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Leserbriefe
(1981
- 1985)
LINKS-RECHTS-SCHEMA
Zu dem Leserbrief "In Zukunft
äußerst
wachsam sein" von Werner Lindhof (Frankenthal) in der Ausgabe vom 27.
Juni.
Herr Lindhof ist wohl der Meinung,
daß
es nur eine "richtige Meinung zum Verteidigungshaushalt" geben
muß,
nämlich die der Zustimmung. Angesichts der Vernichtungspotentiale
in Ost und West, der immer noch vorhandenen sozialen Ungerechtigkeiten
in den Industrieländern, einschließlich der Bundesrepublik
Deutschland,
kann ich das Stimmverhalten des Abgeordneten Sielaff sehr gut
verstehen.
Er versucht, dem Rüstungswahn in der Welt dadurch ein Ende zu
setzen.
Ist dies für Herrn Lindhof wirklich so unverständlich?
Herr Lindhof bedauert die
"aufrechten
Sozialdemokraten" und redet von Mandatsmißbrauch. Da die SPD
schon
immer eine antimilitaristische Partei war, kann ich Herrn Sielaff nur
bescheinigen,
daß er mit seinem Stimmverhalten diese Tradition aus
Vernunftgründen
weiterverfolgt. Dieser Antimilitarismus ist leider in der heutigen SPD
nicht mehr mehrheitsfähig, das Gegenteil wird heute sogar als
wahre
Sozialdemokratie verkauft. Weil viele die Identität mit der
heutigen
SPD verloren haben, was man gut verstehen kann, befindet sich diese
Partei,
die es allen recht machen will, auch, und vor allem bei der Jugend, im
Abwind.
Herr Lindhof sollte nicht, wie so
viele
andere, alles nur im Links-rechts-Schema sehen, besonders nicht bei
Gewissensfragen.
Vor allem bin ich enttäuscht,
daß
wieder einmal kritisch denkende Menschen, zu denen Horst Sielaff
gehört,
in die äußere linke Ecke gestellt werden. Dazu muß
gesagt
werden: Diffamierungen sind zwar leichter anzubringen, ersetzen aber
keine
Sachargumente.
(Die Rheinpfalz, 03.07.1981)
UNFRIEDE UM FRIEDLICHEN MARSCH
Ganz gleich, ob eine Demonstration
friedlich
oder von Gewalttätigkeiten begleitet verläuft; angeblich ist
alles, wie üblich, von Moskau gelenkt. Lothar Richter ist es
anscheinend
unmöglich, sich vorzustellen, daß auch harmlose
Normalbürger
in Frieden leben wollen und dafür auf die Straße gehen. Ich
möchte wissen, woher Lothar Richter das Recht nimmt, 300.000
Menschen
in einen Topf zu werfen und von ihnen zu behaupten, sie seien
linksextremistische
Chaoten. Nach Richters Auffassung ist es wohl undemokratisch, seine
Meinung
frei zu äußern, das heißt für eine alternative
Rüstungs-
und Verteidigungspolitik zu demonstrieren. Auch ist die Behauptung,
Erhard
Eppler habe nur die westliche Rüstung verurteilt, schlichtweg eine
Lüge. Gerade das Gegenteil ist der Fall. In einem allerdings
stimme
ich dem Kommentator zu: Es sollte dem Volk endlich Gelegenheit gegeben
werden, über Friedenspolitik abzustimmen.
(Die Rheinpfalz, 17.10.1981)
LEBEN UND FREIHEIT BEWAHREN
Zu den unter den Überschriften
"Für
den demokratischen Sozialismus" und "Kommunismus keine Lebensgarantie"
erschienenen Leserbriefen in der Ausgabe vom 12. Dezember.
In Deutschland scheint immer noch
die
Auffassung vorzuherrschen, daß jeder, der sich für eine
andere
Verteidigungspolitik und für mehr Demokratie ausspricht, ein
linksradikaler
Staatsfeind ist. Einmal davon abgesehen, daß es vielen
schwerfällt,
zwischen demokratischen Sozialisten und Kommunisten zu unterscheiden,
ist
es ein Akt böswilliger Diffamierung, Sozialdemokraten wie Sielaff,
Hansen und Coppik in eine Ecke zu stellen, wohin sie nicht
gehören.
Der grundlegende Unterschied zwischen demokratischen Sozialisten und
Kommunisten
ist leicht erklärbar. Demokratische Sozialisten wollen
Veränderung
durch Evolution, das heißt Bejahung des Staates, Kommunisten
wollen
Veränderung durch Revolution, das heißt Bekämpfung und
Ablehnung des Staates.
Auch scheint es mir
äußerst
seltsam, daß Sozialdemokraten, wie dem saarländischen
SPD-Landesvorsitzenden
und gleichzeitigen Oberbürgermeister von Saarbrücken, Oskar
Lafontaine,
vorgeworfen wird, sie wollten durch Änderung unserer derzeitigen
Verteidigungskonzeption
unsere Freiheit aufgeben. Zur Zeit ist es jedenfalls so, daß bei
einem militärischen Konflikt, das heißt wenn die
Abschreckung
versagt, die Bundesdeutschen wohl kaum diesen Konflikt überleben
würden.
Ist eine Verteidigungskonzeption nicht unglaubwürdig, wenn das zu
Verteidigende - das Leben - nach dem Verteidigungsfall vernichtet ist?
Tote sind nicht frei.
Man kann solchen Leuten wie
Lafontaine,
Hansen, Sielaff, Coppik nur dankbar sein, daß sie eine
Verteidigungskonzeption
anstreben, die das Leben und die Freiheit bewahrt. Man darf also nicht,
wie das Herr Cronauer aus Clausen getan hat, nur die Alternativen Tod
oder
Kommunismus als die einzig möglichen darstellen. Wer dies dennoch
tut, muß sich den Vorwurf der Unkenntnis und Demagogie gefallen
lassen.
