bei den Geburtsdaten von Flavius Josephus und dem Jahr der Veröffentlichung seines Werkes auf einer Meinung?) Die Löschung widerspricht den Grundsätzen von Wikipedia. Es versteht sich von selbst, dass eine Enzyklopädie, die in der Praxis mit solch fragwürdigen Methoden zustande kommt, auch inhaltlich mit größter Vorsicht zu genießen ist. Man weiß zum Beispiel nie, ob der dort vorhandene Inhalt auf Tatsachen beruht oder bloß die Meinung eines Ideologen wiedergibt. Natürlich darf jeder glauben, Jesus hätte tatsächlich gelebt und sei tatsächlich gekreuzigt worden. Aber solange seine Existenz unbelegt ist, haben Glaubenssätze in einem auf Wissen basierenden Lexikon nichts zu suchen (höchstens in der Form: "Christen glauben, dass…"). Wer unbedingt an Jesus glauben will, soll bitteschön zur Bibel greifen.

Ich habe übrigens einen zweiten Versuch unternommen - seit heute 17.50 Uhr steht auf der Diskussionsseite:

Kreuzigung von Jesus
Zitat: "Die Kreuzigung Jesu von Nazaret steht im Zentrum des Neuen Testaments (NT) und der christlichen Botschaft. Sie gilt als gesicherte Tatsache, da sie auch in frühen außerbiblischen Dokumenten belegt ist. Ihre historischen Ursachen sind jedoch umstritten."

Welche Dokumente? Belege? (Aus den Grundsätzen von Wikipedia: "Die Pflicht, Informationen zu belegen, liegt bei dem, der sie im Artikel haben möchte, nicht bei dem, der sie in Frage stellt.")

Zitat: "Die zeitgenössische Geschichtsschreibung hat Jesus ignoriert. Das ganze außerchristliche 1. Jahrhundert schweigt über ihn." (Quelle: Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn, 4. Auflage, Seite 18)


Mal gespannt, wie lange.

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[1] Wikipedia, Kreuzigung, Christentum
[2] Wikipedia, Belege (Hervorhebung von mir)

Nachtrag (27.04.2018, 20.52 Uhr):
Was zu erwarten war ist eingetreten: Kopilot hat erneut zugeschlagen, mein neuer Einwand wurde ebenfalls gelöscht. Hinweis von Kopilot um 19.39 Uhr: "die Belege stehen im Text und in Jesus von Nazaret#Einzelnachweise. Hier nur Beiträge zur Verbesserung dieses Artikels". Die von ihm genannten Einzelnachweise bestehen momentan aus 185 Quellenangaben. Doch was genau wo steht und konkret für die Existenz von Jesus und der Kreuzigung spricht, wird nicht erläutert. Im Wikipedia-Artikel "Jesus von Nazaret" steht unter "Nichtchristliche Quellen" wieder besagter Flavius Josephus, auf den ich aber bereits eingegangen bin. Tacitus soll um 117 (!) etwas in seinen Annalen berichtet haben. Genannt werden weiterhin Sueton (70 - 122) und ein gewisser Mara Bar Serapion (von dem man nicht viel weiß, sein Brief ist nur als Kopie aus dem 7. Jahrhundert erhalten, das Original wird auf eine Zeit zwischen 70 und 165 datiert). Somit alles keine Zeitzeugen, Belege bestenfalls vom Hörensagen. Und das obendrein in einer Kultur, in der die meisten Menschen Analphabeten waren und Geschichte(n) überwiegend mündlich überliefert wurde (mit allen daraus resultierenden Problemen, was ihre Authentizität angeht). Es bleibt dabei: Die Behauptung, die Kreuzigung gelte "als gesicherte Tatsache" und sie sei "auch in frühen außerbiblischen Dokumenten belegt", leidet unter dem eklatanten Mangel an entsprechenden Originaldokumenten. Aber die Wikipedianer sind unwillig oder unfähig, diese Diskussion zu führen. Für Autoren einer Enzyklopädie ein Armutszeugnis.

