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Leserbriefe
(1986
- 1990)
VERFAHREN GEGEN KRIELE
Die Kritik von Martin Kriele an den
Verhältnissen
in Nicaragua und der Position der SPD hierzu halte ich für
unsachlich
und wird m.E. der Wirklichkeit in dem mittelamerikanischen Land nicht
gerecht.
Als Sozialdemokrat muß ich jedoch ein Parteiordnungsverfahren
gegen
Kriele (FR-Bericht 15.1.86) aufs schärfste verurteilen.
In der SPD sollten Argumente und
nicht
Parteiordnungsverfahren über die Richtung der Sozialdemokratie
entscheiden,
auch wenn ein Parteimitglied den Parteivorsitzenden und die SPD heftig
attackiert. Jedes Parteimitglied hat ein Recht auch auf öffentlich
geäußerte Kritik, das ist für mich ein unverzichtbarer
Grundsatz einer demokratischen Partei. Wo kommen wir denn hin, wenn die
jeweilige Mehrheitsmeinung nicht mehr zur Diskussion gestellt werden
darf
und Kritik als parteischädigend empfunden wird? Hätte man
also
auch auf die Kritik am NATO-Doppelbeschluß verzichten sollen?
Nein,
wer für eine lebendige innerparteiliche Demokratie eintritt,
muß
sich gegen ein Parteiordnungsverfahren aussprechen, selbst wenn er
nicht
die Meinung von Martin Kriele teilen kann.
Wer durch Parteiordnungsverfahren
Kritiker
mundtot machen will, setzt sich ins Unrecht. Vor einigen Jahren war ich
gegen den Parteiausschluß von Karl-Heinz Hansen, aus dem gleichen
Demokratieverständnis heraus muß ich jetzt gegen den
Parteiausschluß
Krieles sein.
Meinungsfreiheit darf sich nicht
danach
richten, welche Meinung vertreten wird und wer sie äußert.
"Freiheit
ist immer die Freiheit des Andersdenkenden", auch die SPD sollte diesen
Grundsatz Rosa Luxemburgs beherzigen.
(Frankfurter Rundschau, 22.01.1986)
UNSINNIGE ZAHLENVERGLEICHE
"Moskau kann Rüstung
modernisieren";
Bericht vom 23.1.86
In jedem Jahr wird von
NATO-Rüstungsexperten
eine Studie vorgelegt, die beweisen soll, daß die Sowjetunion
wesentlich
mehr in Rüstungsgüter investiert als der Westen und wir
demzufolge
unsere Rüstungsanstrengungen beträchtlich verstärken
müssen.
Der NATO-Bericht 1986 spricht von sowjetischen Rüstungsausgaben in
Höhe von 13 - 14 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts
(BSP).
"Das wäre mehr als das Doppelte der NATO-Länder", versichert
der NATO-Bericht.
Daß das BSP der
NATO-Länder
mit 5831 Milliarden US-Dollar aber mehr als dreimal so hoch ist wie das
BSP der Warschauer-Pakt-Staaten (1697 Mrd. US-Dollar), wird
verschwiegen.
(Angaben entnommen aus: ÖTV-Argumente, Februar 1985, Seite 36) Wer
mit Halbwahrheiten operiert, wird unglaubwürdig. Die
Kräftevergleichsstudien
beider Bündnissysteme haben nur den einen Zweck, nämlich die
eigene Rüstung mit der angeblichen Überrüstung der
jeweiligen
Gegenseite zu rechtfertigen. Einer fühlt sich dem anderen
unterlegen,
das Resultat nennt man Wettrüsten. Wie lange kann sich die
Menschheit
diesen Irrsinn noch leisten?
(Mannheimer Morgen, 14.02.1986)
BEVORMUNDUNG DURCH TEMPOLIMIT
Glücklicherweise liest man
selten
einen so mit Vorurteilen und realitätsfernen Argumenten
überfrachteten
Leserbrief, wie den von Horst Dieter Grundmann (Bevormundung durch
Tempolimit,
in der Ausgabe v. 27.12.1986).
Im Gegensatz zur Auffassung Herrn
Grundmanns
beweisen die konkreten Erfahrungen in den USA, daß durch ein
Tempolimit
die Unfallhäufigkeit sinkt und nicht steigt. Völlig
unverständlich
ist die Argumentation Grundmanns, ein Tempolimit würde die
Umweltbelastung
praktisch nicht verringern. Jeder Autofahrer weiß doch, daß
er für eine gleich lange Wegstrecke bei Tempo 150 wesentlich mehr
Kraftstoff verbraucht als bei Tempo 100. Allein schon mathematische
Gesetzmäßigkeiten
zwingen zu der Einsicht, daß der Verbrauch von 10 Litern mehr
umweltschädliche
Abgase freisetzt als ein Verbrauch von 5 Litern. Und mathematische
Gesetzmäßigkeit
sind von jeglicher ideologischer Ausrichtung unabhängig.
Die Notwendigkeit von
Umweltschutzmaßnahmen
wird Herr Grundmann doch nicht ernstlich in Abrede stellen wollen, dazu
sind die Umweltschäden (Waldsterben) schon zu offensichtlich
geworden.
Und zum Schluß: Das Argument, "hinter dem Tempolimitgerede" stehe
hauptsächlich der "Neid der linken Seite", ist geradezu
lächerlich.