Im übrigen ist zu bemerken, daß das, was die letzten 30
Jahre
funktioniert hat (die Friedenssicherung), für die Zukunft mit den
gleichen Mitteln nicht unbedingt weiterhin funktionieren muß. Wer
darüber nachdenkt, ist jedenfalls kein Staatsfeind, Freiheitsfeind
oder Linksradikaler, sondern ein verantwortungsvoller Demokrat.
(Die Rheinpfalz, 19.12.1981)
ZWEIERLEI MAß
Zu dem Solidaritätstag mit Polen
Wieder einmal erheben westliche
Politiker
ihre Stimmen, um zu heucheln. Sie prangern, zu Recht, die
Verhältnisse
im heutigen Polen an. Sie treten ein für Menschenrechte,
Demokratie
und Freiheit. Aber eben nur für die polnische Freiheit. In Chile,
Argentinien, El Salvador, Südkorea, Türkei und vielen anderen
Ländern in der westlichen Einflußsphäre werden die
Menschenrechte
auch mit Füßen getreten, Arbeiter und Bauern erschossen,
Gewerkschaftsfunktionäre
und Oppositionspolitiker gefoltert und beseitigt. Hier aber schweigt
der
Westen, schweigt US-Präsident Reagan, schweigt die Presse. Wer
sich
heute
für die Menschenrechte einsetzt, darf einfach nicht nur in eine
bestimmte
Ecke der Welt seinen Blick wenden, weil es gerade in sein Weltbild
paßt.
Der glühende Antikommunismus verleitet viele Politiker dazu, sich
für die polnische Gewerkschaft einzusetzen, während man im
eigenen
Land streikende Fluglotsen abführen läßt.
Mörderregimes
werden, sofern sie nur kommunistenfeindlich genug sind, vom Westen
unterstützt.
Demokratisch gewählte Regierungen werden nachweislich mit Hilfe
der
CIA gestürzt, wie das 1973 in Chile der Fall war. Faschisten
scheinen
ein besserer Garant für westliche Wirtschafts- und
Militärpolitik
zu sein. Auf der Strecke bleiben die Menschenrechte der
unterdrückten
Bevölkerung. Diejenigen, welche sich heute so lautstark für
die
Menschenrechte in Polen einsetzen, haben gestern, und werden es wohl
auch
morgen tun, in anderen Teilen der Welt unsagbares Leid und
unvorstellbare
Verbrechen zu verantworten.
Nicht, daß es schlecht
wäre,
wenn man sich für die Solidarität einsetzt, wenn man Freiheit
für alle Völker im Osten fordert, aber diese Heuchelei,
dieses
mit zweierlei Maß messen, ist mit einer ehrlichen, moralischen
Politik
nicht zu vereinbaren. Schaden nimmt nicht nur das Ansehen der
Politiker,
nein, auch der Westen verliert immer mehr Ansehen und
Glaubwürdigkeit
in der ganzen Welt. Eine solche Politik ist folglich langfristig
schädlich.
Solange Länder, die an sich den
Anspruch
stellen, eine Demokratie zu sein, also der Westen, und hier besonders
die
USA, Regimes wie die chilenische Militärjunta und die Regierung
von
El Salvador mit Waffen- und Wirtschaftshilfe unterstützen, solange
erscheint mir ein Solidaritätstag für das polnische Volk
höchst
unglaubwürdig. Moral ist, meiner Auffassung nach, nicht teilbar,
wie
man auch Verbrechen nicht nach Ideologie bewerten kann. Man sollte
besser
den Dreck vor der eigenen Haustüre fortkehren, als im Hof der
anderen,
sei es mit moralischer Entrüstung oder mit Wirtschaftssanktionen,
fegen zu wollen.
(Die Rheinpfalz, 06.02.1982)
Zu dem Leserbrief "Unterm
Deckmantel der
Entspannung" von Peter Kunze (Speyer) in der Ausgabe vom 13. Februar.
Es ist in der Tat meine Absicht
gewesen,
auf die Doppelmoral unserer Politiker hinzuweisen. Sind wir in
Deutschland
wieder so weit, daß man wegen seines Eintretens für die
Menschenrechte
Böswilligkeit unterstellt bekommt? Leider wird man, wie auch
wieder
von Ihnen, als kritisch denkender Mensch in eine bestimmte Ecke
gedrängt.
Auch habe ich nicht die Verhältnisse des Westens mit denen des
Ostens
verglichen, sondern darauf hingewiesen, daß Staaten in der
westlichen
Einflußsphäre von noch brutaleren Regimes regiert werden,
als
dies im Osten der Fall ist. 15.000 Verschwundene in Argentinien seit
1976
sprechen eine allzu deutliche Sprache.
Es ist schon seltsam, wenn Sie die
USA
derart verteidigen, sie wolle Diktaturen wie zum Beispiel Chile,
demokratischen
Verhältnissen zuführen. Haben Sie denn schon vergessen,
daß
die Militärjunta 1973 erst mit Hilfe des amerikanischen
Geheimdienstes
CIA und US-Konzernen an die Macht gekommen ist? Der damalige
Präsident
Chiles, Allende, war aus freien und geheimen Wahlen
rechtmäßig
als Sieger hervorgegangen, seine Amtsausübung nach demokratischen
Grundsätzen also gerechtfertigt. Diktator Pinochet versprach auch
gleich nach der Machtübernahme, zur Demokratie
zurückzukehren.
Wie man inzwischen weiß, hat er sein Versprechen nicht gehalten.
Ich durchschaue nicht die Logik der Politik der Vereinigten Staaten,
erst
eine Demokratie zu zerschlagen, um sie dann angeblich wieder errichten
zu wollen.
