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24. April 2019, von Michael Schöfer
Frauenfeindliche Unternehmen boykottieren?


"Es ist Zeit, die Geduld zu verlieren", meint Kathrin Werner von der Süddeutschen. Und sie hat mit ihrem zornigen Kommentar vollkommen recht. Die US-Elektronikkette "Best Buy" bekommt im Juni eine Frau als Vorstandsvorsitzende. Eine Frau! Die Zahlen sind zwar nicht gerade berauschend, doch laut Werner würden immerhin 26 Konzerne aus dem Leitindex Standard & Poor’s 500 von einer Frau geführt. S&P 500 ist ein Aktienindex, der die Aktien der 500 größten börsennotierten US-Unternehmen umfasst. Im Gegensatz dazu habe in Deutschland noch nie eine Frau ein DAX-Unternehmen geführt. Bei 160 an der Börse notierten deutschen Unternehmen betrage der Frauenanteil in den Vorständen gerade mal 8,8 Prozent. Willkommen im Jahr 2019. Außerdem sei die Cashflow-Rendite nach einer Studie der Bank Credit Suisse umso höher, je mehr Entscheidungspositionen mit Frauen besetzt sind. Die Diskriminierung von Frauen ist also anscheinend noch nicht einmal unter Rentabilitätsgesichtspunkten nachvollziehbar.

Deshalb ruft sie zum Boykott auf: "Vielleicht sollten sich junge Menschen, die mit besten Noten von den Universitäten kommen, bei Firmen ohne Frauen im Vorstand nicht bewerben. Vielleicht sollte niemand Ersparnisse in Aktien von Unternehmen anlegen, die nicht nachweisen können, dass sie Frauen fördern." [1] Werner rechnet vor: "80 Prozent der Kaufentscheidungen treffen Frauen, sogar bei Autos." Vielleicht sollte man bei frauenfeindlichen Unternehmen nichts mehr kaufen. Wunderbar, es ist lange genug über Frauenförderung gesprochen worden - was fehlt, sind konkrete Taten. Deren Ausbleiben ist mit nichts zu rechtfertigen. Und wenn eine Firma partout nicht will, muss sie es eben zu spüren bekommen.

Hinzuzufügen wäre aus meiner Sicht: Ich habe zwar keine Statistik geführt, aber werden solche Kommentare in der Süddeutschen nicht hauptsächlich von Journalistinnen geschrieben? Wäre es nicht an der Zeit, dass sich auch einmal die Herren Journalisten über die Diskriminierung von Frauen so energisch empören? Oder fällt das Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Redaktion überwiegend unter die Rubrik "Gedöns" (O-Ton Gerhard Schröder)? Will heißen: Für Männer eher uninteressant. Außerdem: Wenn die Angaben bei Wikipedia korrekt sind, gibt es unter den aktuellen Herausgebern, Chefredakteuren und Geschäftsführern der Süddeutschen ebenfalls keine einzige Frau. Es steht dort 7:0 für die Männer. Und seit 1951 gab es bei Deutschlands "größter überregionaler Qualitätstageszeitung" (Eigenwerbung) acht Chefredakteure, bislang allerdings keine einzige Chefredakteurin. An der Qualität der Journalistinnen kann's ja wohl nicht liegen. Offenbar ist selbst die Süddeutsche noch nicht im Jahr 2019 angekommen. Kathrin Werner wird mir doch hoffentlich nicht raten, künftig auch die SZ zu boykottieren, oder etwa doch?

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[1] Süddeutsche vom 23.04.2019