Worauf sollte man denn neidisch sein, angesichts der hirnlosen Raserei
auf bundesdeutschen Autobahnen? Daß unsere Gesellschaft mit einem
derartigen Verhalten die Umwelt zerstört, weckt keinesfalls
Neidgefühle,
sondern eher tiefe Besorgnis über die Zukunft der Menschheit.
(Mannheimer Morgen, 12.01.1987)
WARUM KEINE GRIECHIN
"Verfrühter Aprilscherz",
Leserbrief
vom 4./5.4.87
"Eine Griechin als Sprecherin einer
deutschen
Partei! Man muß sich an den Kopf fassen, ob man nicht
träumt",
schreibt Herr Rößler aus Ludwigshafen in seinem Leserbrief.
Leider ist das, wie wohl jedes Parteimitglied bestätigen kann,
keine
Ausnahmereaktion auf den Vorschlag Willy Brandts, eine Ausländerin
zur Vorstandssprecherin zu machen.
Bedauerlicherweise wird bei der
ganzen
Diskussion völlig die unbestreitbare Qualifikation von Frau
Mathiopoulos
außer acht gelassen. Kritisieren darf man zu Recht, daß
Frau
Mathiopoulos kein SPD-Mitglied ist, für dieses Amt hätte sich
sicherlich auch eine qualifizierte SPD-Frau finden lassen. Aber ihre
griechische
Staatsangehörigkeit zum Hauptkritikpunkt zu machen, ist m.E. ein
Rückfall
in nicht mehr zeitgemäßen Nationalismus.
Die SPD war und ist immer eine am
Humanismus
ausgerichtete Partei gewesen, und dabei spielt nun mal die
Nationalität
eines Menschen eine untergeordnete Rolle. Menschen nicht mehr ihrer
Hautfarbe
oder Staatsangehörigkeit zu beurteilen, sondern allein nach ihren
charakterlichen Eigenschaften, ist unbestreitbar ein Grundpfeiler des
Humanismus,
zu dem ich mich hier ausdrücklich bekenne. In diesem Sinne kann
ich
die Kritik an der Entscheidung Willy Brandts nur nachdrücklich
verurteilen.
In Europa wird viel über die
Utopie
der "Vereinigten Staaten von Europa" geredet, fast jeder
Bundesbürger
bekennt sich zu diesem langfristig angelegten Ziel - die Einheit
Europas.
Insbesondere nach den schrecklichen Erfahrungen, die wir auf diesem
Kontinent
mit dem Nationalismus haben machen müssen, scheint mir dieses Ziel
nach wie vor geboten. Werden nun aber einmal die Sozialdemokraten
konkret,
versuchen sie, verbale Bekenntnisse auch in der Praxis umzusetzen, ist
laute Kritik zu vernehmen (leider nicht nur von außerhalb der
Partei).
Warum eigentlich? Ist uns Europa, wenn es damit ernst wird,
plötzlich
nichts mehr wert? Ist dann eine Deutsche (allein durch ihre
Staatsangehörigkeit)
wieder mehr wert als eine Griechin?
(Mannheimer Morgen, Mai 1987)
LEERE VERSPRECHUNGEN
Nach rund 5 Jahren "Wenderegierung"
und
den in den zurückliegenden Wochen nicht gerade erfreulichen
Nachrichten
bezüglich der wirtschaftlichen, arbeitsmarkt- und
haushaltspolitischen
Aussichten für das Jahr 1988 stellt sich für viele
Mitbürger
die Frage: Wofür wurde eigentlich die CDU/CSU-FDP-Bundesregierung
gewählt? "Aufgabe Nummer eins ist die Beseitigung der
Massenarbeitslosigkeit",
so Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung vom Mai
1983. Und die Realität: Bei Ende der Regierung Schmidt betrug die
Arbeitslosenzahl 1,8 Millionen (Sept. 82), was natürlich nicht
erfreulich
war. Aber heute, im Januar 1988, sind es 2,3 Millionen, und angesichts
der Wirtschaftsprognosen ist eher eine Verschlechterung zu erwarten.
1983 versprach die Bundesregierung
auch
eine Rückkehr zu solider Haushaltsführung, die jährliche
Neuverschuldung müsse zurückgeführt werden und man wolle
den Etat konsolidieren. Die Wahrheit: Die Neuverschuldung des Bundes
steigt
auf die absolute Rekordhöhe von 40 Milliarden. Aber noch im August
1987 wurde der SPD, die damals schon den vorgelegten Haushaltsentwurf
als
"unvollständig und unseriös" bezeichnete, von seiten der
Union
"unzeitgemäße Aufgeregtheit" attestiert. Bedenkt man auch
die
vielen Affären und Skandale, in die die Regierungsparteien
verstrickt
sind (Atommüllskandal, Amnestieversuch für illegale
Parteispenden,
Wörner/Kießling-Affäre, Waterkantgate usw.), und
bedenkt
man weiterhin den massiven Sozialabbau und die schamlose Umverteilung
von
unten nach oben, muß man feststellen, daß sie von A bis Z
versagt
haben. Aber, der Wähler wird's richten - hoffentlich.
(Mannheimer Morgen, 23.01.1988)
FREIHEIT, DIE ICH MEINE
Die DDR kann Kritik nur in
begrenztem
Maße verkraften, aus diesem Grund wurde Herr Krawczyk zwangsweise
in die Bundesrepublik abgeschoben. Doch Krawczyk blieb sich treu. Bei
seinem
ersten Auftritt in der Bundesrepublik nahm er auch bundesdeutsche
Politiker
aufs Korn.