Moralisch verurteile ich, die
Menschenrechtsverletzungen
in Vietnam, je nach dem Zeitpunkt vor oder nach der kommunistischen
Machtübernahme,
gegeneinander aufzurechnen. Abschließend stelle ich die
Behauptung
auf, daß gerade Demokratien andere Politik betreiben sollten, als
dies der Westen gegenüber Lateinamerika tut. Es stünde den
Demokratien
schlecht zu Gesicht, wenn man feststellen müßte, daß
ihre
Außenpolitik sich in keiner Weise von der kommunistischer
Diktaturen
unterscheidet.
(Die Rheinpfalz, 20.02.1982)
FÜR ABRÜSTUNG IN OST
UND WEST
Zu dem Leserbrief "Primitive Hetze
gegen
die USA" von Michael Vorbeck (Röderhof) in der Ausgabe vom 24.
April.
Herr Vorbeck unternimmt, wie so
viele
vor ihm, den Versuch, die Friedensbewegung als "moskaufreundlich", ihre
Ziele als "utopisch" und ihre Vertreter als "Träumer" und
"Illusionisten"
zu diffamieren. Dazu nachfolgende Gegenargumente.
Spätestens seit der
Großdemonstration
am 10. Oktober 1981 in Bonn, erst recht nach den diesjährigen
Ostermärschen,
sollte man die Kritik an der Friedensbewegung, sie sei auf dem linken
Auge
blind, endlich einstellen. Aufmerksame Beobachter haben längst
festgestellt,
daß die überwiegende Mehrheit der Friedensbewegung
"Abrüstung
in Ost und West" fordert.
In einer Zeit, in der die rapide
Entwicklung
der qualitativen Eigenschaften von Atomwaffen den Frieden immer mehr
gefährden,
weil sie die Schwelle zum Atomkrieg kontinuierlich herabsetzen, in der
irrational große Übertötungskapazitäten in den
Arsenalen
der Großmächte zum Führen dieses Krieges bereitstehen,
muß man wohl begrüßen, wenn einige Mitbürger
beginnen,
die herkömmliche Verteidigungsdoktrin in Zweifel zu ziehen und
über
Alternativen nachdenken. Zur Zeit ist es so, daß ein Konflikt
zwischen
Ost und West den Tod der europäischen Völker zur Folge
hätte.
Ist eine Verteidigungsdoktrin, die das zerstört, was sie zu
verteidigen
vorgibt, das Leben in Freiheit, nicht änderungswürdig? Sind
Tote
frei?
Man sollte auch endlich akzeptieren,
daß
es zwischen Europa und den USA in bestimmten Punkten unterschiedliche
Interessen
gibt. Kritik an den USA ist wohl die legitime Vertretung der eigenen
Lebensinteressen.
Dies hat weder mit Anti-Amerikanismus noch mit primitiver Hetze gegen
die
USA etwas zu tun. Vasallenhafte Abhängigkeit, kritiklose Treue,
mit
allen Konsequenzen, zur westlichen Führungsmacht, paßt wohl
nicht in ein Bündnis von gleichberechtigten, demokratischen
Staaten.
Sicherheit und Frieden wird es nur
mit
dem potentiellen Gegner geben, sozusagen eine Sicherheitspartnerschaft.
Dazu ist eine Politik der Entspannung und des gegenseitigen Vertrauens
notwendig. Wer Frieden durch Angst, Konfrontation und Wettrüsten
erreichen
will, wird dies nie erreichen. Passend dazu folgende Feststellung: Von
650 vor Christus bis heute zählten die Historiker 1656 Versuche,
durch
Wettrüsten den Frieden zu bewahren. Dies führte 1640 Mal zum
Krieg. In den anderen Fällen zum wirtschaftlichen Ruin der
Beteiligten.
(Die Rheinpfalz, 30.04.1982)
AUSWEGE SUCHEN
"Absage an die Raumverteidigung",
Artikel
vom 22.07.1982
Man ist ja inzwischen gewohnt,
daß
hohe Politiker und Militärs die Anregungen der Friedensbewegung
leichtfertig
als illusorisch, nicht praktikabel oder gar höchst gefährlich
abtun. Auch Generalmajor Gottfried Greiner, Befehlshaber des
Territorialkommandos
Süd, ist "fassungslos" und äußert sich in "tiefer
Besorgnis"
über alternative Verteidigungskonzeptionen. Betroffen macht,
daß
er die z.Zt. gültige Konzeption (abgestufte Reaktion,
Vorneverteidigung),
die ja das, was sie zu verteidigen vorgibt, das Leben, im Falle ihrer
Anwendung
vernichtet, scheinbar als die einzig richtige ansieht. "Tief besorgt"
sollte
er sein, daß man Europa nach einem Konflikt nur noch als atomare
Wüste bezeichnen kann.
Riesige
Übertötungskapazitäten,
das Nachdenken führender Politiker und Militärs über
selektiven
Einsatz von Atomwaffen, über Warnschüsse, auf Europa
begrenzte
Atomkriege und Entwaffnungsschläge, machen vielen Menschen Angst.
Generalmajor Greiner anscheinend nicht. Qualitative Veränderungen
der Atomwaffen, die die Schwelle ihrer Anwendung kontinuierlich
herabsetzen,
Widersprüche der Abschreckungsdoktrin, sind wohl Grund genug
über
Auswege nachzudenken. Wie lange kann es sich die Menschheit noch
leisten
1 Billion Deutsche Mark jährlich für Rüstungsgüter
auszugeben, während Tausende und Abertausende von Menschen auf der
Welt verhungern? Haben wir nicht schon Probleme genug (Ökonomie,
Ökologie)?
Man kann Greiner nur recht geben, wenn er wesentlich mehr Wert auf
Kriegsverhinderung
legt als auf Kriegführungstaktiken. Konsequenterweise muß
man
dann aber auch Alternativen, wie z.B. die Raumverteidigung und reine
Defensivbewaffnung
der Bundeswehr ernsthaft durchdiskutieren.