Nachtrag (28.04.2018):
Die Sache mit der Intoleranz bei Wikipedia wird immer toller. Recherchiert man im Internet, stößt man beispielsweise auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Darin wird beschrieben, wie hartnäckig manche Wikipedia-Autoren nachweislich falsche Angaben in der Enzyklopädie verteidigen. Wikipedia hinterlässt den Eindruck, von einer Reihe hyperaktiver Autoren quasi gekapert worden zu sein, die jede abweichende Meinung konsequent bekämpfen. [3] Viele werden nämlich genauso behandelt, wie es mir gerade ergangen ist, und dadurch natürlich vertrieben. Das habe inzwischen nicht nur dem Ruf der deutschen Wikipedia nachhaltig geschadet, darunter leidet zweifellos auch die Qualität des Online-Lexikons.
Aber es kommt noch besser: Offenbar gehört "Kopilot" ebenfalls zum Kreis dieser unermüdlichen Wikipedia-Autoren. Und er soll früher unter dem Benutzernamen "Jesusfreund" geschrieben haben, der bei Wikipedia für den Artikel "Jesus von Nazaret" zahlreiche Beiträge verfasst hat. Macht er auch jetzt noch unter "Kopilot". Und hier wird’s nun endgültig unseriös. "Kopilot" hat meine bibelkritischen Einwände gelöscht und als Begründung auf den Artikel "Jesus von Nazaret" verwiesen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Er rechtfertigt die Löschung mit Verweis auf einen Artikel, den er selbst maßgeblich mitverfasst hat. Im Grunde verweist er also auf sich selbst. Klingt ganz nach: "Die Bibel hat recht, steht schließlich in der Bibel."
Zudem: Wie unvoreingenommen kann jemand, der sich "Jesusfreund" nennt, über das Christentum schreiben? Nehmen wir an, ich würde bei Wikipedia unter "Leninfreund" über die Russische Revolution schreiben. Für wie objektiv würden Sie meine Beiträge halten? Vermutlich würden Sie mir unterstellen, ich sei voreingenommen. Außerdem gäbe es zu Recht massive Zweifel an der Qualität des Artikels. Insbesondere wenn "Leninfreund" auch noch jede abweichende Äußerung anderer Autoren konsequent löscht. In einer alten Version des inzwischen deaktivierten Wikipedia-Benutzers "Jesusfreund" findet sich folgendes Bekenntnis: "Egal, wie man zu Jesus steht: Man kann von ihm lernen. Das versuche ich. Er ist unser Freund; ob wir seiner sind, ist die Frage. Einen, der so für andere lebte und litt, kann man achten, verachten, lieben, hassen, aber nicht ignorieren. Dogmen, Macht, Frömmigkeit, Rechthaberei, Reichtum, Ruhm? Gemessen an Jesus alles Müll." Kann so jemand bibelkritische Beiträge tolerieren? Offensichtlich nicht.
Ich wundere mich, dass die Wikimedia-Foundation diesem haarsträubenden Treiben anscheinend tatenlos zusieht und so die Reputation der Enzyklopädie als zuverlässiges Nachschlagewerk aufs Spiel setzt. Spenden für Wikipedia? Mache ich nie wieder!

[3] Süddeutsche vom 16.12.2015

Nachtrag (04.05.2018):
John Weitzmann schreibt auf dem deutschen Blog von Wikimedia "Danke, aber das reicht nicht! #NoUploadFilter" und wendet sich damit gegen die Politik der Bundesregierung, die sich im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD noch gegen Upload-Filter ausgesprochen hat, aber auf EU-Ebene davon offenbar nichts mehr wissen will. Diese Scheinheiligkeit (von Wikimedia) hat mich zu einer E-Mail an den Betreiber der Enzyklopädie verleitet:

Betreff: Bitte erst einmal vor der eigenen Haustür kehren!
Sie schreiben: "Kein Freies Wissen ohne freien Austausch im Netz." Aber Sie unternehmen nichts dagegen, dass auf Wikipedia die Diskussion durch einige hyperaktive Benutzer entgegen den Wikipedia-Richtlinien unterbunden wird. Ich sage mal nur Benutzer "Kopilot".
Werden Sie doch erst einmal selbst Ihren eigenen Ansprüchen gerecht, bevor Sie es von anderen einfordern.


Ich bin nicht so naiv anzunehmen, eine Antwort zu erhalten, die über relativierendes Blabla hinausgeht.