Weil die Bundesrepublik eine
Demokratie
ist, darf man hier Kritik ohne Angst vor zwangsweiser Abschiebung
äußern.
Monika Betz aus Hirschberg empfindet anders, sie empfahl Krawczyk, in
ein
anderes Land umzusiedeln, "wenn ihm unsere Verhältnisse so
kritikwürdig
erscheinen". Mit anderen Worten: Es kommt halt immer darauf an, wo man
kritisiert.
Ich rate Frau Betz nicht, in die DDR
überzusiedeln,
obwohl die staatlichen Reaktionen dort voll und ganz ihren
Wünschen
entsprechen. Frau Betz wird wohl auch die Freiheit hier, den
Verhältnissen
in der DDR vorziehen. Fragt sich nur, was Frau Betz unter Freiheit
versteht.
So wie sie sich äußert, wohl kaum die Freiheit des
Andersdenkenden.
(Mannheimer Morgen, 25.03.1988)
WERTMAßSTÄBE
"Mannheim hat keine Mark mehr zu
verschenken",
so der Finanzbürgermeister Egger am 31. Mai im Gemeinderat. Die
Realität
läßt sich nun nicht mehr beschönigen, man kann die
Haushaltslage
der Stadt getrost als dramatisch bezeichnen. Worin liegen die Ursachen?
Nach Auskunft des Kämmerers ist Mannheim eine steuerstarke Stadt,
logischerweise können die Fehler nur in einer verfehlten
Ausgabenpolitik
zu suchen sein. Sicher, die Stadt trägt Lasten (z.B. Sozialhilfe),
deren Höhe sie nicht beeinflussen kann. Aber auf die Höhe der
Ausgaben für Großprojekte (incl. Folgekosten) hat Mannheim
Einfluß,
und hier wurde in der Vergangenheit gesündigt.
Wenn jetzt der
SPD-Fraktionsvorsitzende
Walter Pahl feststellt, daß ihn die Folgekosten des Technischen
Landesmuseums
erschrecken, darf man ihm (und der Mehrheit des Gemeinderats) den
Vorwurf
mangelnder Aufgeschlossenheit und Voraussicht nicht ersparen. Denn
schon
vor ein paar Jahren wäre dieser Fehler zu vermeiden gewesen,
hätte
er nur auf die Argumente anderer gehört. Nicht nur in bezug auf
das
Landesmuseum wurde nämlich vor zukünftigen Haushaltsrisiken
gewarnt,
aber die Ignoranz obsiegte. Und gelernt hat die Mehrheit des
Gemeinderats
immer noch nichts, nach wie vor klafft zwischen Reden und Handeln eine
große Lücke. Wie anders soll man denn die Ausgaben- und
Schuldenerlaßbeschlüsse
der gleichen Gemeinderatssitzung bewerten? Wo liegt eigentlich die
Verhältnismäßigkeit,
wenn man dem Profisport (MERC, SV Waldhof) Millionen zukommen
läßt,
aber gleichzeitig Einschnitte bei den städtischen Dienstleistungen
ankündigt? Sind da bei den faktisch koalierenden
Gemeinderatsfraktionen
von SPD und CDU nicht alle Wertmaßstäbe aus dem
Gleichgewicht
geraten? Die Bewertung mag der Leser selbst übernehmen.
Sieht man, wie sinnvolle
Anträge
der Grünen im Gemeinderat abgeschmettert werden, wie sich die
Gemeinderatsmehrheit
auch von den besten Argumenten nicht beeindrucken läßt, so
muß
man um die Zukunft Mannheims fürchten. Einziges Korrektiv ist da
nach
meiner Auffassung der Wähler selbst, der ja im nächsten Jahr
wieder über das Schicksal der Stadt entscheiden darf. Es gibt in
den
nächsten Jahren in Mannheim wohl kaum eine richtungsweisendere
Entscheidung
als die Gemeinderatswahl.
(Mannheimer Morgen, 20.06.1988)
ZUM FRANKFURTER URTEIL
Immer noch erregt das Frankfurter
Urteil,
wonach man Soldaten ungestraft als potentielle Mörder bezeichnen
darf,
die Gemüter. So auch Karlheinz Humenberger in seinem Leserbrief
"Verteidigung
ist nicht Mord" (3.9.88). Hierzu möchte ich folgendes anmerken:
Erstens: Jede Armee behauptet, nur
der
Verteidigung zu dienen, doch obwohl sich angeblich jeder nur
verteidigt,
gibt es immer wieder Kriege. Würde Armeen wirklich nur zu
Verteidigung
bereitstehen, dürfte es diese Kriege überhaupt nicht geben.
Daraus
folgt, daß die offiziellen Rechtfertigungen für die
Bereithaltung
von Streitkräften nur die halbe Wahrheit sind. Armeen haben auch
einen
offensiven Charakter. Verteidigung im Sinne von Erhaltung des
Bestehenden,
ist mit Atomwaffen nicht möglich, da deren Einsatz gerade das
vernichtet,
was sie zu verteidigen vorgeben.
Zweitens: Soldaten, auch die der
Bundeswehr,
werden zum Töten ausgebildet. Es gibt aber Menschen, deren
Überzeugung
das Töten generell, also auch zum Zweck der Verteidigung,
verbietet.
Wenn z.B. ein Christ sein Christentum wirklich ernst nimmt, muß
er
Tötungen immer als Mord bezeichnen, denn eine Verteidigung ist dem
Christen untersagt, das die Bergpredigt unmißverständlich
aussagt:
"Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand ..."