(Mannheimer Morgen, 04.08.1982)
DEN USA GEHT ES UM BEGRENZUNG DES
OPFERS
"NATO: Nullösung nicht der
einzige
Weg"; "Zum Erfolg verdammt"; Bericht und Kommentar vom 01. Dezember
1982
Daß führende Politiker
diesseits
und jenseits des Atlantiks in Stellungnahmen zum
NATO-Doppelbeschluß
zu vereinfachender Darstellung neigen, daß sie dabei Sachverhalte
bewußt verdrehen und eine seltsam anmutende "Logik" an den Tag
legen,
haben inzwischen immer mehr Menschen erkannt. Dennoch dürfen
Behauptungen,
wie sie der amerikanische Verteidigungsminister Weinberger in die Welt
setzt, nicht unwidersprochen bleiben.
Jene, ein auf Europa begrenzter
Krieg
sei für die USA nicht denkbar und keineswegs eingeplant,
widerspricht
dem konkreten Handeln der USA. Wenn ein begrenzter Konflikt für
die
USA nicht denkbar wäre, wozu braucht man dann landgestützte
Mittelstreckenraketen
in Europa? Als Gegengewicht zur SS-20 wohl nicht, denn selbst die
Pershing
II kann die Startbasen der SS-20 nicht erreichen, wohl aber Moskau und
die in den westlichen Teilen der UdSSR gelegenen Industriezentren und
Ballungsgebiete.
Auch die oft herangezogene Gleichgewichtsthese ist keine ausreichende
Begründung.
Europa ist durch russische Mittelstreckenraketen schon seit Ende der
50er
Jahre bedroht, nicht erst durch die SS-20. Die in England stationierten
amerikanischen Bomber des Typs F-111, die dem Oberbefehlshaber der NATO
in Europa unterstellten Atom-U-Boote mit Polarisraketen, nicht zu
vergessen
die Atomwaffen Frankreichs und Großbritanniens, sind ein
Vielfaches
dessen, was man als Androhung eines untragbaren Schadens, also zur
Abschreckung
der UdSSR gegenüber benötigt.
Bin ich schwer unterlegen, gar
politisch
erpressbar, wenn mein potentieller Gegner mich zwanzig Mal vernichten
kann,
ich ihn dagegen "nur" achtzehn Mal? Wieviel an Vernichtungskraft ist
genug?
Das Argument, man brauche die Pershing II als Verhandlungsobjekt, um
die
Sowjetunion zu Zugeständnissen zu bewegen, um letztlich dann
ebenfalls
abzurüsten, ist wohl sehr fadenscheinig. Erstens hat so etwas noch
nie funktioniert und führte am Ende doch zu vermehrter
Aufrüstung,
weil dann sehr schnell die "Nachrüstung" als Antwort auf die
"Nachrüstung"
folgte usw., zweitens ist die Parole "Aufrüsten, um
abzurüsten"
scheinbar nur für Politiker und Militärs in sich logisch.
Wozu braucht man also die neuen
Mittelstreckenraketen
in den europäischen Waffenarsenalen? Den Vereinigten Staaten ist
es
damit erstmals möglich, mit sehr schnellen und treffsicheren
landgestützten
Mittelstreckenraketen die Sowjetunion zu erreichen, einen Konflikt aber
auf Europa zu begrenzen. Für die USA ist es nur allzu sinnvoll,
der
einzig wirklich sinnvolle Grund der Stationierung überhaupt, nicht
gleich New York und Washington für Hamburg und Hannover zu opfern.
Oder glaubt man hierzulande ernsthaft, daß die USA den
kollektiven
Selbstmord wählen, nur um die Bundesrepublik oder gar Teile davon
zu verteidigen? Ist ein solche Androhung nicht höchst
unglaubwürdig,
so oft auch die verbalen Bekundungen führender Politiker der USA
das
Gegenteil, nämlich gerade diesen Selbstmord, als
unverrückbaren
Grundsatz westlicher Verteidigung bekunden. Eines steht für die
Europäer,
und besonders für uns Deutsche fest. Unsere
Verteidigungskonzeption
ist, solange man das vernichtet, was man zu verteidigen vorgibt, nicht
sinnvoll. Selbst in der Friedensbewegung sind reine Pazifisten in der
Minderheit,
die Mehrheit ist für Verteidigung, nur nicht ausgerechnet für
die z.Zt. praktizierte. Sinnvolle Alternativen, von der reinen
Defensivbewaffnung
bis hin zu sozialer Verteidigung, müssen unbedingt ernsthaft in
Erwägung
gezogen werden.
(Mannheimer Morgen, 26.01.1983)
OVERKILL IST KEIN SCHUTZ
"Bonn: Der Schritt ist noch zu
klein";
Artikel vom 3. Januar 1983
Die "nüchterne Raketenbilanz"
kann
wohl so nicht ganz stimmen, legt man offizielle NATO-Angaben zugrunde.
Danach haben Frankreich und Großbritannien z.Z. zusammen 162
land-
und seegestützte Mittelstreckenraketen. Daß die
seegestützten
Mittelstreckenraketen zu den in SALT II aufgeführten strategischen
Waffen mitverrechnet wurden, ist schlichtweg falsch. Weder im Wortlaut
des SALT II-Vertrages, noch in den Kräftevergleichsstudien des
Bundesministeriums
für Verteidigung, des Stockholmer Friedensforschungsinstituts
(SIPRI)
und des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS) wurde
so
verfahren.
Selbst Dr. Werner Marx (CDU),
ehemals
Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages,
rechnete
in einer eigenen Studie die seegestützten Mittelstreckenraketen
zum
NATO-Potential in und für Europa. Die SALT-Gepräche waren
bilaterale
Rüstungsbegrenzungsverhandlung zwischen den USA und der
Sowjetunion,
französische und britische Systeme können somit kein
Verhandlungsgegenstand
gewesen sein. Aus diesem Grund sind sie auch nicht mitverrechnet
worden,
wie dies Herr Kilgus behauptet.
