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28. Januar 2020, von Michael Schöfer
Totgesagte leben länger


Sie sind lästig, denn sie halten an der Supermarktkasse den Betrieb auf. Sie sind schwer, weil sie nach und nach den ganzen Geldbeutel ausfüllen. Ältere haben obendrein Probleme, sie voneinander zu unterscheiden. Die Rede ist von den Ein- und Zwei-Cent-Münzen. Schon seit langem wird überlegt, ob man die kleinen Kupfermünzen nicht ersatzlos wegfallen lassen soll. Nicht wie bei der Abschaffung des 500 Euro-Scheins, um die Geldwäsche oder den Drogenhandel zu erschweren, sondern vielmehr um den Konsumenten die ersehnte Erleichterung zu verschaffen. En passant wären dann auch die unsinnigen 99-Cent-Preise perdu, beim Bezahlen müsste auf- oder abgerundet werden.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Brüssel hat uns endlich erhört, denn die EU-Kommission will die Cent-Münzen tatsächlich abschaffen. [1] Allerdings werden wir wohl noch einige Zeit warten müssen, bis es wirklich so weit ist. Noch ist das Ansinnen nicht offiziell. Und wir erinnern uns: Auch die Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit empfinden viele als ziemlich lästig: 2018 sprachen sich in einer EU-weiten Online-Befragung rund 84 Prozent für ein Ende der Zeitumstellung aus. "Die Menschen wollen das, wir machen das", verkündete daraufhin der damalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.

Die Zeitumstellung existiert aber nach wie vor, deren Abschaffung zieht sich unerwartet in die Länge. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail, es sollte in Europa kein Flickenteppich an unterschiedlichen Zeitzonen entstehen. Und europäische Einigkeit, die dauert bekanntlich. Dieses Schicksal könnten die Ein- und Zwei-Cent-Münzen teilen. Motto: Totgesagte leben länger. Warum geht in Europa eigentlich immer alles so zäh? Inzwischen sind viele von den vollmundigen Ankündigungen der EU-Kommission enttäuscht. Das verwundert kaum. Hoffen wir wenigstens, dass die Ankündigung von Ursula von der Leyen, die EU bis 2050 klimaneutral machen (Green Deal), nicht ebenfalls im Bürokratiedickicht versandet.

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[1] tagesschau.de vom 28.01.2020