Für
Christen ist nach meinem Verständnis ein Soldat folglich ein
"potentieller
Mörder". Gleiches kann man von Pazifisten sagen, auch für sie
ist das Töten von Menschen Mord. Weshalb getötet wird, ist
völlig
unbedeutend. Und Mord ist hier nicht im juristischen, sondern im
moralischen
Sinn gemeint.
Drittens: Unser Grundgesetz
garantiert
Meinungsfreiheit (Art. 5), und keiner darf wegen seinen
"religiösen
oder politischen Anschauungen benachteiligt ... werden". (Art. 3) Nach
dem Geist der Verfassung konnten die Frankfurter Richter gar nicht
anders
entscheiden. Eine Verurteilung hätte die Benachteiligung des
Angeklagten
zur Folge gehabt, und zwar nur aufgrund seiner religiösen oder
politischen
Anschauungen. Will Herr Humenberger wirklich wieder die
Gesinnungsjustiz
bei uns einführen? Widerspräche das dann aber nicht den
demokratischen
Grundsätzen unserer Gesellschaft? Gesinnungsjustiz gibt es nur in
totalitären Staaten, wie etwa zwischen 1933 und 1945 im sog.
Dritten
Reich. Gesinnungsjustiz und Demokratie schließen sich einander
aus.
Ich bin weder Christ noch Pazifist
und
halte Verteidigung in unserer Welt für durchaus notwendig. Aber
ich
käme nie auf den Gedanken, Andersdenkende zu bestrafen, nur weil
sie
meine Meinung nicht teilen. Und betrachtet man die
Menschheitsgeschichte,
so muß man feststellen, daß es niemals die Befürworter
absoluter Gewaltfreiheit waren, die Kriege entfachten. Was die
Menschheit
bräuchte, wären mehr Pazifisten und weniger Soldaten. Dann
sähe
die Welt wohl etwas besser aus.
(Mannheimer Morgen, 22.10.1988)
WENN ZWEI DAS GLEICHE TUN
Wenn in Ost-Berlin Journalisten von
der
Polizei an der Arbeit gehindert und verprügelt werden, dann
protestieren
hierzulande zu Recht alle Parteien gegen diese undemokratische
Vorgehensweise
der Staatsmacht.
Ich kann aber nicht verstehen,
daß
es etwas völlig anderes ist, wenn dergleichen wenige hundert Meter
jenseits der Mauer in West-Berlin (anläßlich der IWF-Tagung)
passiert. Dann nämlich ist der Protest der Parteien weniger
einheitlich.
Es kommt halt offensichtlich weniger darauf an, was getan wird, sondern
vielmehr wer es tut.
Im deutschen Sprachraum haben wir
dafür
ein bemerkenswert zutreffendes Wort: Doppelmoral!
(Mannheimer Morgen, 04.11.1988)
URSACHE UND WIRKUNG
Werner Grätz aus
Edingen-Neckarhausen
rät uns in seinem Leserbrief, bezüglich der Asylfrage endlich
die ideologischen Scheuklappen abzulegen und auf den Boden der
Tatsachen
zurückzukehren. Das bedeutet für ihn, den Forderungen Lothar
Späths nach Einschränkung des Asylrechts nachzukommen.
Hierzu folgendes: Tatsache ist,
daß
die Industriestaaten (ein Viertel der Weltbevölkerung) rund 75
Prozent
der Rohstoffe verbrauchen. Für die Dritte Welt (drei Viertel der
Weltbevölkerung)
verbleibt der klägliche Rest. Tatsache ist auch, daß die
Industriestaaten
kräftig Waffen in die Dritte Welt verkaufen.
Man kann doch nicht wirklich
glauben,
daß die armuterzeugende und ungerechte Weltwirtschaftsordnung
spurlos
an den Industriestaaten vorübergeht. Und wer massenhaft Waffen in
die Dritte Welt verschiebt, der braucht sich nicht wundern, wenn dann
dort
Kriege entstehen, die Flüchtlingsströme zur Folge haben.
Insofern
sind diese Flüchtlingsströme Folge unseres eigenen Handelns,
sie sind sozusagen der Preis, den wir für unsere Politik zu zahlen
haben. Wer das Asylrecht verschärfen will, der drückt sich
m.E.
nur vor seiner Verantwortung.
(Mannheimer Morgen, 19.11.1988)
...UND DAS WÄHLER-ANSEHEN?
Das Allensbacher Institut für
Demoskopie
hat jetzt festgestellt, daß das Ansehen der Politiker in den
vergangenen
zehn Jahren deutlich abgesackt ist (FR vom 29.11.1988
"Wahlfälscher
gewann noch dazu" und "Politiker-Ansehen sackt ab") Allmählich
bekommt
man jedoch Zweifel an den repräsentativen Umfragen der Institute.
Denn auf Seite 4 der gleichen Ausgabe erfuhr der Leser, daß der
CDU-Abgeordnete
Kurt Vajen im niedersächsischen Brockel trotz einer Verurteilung
wegen
Wahlfälschung die notwendig gewordene Wiederholungswahl gewonnen
hat.
Der Wahlfälscher konnte auch noch die Zahl seiner
persönlichen
Stimmen steigern. Die Wähler haben seinen unermüdlichen (wenn
auch illegalen) Einsatz offensichtlich honoriert
Doch Vajen steht nicht allein. Auch
Graf
Lambsdorff hat ja die Bestrafung wegen Steuerhinterziehung nicht gerade
geschadet. Wer wird da noch nach den vielfältigen Skandalen
fragen,
die unsere Republik durchziehen? Der Wähler sichtlich nicht, denn
werden die Politiker nicht immer wieder im Amt bestätigt? Und was
wäre repräsentativer als eine Wahl? So tief, wie Allensbach
das
gerne hätte, kann das Ansehen der Politiker also nicht gesunken
sein.