Geht man also davon aus, daß
nach
Annahme des sowjetischen Angebots beiden Seiten 162 Systeme zur
Verfügung
stünden, würde dies einen Abbau von fast 500
Mittelstreckenraketen
durch die Sowjetunion bedeuten, die NATO hingegen bräuchte keine
einzige
Rakete abzubauen. Das einzige "Opfer" der NATO wäre ein Verzicht
auf
die inzwischen sowieso immer fragwürdiger gewordene sogenannte
Nachrüstung.
Um eine Verschrottung der abzubauenden sowjetischen Raketen zu
erreichen,
eine Verlagerung hinter den Ural ist in der Tat unzureichend, kann im
Vertragstext
ein entsprechender Passus aufgenommen werden.
Daß, wie Herr Kilgus uns
einreden
will, die vorhandenen Atomwaffen nicht als Abschreckungsschutz
genügen,
kann er doch nicht wirklich glauben. 162 Systeme, also 162
Sprengköpfe,
wovon jeder einzelne ein Mehrfaches an Sprengkraft im Vergleich zur
Hiroshima-Bombe
besitzt, sollen nicht genügen? Wir werden unsere Sicherheit nicht
dadurch erhöhen, daß wir noch mehr Overkill-Kapazitäten
aufbauen, nur größere Unsicherheit wird die Folge sein.
(Mannheimer Morgen, 14.01.1983)
MEHR MUT ZU NEUEN WEGEN
Zum Leserbrief des Kollegen
Klaus-Dieter
Hoffmann "Entschlossenheit und Abrüstungsbereitschaft" in der
Ausgabe
Mai '83, Seite 14
Um von vornherein
Mißverständnisse
zu vermeiden, betone ich gleich zu Beginn, daß Kollege Hoffmann
natürlich
recht hat mit seiner Einschätzung der Unterschiede zwischen Ost
und
West. Hier eine demokratische, dort eine totalitäre
Gesellschaftsform.
Konsens besteht auch in der Frage der Verteidigungswürdigkeit
unserer
Gesellschaftsform.
Reformbedürftig allerdings
erscheint
mir, im Gegensatz zu ihm, unsere Verteidigungspolitik. Diese basiert
auf
der Theorie der Abschreckung, unterliegt aber fundamentalen
Widersprüchen.
Der Hauptwiderspruch ist, daß der Einsatz von Nuklearwaffen
angedroht
wird, jener aber wiederum niemals stattfinden darf, weil durch ihren
Einsatz
gerade das vernichtet würde, was man zu verteidigen vorgibt
(Territorium,
Leben, materielle und kulturelle Güter). Um dieses Dilemma zu
beseitigen,
als Abschreckung wieder glaubwürdiger zu machen, versucht man mit
neuen Einsatzdoktrinen und qualitativ verbesserten Nuklearwaffen die
Anwendung
derselben zu ermöglichen. Beides senkt wiederum die Schwelle zur
Anwendung
von Waffen überhaupt, weil Kriege scheinbar wieder führbar
werden,
was angesichts der Folgen eines auch "nur" begrenzten taktischen
Atomkrieges
zumindest für die Europäer nicht akzeptabel ist. Diese
Widerspruch
bleibt, solange man am Abschreckungssystem in der jetzt praktizierten
Art
und Weise festhält, unauflöslich.
Vier Jahrzehnte, wie Kollege
Hoffmann
unterstreicht, hat es in unserer Region (und nur dort) gehalten, das
muß
aber in der Zukunft nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben. Gerade die
beängstigende
Entwicklung der qualitativen Eigenschaften der Waffensysteme macht den
Zusammenbruch des Abschreckungssystems immer wahrscheinlicher. Durch
erhöhte
Treffgenauigkeit, extrem kurze Flugzeiten, und damit dementsprechend
verringerten
Vorwarn- und Reaktionszeiten, rückt ein Atomkrieg aus Angst, durch
Irrtum oder technischem Versagen in den Bereich des Möglichen. Das
Festhalten des Kollegen Hoffmann am sogenannten Nachrüstungsteil
des
Doppelbeschlusses erscheint mir aus vorgenannten Gründen nicht
verständlich,
da gerade die neuen Mittelstreckensysteme der NATO jene Eigenschaften
besitzen,
also nicht mehr, sondern weniger Sicherheit bedeuten und somit
destabilisierend
wirken.
Angesichts der vorhandenen
Overkill-Kapazitäten
in Ost und West ist eine weitere Vergrößerung dieser
völlig
sinnlos. Ich bin weder unterlegen noch erpressbar, weil ich meinen
potentiellen
Gegner "nur" fünfzehnmal, er mich aber zwanzigmal vernichten kann.
Sollte die NATO ihren Bestand an Sprengköpfen auch von 20.000 auf
35.000 erhöhen, Tatsache ist und bleibt, daß 200
genügen
würden, um alles Leben auszuradieren, wo immer wir es wollten. Nur
Begrenzung
des eigenen Potentials auf ein realistisches Maß (auch
einseitig),
ohne dabei die Verteidigungsfähigkeit einzubüßen, kann
den Weg zur Abrüstung in Ost und West ebnen. Aufrüsten, um
abzurüsten
ist unlogisch. Die überwiegende Mehrheit der Friedensbewegung ist
ja auch nicht gegen Verteidigung, nur nicht für die z.Z.
praktizierte
Form dieser (Alternativen: u.a. Defensivbewaffnung, Soziale
Verteidigung).
Leider ist eine solche
Verteidigungspolitik
noch nicht Realität. Aber durch die Friedensbewegung, wobei ich
die
Gewerkschaften als Teil der Friedensbewegung ansehe, ist ein
Prozeß
des Nachdenkens in Gang gekommen. Die Tatsache, daß diese
Friedensbewegung
immer größer wird, daß sie vor allem zum
überwiegenden
Teil nicht einseitig ist, zeigt die Kraft ihrer Argumente. Wenn die
Friedensbewegung
die herkömmliche Art der Verteidigung in Frage stellt, bedeutet
das
ebensowenig einen Angriff auf unsere Demokratie. Meinungsvielfalt ist
doch
ein sehr wesentlicher Bestandteil eines demokratischen Staatswesens.