Mich würde demgegenüber
brennend
interessieren, wie hoch der Wähler, angesichts seines Verhaltens,
bei den Politikern angesehen ist. Da könnten die Allensbacher
Umfrageergebnisse
wohl noch echte Überraschungen zutage fördern. Vorausgesetzt,
die Politiker wären wirklich so dumm und würden ehrlich
antworten.
(Frankfurter Rundschau, 06.12.1988)
UNREFLEKTIERTE UNTERSTÜTZUNG
TERRORISTISCHER
STRAFTÄTER!
Daß in der "GRÜNEN LIANE"
Gruppen
zu Wort kommen, die in den etablierten Medien keine Chance auf
Veröffentlichung
ihrer Anliegen haben, ist in Ordnung. Zur Demokratie gehört eben
untrennbar
ungehemmte Meinungsvielfalt und Pressefreiheit. Insofern muß dann
auch hingenommen werden, daß dort Meinungen Verbreitung finden,
die
nicht von allen geteilt werden. Es kann aber nicht alles
unwidersprochen
bleiben, so m.E. auch der Aufruf "Zusammenlegung der politischen
Gefangenen
- jetzt". (GRÜNE LIANE 1/89)
Was mich ehrlich gesagt erstaunt
hat,
war nicht so sehr die Tatsache, daß der Aufruf der
Monatszeitschrift
der GRÜNEN Mannheims beigelegt war, sondern vielmehr, daß
"DIE
GRÜNEN MANNHEIM (KREISVERBAND)" als Erstunterstützer genannt
werden und zur Unterzeichnung aufrufen. Leider war ich nicht bei der
Mitgliederversammlung
anwesend, auf der die Unterstützung des Aufrufs beschlossen wurde.
Selbst schuld könnte man da sagen, ich möchte jedoch
zumindest
einiges zur Diskussion stellen.
Auch wenn es manchen immer noch
nicht
in den Kopf will, die (wie es im Aufruf heißt) "Gefangenen aus
der
RAF" sind keine politischen Gefangenen. Sie sind nicht inhaftiert, weil
sie eine abweichende politische Meinung vertraten, sondern weil sie
Straftaten
(bis hin zu mehrfachem Mord) begangen haben. Natürlich geschahen
diese
Taten aus politischen Motiven heraus, das ist jedoch völlig
unerheblich
und darf kein Rechtfertigungsgrund sein. Hätte die RAF ihre
Straftaten
mit einer gänzlich anderen Motivation begangen, sie wären
ebenso
verurteilt worden. Mord ist eben strafbar, und wer mordet, ist kein
politischer
Gefangener, sondern ein Krimineller. Mich wundert es einfach, daß
die GRÜNEN in Mannheim diese (falsche) Terminologie
übernehmen.
Das geschah wohl unbedacht, denn analog dazu müßten wir
beispielsweise
auch den Neonazi Michael Kühnen als politischen Gefangenen
betrachten
(soweit er inhaftiert gewesen ist). Ich glaube kaum, daß die
GRÜNEN
einen Aufruf zugunsten Kühnens unterzeichnen würden.
Es kann ruhig über die Form des
Strafvollzugs
gestritten werden (auch ich bin gegen Isolationshaft), man kann sich
ebenso
gegen die Sondergesetzgebung bezüglich Terrorismus wenden, aber
daß
die GRÜNEN Mannheims mit dem Aufruf u.a. die Freilassung mehrerer
Terroristen fordern, kann doch nicht wahr sein. Fordern wir
tatsächlich
die Freilassung von Mördern, von denen man annehmen kann,
daß
sie auch in Zukunft morden werden? Sind uns die Opfer der Straftaten
denn
völlig gleichgültig? Wer denkt eigentlich an den Schutz der
Gesellschaft
vor solchen Menschen? Sind wir den bereit, auch rechtsradikale
Straftäter
schon nach ein paar Jahren in die Freiheit zu entlassen? Gewiß,
die
Strafhaft soll dazu führen, den Straftäter zu
resozialisieren.
Aber eine Strafhaft hat auch einen Sühnecharakter, der Täter
soll für seine Taten büßen. Primitive Rachejustiz
könnten
da manche einwerfen, aber fällt uns, vor allem bei
Schwerkriminellen,
etwas Besseres ein? Und wie soll man Menschen resozialisieren, die die
Gesellschaft, in die man sie wieder eingliedern will, mit allen Mitteln
bekämpfen? Ich wende mich nicht gegen Resozialisierung oder
Begnadigung
von Terroristen, aber der Straftäter muß m.E. auch
resozialisierungsfähig
und begnadigungswürdig sein. Zweifel, daß so mancher im
Aufruf
genannte Strafgefangene diesen Anforderungen genügt, sind wohl nur
allzu berechtigt.
Leider kann ich schon aus
Platzgründen
nicht zu allem Stellung nehmen. Die GRÜNEN hätten jedenfalls
diesen Aufruf nicht unterzeichnen dürfen, dazu kommt er m.E. einer
unreflektierten Unterstützung terroristischer Straftäter viel
zu nahe. Der Anspruch, die Gesellschaft verändern zu wollen, kann
doch für GRÜNE nicht Anlaß sein, jenen, die diese
Gesellschaft
so völlig anders (als wir das wollen) umkrempeln möchten,
Unterstützung
zukommen zu lassen. Oder?