Aus diesem Grund halte ich Kritik an
der
Regierung sogar als notwendig für den Bestand dieser Demokratie.
Friedhofsruhe,
nein danke!
Letztendlich sind gerade Demokratien
besser
in der Lage, neue Wege zu beschreiten. Jene sind innerlich gefestigter,
weil auf breiter Zustimmung im Volk basierend, und dadurch flexibler
als
Diktaturen. Kollege Hoffmann ruft auf zu "mehr Mut zur Zukunft", dem
füge
ich hinzu: Mehr Mut zu neuen Wegen!
(Deutsche Polizei, August 1983)
SPÄTE EINSICHT ZU PINOCHET
"Geißler droht mit
Konsequenzen",
Bericht vom 11. Juli 1983
Jetzt endlich scheinen auch die
Unionsparteien
wahrzunehmen, daß in Chile alles andere als demokratische
Zustände
herrschen. Die Verhaftung des Parteivorsitzenden der chilenischen
Christdemokraten,
Gabriel Valdez, wertet der CDU-Generalsekretär Heiner
Geißler
als "schwerwiegenden Verstoß gegen fundamentale Menschen- und
Bürgerrechte",
sogar Konsequenzen für die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik
und Chile werden angedroht. Nicht, daß die Bewertung
Geißlers
falsch wäre, auch Maßnahmen gegen das Regime in Chile sind
zu
befürworten, jedoch kommt die Einsicht eines führenden
CDU-Politikers
10 Jahre zu spät.
Zur Erinnerung: Vor 10 Jahren, im
September
1973, putschte das chilenische Militär unter Führung des
Generals
Pinochet gegen die demokratisch gewählte Regierung des Sozialisten
Allende. Tausende fielen den brutalen Militärs zum Opfer, fortan
galt
Chile als Negativbeispiel für Militärdiktaturen. Trotz der
offensichtlich
totalitären Wirklichkeit war es kein Geringerer als
CSU-Vorsitzender
Strauß, der vor einigen Jahren zum dem Diktator Pinochet sagte:
"Herr
Pinochet, erhalten Sie die Demokratie in ihrem Lande" - welch seltsames
Demokratieverständnis. Man stelle sich den Proteststurm von seiten
der Union vor, hätte ein Sozialdemokrat je diesen Satz in der
Sowjetunion
zu dem Generalsekretär der KPdSU gesagt.
Es drängt sich der Eindruck
auf,
daß die Union mit zweierlei Maß mißt. Solange
Sozialisten
abgeschlachtet werden, hört man bei ihr keine Stimme gegen solches
Vorgehen. Erst als ein Christdemokrat verhaftet wird (10 Jahre nach dem
Putsch), protestiert die Union. Es wird Zeit, daß CDU und CSU,
zumal
sie jetzt Regierungsparteien geworden sind, ihr Verhältnis zu den
Militärdiktaturen in der Welt kritisch überprüfen.
(Mannheimer Morgen, 25.07.1983)
EINDEUTIG ZUGUNSTEN DER
UNTERNEHMER BEANTWORTET
"Belastungsprobe durch
35-Stunden-Woche",
Leserbrief vom 15. September 1983
Nach seinem Leserbrief zu urteilen,
hat
der Mannheimer Stadtrat Werner Dietz (CDU) grenzenloses Vertrauen in
unsere
Wirtschaftsordnung. Diese habe ja schließlich einen in der
bisherigen
Wirtschaftsgeschichte einmaligen Massenwohlstand ermöglicht.
Daß
dieser Wohlstand durch zunehmende Umweltverschmutzung, Vergeudung von
unersetzbaren
Rohstoffen, Entmenschlichung der Arbeitswelt und nicht zuletzt durch
eine
andauernde Massenarbeitslosigkeit fragwürdig geworden ist, scheint
noch nicht zu Herrn Dietz durchgedrungen zu sein. Da, seiner Meinung
nach,
das Grundproblem unserer Wirtschaftsmisere die "zu hohen Kosten je
produzierter
Einheit" sind, möchte er alles unterlassen, was diese Kosten
erhöht.
Mit anderen Worten: Die Wirtschaft (Unternehmer) soll möglichst
von
den angeblich zu hohen (Lohn-) Kosten entlastet werden. Die Grundfrage,
wem unsere Wirtschaftsordnung dienen soll, wird damit eindeutig
zugunsten
der Unternehmer beantwortet.
(Mannheimer Morgen, 30.09.1983)
GRUNDLAGE IST DAS LEBEN
"Zu lasche Haltung der Demokraten",
Leserbrief
vom 28. November 1983
Natürlich hat Herr Kniza recht,
wenn
er Werte wie Demokratie und Freiheit verteidigen will, notfalls auch
mit
Waffengewalt. Verteidigung sollte aber sinnvoll sein, d.h. sie
muß
eine Schutzfunktion ausüben. Sinnvolle Verteidigung ist mit
Atomwaffen
nicht möglich, weil bei deren Einsatz gerade das vernichtet
würde,
was man zu verteidigen vorgibt. Wenn auch nur ein Bruchteil dessen, was
heute in den Arsenalen der NATO und des Warschauer Paktes vorhanden
ist,
zum Einsatz käme, wäre Europa nichts anderes als eine
radioaktive
Wüste. Atomwaffen haben demnach nur eine Vergeltungsfunktion
(primitive
Rache), keine Schutzfunktion.