(Grüne Liane, Nr. 2/1989)
HEUCHLERISCHE REAKTION
Natürlich wäre es nicht
wünschenswert,
wenn Libyen C-Waffen produzieren würde. Doch die internationale
Reaktion
auf den vermuteten Bau einer C-Waffen-Fabrik in Libyen, insbesondere
seitens
der USA, ist m.E. höchst heuchlerisch und läßt gar das
Völkerrecht außer acht. Nach dem Völkerrecht sind
nämlich
alle Staaten völlig gleichberechtigt, so gesehen wäre Libyen
also ebenso zur C-Waffen-Produktion berechtigt wie die Vereinigten
Staaten,
ob uns das nun paßt oder nicht. Das Genfer Giftgasprotokoll von
1925
verbietet zwar die Anwendung, nicht aber die Herstellung und den Besitz
von C-Waffen.
Nach meiner Meinung brauchen sich
die
USA gar nicht künstlich zu entrüsten. Wer nach eigenen
Angaben
40.000 Tonnen C-Waffen bereithält und gerade seine Bestände
modernisiert
(binäre C-Waffen), hat wenig Berechtigung, sich über andere
zu
beschweren.
(Mannheimer Morgen, 25.01.1989)
GRÜNE GEBEN KEINEN FREIBRIEF
FÜR
DIE ERHÖHUNG DER GEWERBESTEUER
Die Grünen wollen der (von der
SPD
gewünschten) Gewerbesteuererhöhung nur dann zustimmen, wenn
die
SPD bereit ist, im Gegenzug auf bestimmte Kürzungen im
Sozialbereich
zu verzichten. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Walter Pahl bezeichnet das
Ansinnen der Grünen als "äußerst merkwürdig" und
"kein
ernstzunehmender Beitrag", überhaupt zweifelt er an deren
Politikverständnis.
Wo lebt er denn, der Herr Pahl?
Glaubt
er wirklich, daß die Grünen quasi "kostenlos" den
haushaltspolitischen
Vorstellungen der SPD zustimmen und den Kahlschlag im Sozialbereich
mittragen
werden? Glaubt er wirklich, die Grünen würden bereitwillig
einspringen,
nur weil es in dieser Frage einmal mit der sonst so gut eingespielten
"Großen
Koalition" aus CDU und SPD nicht klappen will? So naiv kann er doch
nicht
sein!
Zwar haben die Grünen in der
Vergangenheit
immer wieder eine Erhöhung der Gewerbesteuer gefordert, aber doch
nicht als Freibrief für eine sozial und ökologisch
unausgewogene
Kommunalpolitik. Im übrigen ist schon sehr befremdlich, daß
ausgerechnet die SPD, die ja (mit der CDU) für die jetzige
Haushaltssituation
der Stadt verantwortlich ist, den nur allzu berechtigten Forderungen
der
Grünen eine Absage erteilt. Das wiederum zeigt, wie weit die SPD
den
Bezug zur Realität schon verloren hat.
(Mannheimer Morgen, 10.02.1989)
EXPORT OHNE MORAL
Das Für und Wider von
Wirtschaftsembargos
geht m.E. am Kern des Problems vorbei. (DIHT-Präsident Hans Peter
Stihl: "Ein Embargo gegen den Iran bringt nichts", vom 25.02.1989)
Wirtschaftsembargos
mögen zwar nicht in jedem Fall Wirkung zeigen, aber wer
Verbrecherregimes
wirtschaftlich unter die Arme greift und sie damit geradezu
stabilisiert,
macht sich mitschuldig.
Doch worum es im Grunde geht, ist,
daß
die deutsche Industrie alles an alle liefert, aus reiner Profitgier und
ohne in puncto Moral besonders pingelig zu sein. Chemikalien zum
C-Waffen-
(Libyen), Tritium zum A-Waffen-Bau (Pakistan) oder Beryllium zur
Herstellung
von Wasserstoffbomben (Indien)? Kein Problem, die Deutschen liefern!
Leider
ist das nur die Spitze des Eisbergs - immerhin ist die Bundesrepublik
der
fünftgrößte Waffenexporteur.
Das Argument von Herrn Stihl (wenn
wir
nicht liefern, liefern andere) ist nichts als eine faule Ausrede. Aber
Geld soll ja bekanntlich nicht stinken.
(Mannheimer Morgen, 17.03.1989)
Nach den Prognosen (zum Beispiel
Jahreswirtschaftsbericht
der Bundesregierung) soll der Preisanstieg 1989 2 bis 3 Prozent
betragen,
die Gehälter im öffentlichen Dienst steigen dagegen nur um
2,4
Prozent. Mit anderen Worten: Wir (im öffentlichen Dienst) werden
1989
ärmer. Und wenn sich das 1990 (vereinbarte Gehaltssteigerung 1,7
Prozent)
nicht wiederholt, können wir von Glück reden.
Es stellt sich immer dringlicher die
Frage:
Wie lange soll das noch so weitergehen? Zwar steht nicht zu
befürchten,
daß wir demnächst den Obdachlosen unter den Brücken
Gesellschaft
leisten, doch vor allem die unteren Gehaltsgruppen müssen sich
immer
mehr einschränken, gerade sie fallen immer weiter (im Vergleich
mit
den Arbeitnehmern anderer Branchen) zurück. Das darf nicht
hingenommen
werden.
Nach meiner Auffassung sollten sich
die
Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes einmal ernsthaft
überlegen,
ob man nicht (zumindest vorübergehend) wegen der prekären
Lage
der unteren Gehaltsgruppen eine gestaffelte Gehaltsanhebung vereinbart.
Denn eine für alle gleich hohe Gehaltssteigerung bedeutet,
daß
(in absoluten Beträgen) die Schere zwischen den Gehaltsstufen
immer
weiter auseinanderklafft. Eine meines Erachtens unerträgliche
Entwicklung.
Die Gewerkschaften sind hier in der Pflicht. Es muß unbedingt
etwas
getan werden, und man darf dabei auch vor unkonventionellen Wegen nicht
zurückschrecken. Künftige Tarifvereinbarungen sollten
generell
eine soziale Komponente (beispielsweise Sockelbetrag) aufweisen, alles
andere ist unbefriedigend.
Zum Schluß sei noch angemerkt,
daß
man in Zukunft, aus den Erfahrungen mit dem letzten Tarifabschluß
heraus, wohl besser wieder einjährige Laufzeiten anstrebt. Die
wirtschaftliche
Lage (vor allem der Preisanstieg) ist eben nicht drei Jahre im voraus
einzuschätzen.
Die Gewerkschaften sind mit der dreijährigen Festlegung
reaktionsunfähig
geworden - zum Nachteil der Beschäftigten.
(Deutsche Polizei, Nr. 3/1989)
WARUM SIE RANDALIERT
Bettina Gerlach aus Berlin steht
dazu:
"Ich bin eine Randaliererin aus Kreuzberg." (Leserbrief in FR vom 12.5.
"Warum ich randaliere"). Und Gründe für ihre Randale kann sie
auch anführen - von der Zerstörung der Menschlichkeit in
unserer
Gesellschaft bis zur Vernichtung der Umwelt.
Doch wird die Gesellschaft
menschlicher,
wenn durch Randale über 300 Polizeibeamte (auch Menschen!)
verletzt
werden? Wird dadurch der Treibhauseffekt, die Zerstörung der
Ozonschicht
oder das Waldsterben aufgehalten? Werden durch Randale die Flüsse
wieder sauber und die Nahrungsmittel entgiftet? Schafft Randale
Arbeitsplätze
und bezahlbare Wohnungen? Nein!
Wem hilft sie also? Nicht denen, die
wirklich
etwas ändern wollen, sondern beispielsweise den "Republikanern".
Wollt
ihr das? Und überhaupt, kann man mit Randale eine bessere,
menschlichere
Welt aufbauen? Denkt doch endlich einmal darüber nach, ihr
Randalierer.
(Frankfurter Rundschau, 20.05.1989)
NOTWENDIGE REVOLUTION
Josef Gärtner verurteilt die
Französische
Revolution, jeder Rechtfertigungsversuch sei "ein großes
Verbrechen".
(MM v. 3.8.89, Verruchte Revolution) Nun, ich möchte mich dieses
"Verbrechens"
schuldig machen.
Bezeichnend für Herrn
Gärtners
Geisteshaltung ist, daß er Zensurmaßnahmen gegen Voltaire
(wegen
Spott und Gotteslästerung) rechtfertigt. Voltaires
"Gottesleugnung"
hätte "menschliche Gehirne ... vergiftet". Aufklärung und
Proklamierung
der Menschenrechte (Gerechtigkeit, Gedanken- u. Meinungsfreiheit) haben
bei Herrn Gärtner offensichtlich wenig Wirkung gezeigt. Und zu den
grundlegenden Menschenrechten gehört nun mal, daß auch
Atheisten
ihre Meinung verbreiten können, selbst wenn ihm das nicht
paßt.
Darüber hinaus haben
Revolutionen
immer eine Ursache. Aber zur brutalen Unterdrückung und schamlosen
Ausbeutung des Volkes durch Adel und Kirche schreibt Herr Gärtner
nichts. Hat er das Elend und die Scheiterhaufen vergessen? Die
Französische
Revolution war notwendig, auch wenn man nicht alles während der
Revolution
Geschehene befürwortet. Schließlich gäbe es ohne sie
heute
wohl kaum ein demokratisches Westeuropa.
(Mannheimer Morgen, 11.08.1989)
"Sind alle Ärzte potentielle
Mörder?"
fragt Claus Marquart provozierend in seinem Kommentar zum sog.
"Soldaten-Urteil"
des Frankfurter Landgerichts, um das (zu Recht) gleich beim
nächsten
Atemzug als "aberwitzig" abzutun. Ebenso aberwitzig erscheint ihm die
Behauptung,
Soldaten seien "potentielle Mörder". ("Grober Keil" v.
21./22.10.1989)
Aber werden Soldaten, im Gegensatz
zu
Ärzten, nicht ausschließlich zum Töten ausgebildet?
Haben
medizinische Geräte wirklich keine andere moralische Qualität
als Waffen? Mit den vorhandenen Massenvernichtungswaffen
läßt
sich nichts mehr verteidigen, nur noch alles vernichten. Und dieser
Vernichtungskrieg
wird das Überleben der gesamten Menschheit in Frage stellen. Ist
es
so unverständlich, wenn Menschen das als Mord bezeichnen? Und wer
wird diesen Krieg führen? Soldaten - oder nicht?