Frieden allein ist nicht wert, wenn
Demokratie
und Freiheit fehlen, schreibt Herr Kniza. Wie wahr, aber ohne Frieden
ist
alles andere nicht praktizierbar bzw. zu erhalten. Zuerst muß die
Grundlage, das Leben, gesichert sein. Aus diesem Grund engagieren sich
viele Demokraten in der Friedensbewegung. Solange die gültige
NATO-Strategie
den kollektiven Selbstmord als "Verteidigung" propagiert, wird sich die
betroffene Bevölkerung zu Recht dagegen wehren. Gegen sinnvolle
Verteidigung
hat niemand etwas einzuwenden, auch nicht die Friedensbewegung.
(Mannheimer Morgen, 31.12.1983)
FEINDBILDER
Nachdem das Ergebnis der
unabhängigen
Untersuchung des Marktplatz-Vorfalles vorliegt (MM v. 7. Mai 1984) und
sich herausgestellt hat, daß die Polizeibeamten in Notwehr von
der
Dienstwaffe Gebrauch gemacht haben, werden sich die Herren Hüneke
(DGB-Kreisvorsitzender) und Sölle (Grünen-Gemeinderat) nun
bei
den betroffenen Beamten für ihre ungerechtfertigte Vorverurteilung
entschuldigen? Müssen sich nicht all jene Vorverurteiler
selbstkritisch
die Frage stellen, ob sie einem Feindbild aufgesessen sind?
Ich war enttäuscht, als auf der
Kundgebung
des diesjährigen Ostermarsches, an dem ich aus Überzeugung
gegen
den Rüstungswahn teilgenommen habe, verschiedene Redner von
vornherein
die Polizei verurteilten, obwohl den wenigsten der genaue Ablauf des
Vorfalles
bekannt war. Die Friedensbewegung kämpft gegen irrationale
Feindbilder.
Doch sollte man sich davor hüten, nur solche Feindbilder
abzubauen,
die nach außen gerichtet sind.
Es gibt auch Feindbilder innerhalb
unserer
Gesellschaft, die genauso konsequent bekämpft werden müssen.
Eines davon ist m.E. durch diesen Vorfall offensichtlich geworden,
nämlich
das Feindbild "Polizei". Wer hinter jeder Uniform einen Faschisten
sieht
(gleichwohl ob Polizei oder Bundeswehr), wer glaubt, daß jeder
Polizeibeamte
ein Anti-Demokrat und Ausländerhasser ist, der sollte sich einmal
eingehend selbstkritisch überprüfen.
Feindbilder, nach innen und
außen,
sind gefährlich. Wer jedoch nur einseitig Feindbilder
bekämpft,
wie er es gerade braucht, ist unehrlich. Die Friedensbewegung sollte,
um
glaubwürdig zu bleiben, ihre eigenen Ratschläge beherzigen.
(Mannheimer Morgen, 09.05.1984)
ERSPART BLEIBEN
"Noch nie den Geist der
Solidarität
geschnuppert"; Leserbriefe vom 14. Juni 1984
Der Geist der Wende weht durch unser
Land,
reaktionäre Ansichten sind wieder auf dem Vormarsch. Und das nicht
nur auf den Bonner Regierungsbänken, sondern auch in den
Leserbriefen.
So jedenfalls mag es vielen Lesern in den Sinn gekommen sein, als sie
die
Leserbriefe von Herrn Wieland und Frau Kistner gelesen haben.
Da wurde wieder einmal kräftig
auf
die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften gescholten. Herr Wieland
glaubt
gar, "die bundesrepublikanische Freiheit geht zu weit", unsere Gesetze
seien zu "lax" und die Ordnung wäre gefährdet. Wie gehabt. Am
besten kehrt man die Probleme unter den Teppich und ruft nach dem
starken
Mann. Das hatten wir schon einmal. Was dabei herausgekommen ist, haben
viele noch in schmerzlicher Erinnerung. Ruhe und Ordnung scheint
für
Herrn Wieland das Höchste zu sein - welch verkrüppeltes
Demokratieverständnis.
Ähnlich Frau Kistner. Sie
behauptet
doch ernsthaft, daß früher, als noch 70 bis 80 Stunden in
der
Woche gearbeitet wurde (bei geringerem Lohn versteht sich), die
Menschen
auch nicht unzufriedener waren. Wie glücklich muß ihr
Groß-
oder Urgroßvater gewesen sein, und wie muß sie doch unter
der
40-Stunden-Woche leiden.
Eines haben beide
Leserbriefschreiber
jedenfalls nicht getan: Alternativen aufgeführt. Keiner behauptet,
die 35-Stunden-Woche sei das Patentrezept für unsere strukturelle
Wirtschaftskrise. Aber sie ist sicherlich ein Beitrag dazu, die
Arbeitslosigkeit
zu mildern. Was ich Herrn Wieland und Frau Kistner einmal wünschen
würde, wären 10 Jahre ohne Gewerkschaft, 10 Jahre ohne den
Einsatz
der Arbeitnehmerpartei SPD, demzufolge 10 Jahre unumschränkte
Herrschaft
der Konservativen und Unternehmer. Ob sie dann immer noch solche
Ansichten
hätten? Wohl kaum! Den anderen aber möge so etwas erspart
bleiben.
(Mannheimer Morgen, 06.07.1984)
ROTSTIFT-POLITIK
Daß in unserer Gesellschaft
der
Gruppenegoismus wesentlich stärker ausgeprägt ist als die
praktische
Solidarität, konnte man wieder einmal dem Artikel des "Mannheimer
Morgen" "Karnevalisten vergeht das Lachen bei städtischer
Rotstift-Politik"
vom 4. Januar 1985 entnehmen. Während in der ganzen Republik den
Arbeitslosen,
Rentnern, Behinderten, Sozialhilfeempfängern und auch dem
durchschnittlich
verdienenden Arbeitnehmer staatliche Beihilfen gestrichen werden bzw.
höhere
Belastungen auferlegt werden, beschweren sich die Karnevalisten
über
die Kürzung der Zuschüsse für den Fastnachtszug.
Angesichts der Haushaltslage der
Stadt,
worüber der "Mannheimer Morgen" vor den Kommunalwahlen
ausführlich
berichtete, und angesichts der Tatsache, daß die leider
notwendigen
Sparmaßnahmen aller öffentlichen Kassen bei vielen
Mitbürgern
z.T. existenzbedrohende Auswirkungen haben, darf man ein solches
Verhalten
nur als realitätsfern bezeichnen. Bedauerlicherweise ist es
üblich,
eine Sparpolitik zwar grundsätzlich positiv zu bewerten, jedoch
nur,
wenn es nicht die eigene Gruppe trifft. "Gespart werden soll, nur nicht
bei uns", hört man allenthalben. Daß die Besserverdienenden
ihre Kassen mit Hilfe der Bundesregierung einem Solidarbeitrag entzogen
haben, sollte für die betroffenen Karnevalsvereine kein
nachzuahmendes
Beispiel sein. Wenn gespart werden soll, dann bei allen. Einer
solchermaßen
ausgerichteten Sparpolitik der Stadt Mannheim dürfte die
Unterstützung
der überwiegenden Mehrheit sicher sein. Und letztendlich sei
bemerkt,
daß soziale Maßnahmen m.E. wohl sinnvoller sind als
pompöse
Fastnachtsumzüge. Mit anderen Worten: Existenzsicherung geht vor
Volksbelustigung.
(Mannheimer Morgen, 10.01.1985)
Es ist vollkommen
unverständlich,
daß die Vertriebenenfunktionäre (siehe Leserbrief Anna-Maria
Kloses, FR v. 30.5.) immer noch den "Bolschewismus" als Ursache der
Vertreibung
bezeichnen und die Rückgabe der "widerrechtlich entwendeten
Gebiete"
verlangen. Mit welchem Realitätsverlust muß man geschlagen
sein,
wenn man die Ursache der Teilung Deutschlands und des Verlustes der
ehemals
deutschen Ostgebiete nicht in der Aggressions- und Eroberungspolitik
der
Nationalsozialisten und ihrer Anhänger zu sehen vermag? Man kann
doch
nicht einen Krieg mit dem erklärten Ziel der
Völkervernichtung
und Gebietserweiterung entfachen und nach der militärischen
Niederlage,
so als wäre überhaupt nichts geschehen, zum Status quo ante
zurückkehren.
Vor allem: die Vertriebenen reden
nur
von der Wiedergutmachung zugunsten der Deutschen. Wann sprechen sie
endlich
über die Wiedergutmachung an den Opfern des von Deutschland
begonnenen
Krieges, zum Beispiel an den schwer leidenden Völkern Polens und
der
Sowjetunion? Die endgültige Abtretung der Ostgebiete hätte
sicherlich
einen Wiedergutmachungscharakter zugunsten Polens und der Sowjetunion,
die Forderung nach Rückgabe den Charakter von Uneinsichtigkeit.
(Frankfurter Rundschau, 10.06.1985)
Bezug: Artikel im Mannheimer
Morgen v.
09.07.1985
Tatsache ist, daß Nicaragua
von
außen permanent bedroht und angegriffen wird, und zwar durch die
von den USA finanzierten und ausgebildeten Contras. Tatsache ist,
daß
die USA - entgegen jedem Völkerrecht - die nicaraguanischen
Häfen
vermint haben, den Friedensplan der Contadora-Gruppe blockieren und von
vornherein Urteile des Internationalen Gerichtshofs nicht anerkennen.
Tatsache
ist auch, daß die USA Nicaragua wirtschaftlich ruinieren wollen
und
selbst eine militärische Invasion nicht mehr ausschließen.
Nicht
Nicaragua ist moralisch und juristisch im Unrecht, sondern die USA.
(Mannheimer Morgen, 20.07.1985)
JEDEN WAHNSINN MITMACHEN?
"Verdrehte Tatsachen", Leserbrief
vom
28.11.1985
Klar, die Sowjetunion soll angeblich
schon
länger als die USA an einer Raketenabwehr im Weltall arbeiten.
Selbst
wenn dem so wäre - ich erinnere nur an die sogenannte
Raketenlücke
in den sechziger Jahren, die es in Wirklichkeit nie gab, aber als
Rechtfertigung
für die Aufrüstung der USA herhalten mußte -, muß
man denn jeden Wahnsinn der anderen Seite mitmachen? Aufrüstung
ist
Wahnsinn, aber heilt man Wahnsinnige dadurch, indem man sich selbst wie
ein Wahnsinniger verhält?
(Mannheimer Morgen, 11.12.1985)
AUFGABE DER OPPOSITION
"Die Nebenaußenpolitik der
SPD",
Brief vom 11.12.85
Wenn der CDU-Kreisvorsitzende Josef
Bugl
(MdB) schreibt, die Bundesregierung strebe die totale Abschaffung der
chemischen
Waffen an, so ist das nur zu begrüßen. Völlig
unverständlich
hingegen ist die Haltung der Bundesregierung, eine chemiewaffenfreie
Zone
in Europa abzulehnen. Je weniger Waffen, desto besser. Selbst
Bundeskanzler
Kohl versichert als Ziel seiner Politik: "Frieden schaffen mit immer
weniger
Waffen."
Wer, wie Herr Bugl, immer nur
Maximalforderungen
aufstellt, jedoch Zwischenlösungen kategorisch ablehnt, dem darf
man
den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit nicht ersparen. Und wer nichts
gegen
die Untätigkeit der Bundesregierung unternimmt, der darf sich
nicht
über die Aktivitäten der Opposition wundern.
Ablenkungsmanöver,
wie der Vorwurf einer "Nebenaußenpolitik" an die Adresse der SPD,
helfen da nicht weiter.
(Mannheimer Morgen, 21.12.1985)
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