Zum Schluß: Meinungsfreiheit
ist
oft unbequem, und das Grundgesetz soll gerade die unbequeme Meinung
schützen.
Die Frankfurter Richter haben dem mit ihrem Freispruch entsprochen. Die
Reaktion darauf ist jedoch erschütternd. Jetzt sollen sogar
"gesetzgeberische
Maßnahmen" ergriffen werden. Wohin wird das führen? Wird man
die Meinungsfreiheit dahingehend einschränken, daß man sich
nur noch anerkennend über Soldaten äußern darf?
Sicherlich
nicht! Aber worin sollen denn dann die geforderten "gesetzgeberischen
Maßnahmen"
bestehen? Ich denke, hier wird von manchen Politikern eine geradezu
inquisitorische
Stimmung angefacht. doch das ist pure Heuchelei! Denn gerade sie sind
ja
bekanntlich in öffentlichen Auseinandersetzungen wenig zimperlich
mit ihrer Wortwahl, was zahlreiche Beispiele beweisen.
(Mannheimer Morgen, 02.11.1989)
WO LEBEN WIR DENN?
Die für das "Soldatenurteil"
verantwortlichen
Richter des Frankfurter Landgerichts bräuchten nach Meinung von
Oberstleutnant
Walter Klinger (FR/FRA vom 30.10.1989 "Der törichte Arzt")
dringend
"Nachhilfeunterricht", denn sie "müßten lernen, daß
...
solche Urteile ... Emotionen hochpeitschen und damit Nährboden
für
Gewalt und Terror werden können".
Das muß man zweimal lesen.
Hoffentlich
wird das Herrn Klinger nicht als entsprechende Aufforderung im Sinne
des
StGB ausgelegt, wenn demnächst irgend jemand die "Ehre der
Soldaten"
mit der Waffe in der Hand gegen Justiz und Grundgesetz verteidigt. Und
es kommt noch besser:
Solche Urteile seien (nach Klinger)
"weit
gefährlicher ... als die Atombombe ..." Was würden dazu die
Opfer
von Hiroshima und Nagasaki sagen?
Sachlich kann man auf diesen Unsinn
gar
nicht eingehen, aber es ist immer wieder erschreckend, wie
hartnäckig
illiberale und im Grunde menschenverachtende Denkstrukturen konserviert
werden. Apropos Freiheit, die der Herr Oberstleutnant so wirkungsvoll
zu
verteidigen gedenkt: die Freiheit, Krieg (= Massenvernichtung) Mord
nennen
zu dürfen, und die ausführenden Personen demzufolge
(zumindest
vor der Tat) "potentielle Mörder", hat er offensichtlich nicht
gemeint.
Wer verteidigt uns eigentlich vor solchen "Freiheitsverteidigern"?
(Frankfurter Rundschau, 07.11.1989)
Man kann natürlich
darüber streiten,
ob es wirklich dem üblichen Wahlkampfstil der GRÜNEN
entspricht,
wenn Andreas Kostarellos eigene Wahlplakate aufhängt. Bezeichnend
für die Situation im KV ist jedoch, in welcher Form eine solche
Auseinandersetzung
geführt wird. Es ist kein Geheimnis, daß das Arbeitsklima im
KV nicht das beste ist, die mangelnde Beteiligung der MitgliederInnen
an
politischen Aktivitäten läßt sich hierdurch zumindest
zum
Teil erklären. Denn Politik soll auch Spaß machen! Aber kann
Politik Spaß machen, wenn der Diskussionsstil zu wünschen
übrig
läßt?
Beispielhaft hierfür sind die
beiden
Beiträge von Gabi Gumbel und Volker Schwarz zum o.g. Thema.
(Grüne
Liane 11/89)
Wenn uns Gabi ihre jetzt offenbarten
telepathischen
Fähigkeiten früher mitgeteilt hätte, wäre so manche
Intrige der Großen Koalition im Gemeinderat rechtzeitig
aufgeflogen.
Oder habe ich etwas falsch verstanden? Gabi behauptet
schließlich,
Andreas hätte seine Plakate nur deshalb aufgehängt, weil er
"sich
schlicht geärgert" hat, "von der MV nur auf Platz 9 nominiert zu
werden".
Andreas wollte sich "als Person profilieren" und etwas gegen die
schlechte
Plazierung "unternehmen". Ohne die Fähigkeit, Gedanken lesen zu
können,
ist die "Aufdeckung" der Motivation von Andreas durch Gabi aber kaum
nachvollziehbar.
Wer demgegenüber nicht an Telepathie glaubt, muß über
diesen
unsachlichen Diskussionsstil nur den Kopf schütteln.
Ähnlich gelagert ist der
Beitrag
von Volker Schwarz, und er ist sich nicht zu schade (hat der das
nötig?),
mit falschen Behauptungen zu "argumentieren". Andreas hätte "gegen
den ausdrücklichen Willen des KVs Plakate aufgehängt",
schreibt
Volker. Der Beschluß der MV (als höchstes
beschlußfassendes
Gremium), Andreas könne für seine Plakate den Schriftzug "Die
Grünen" verwenden, impliziert aber, daß Plakate
aufgehängt
werden. Daraus folgt, daß Andreas vielleicht gegen den
ausdrücklichen
Willen von Volker Plakate aufgehängt hat, aber nicht gegen den
ausdrücklichen
Willen des KVs. Fakt ist: die MV hat die Aktion von Andreas nicht
ausdrücklich
mißbilligt, ein derartiger Entschluß wurde von der MV nicht
gefaßt. Anderslautende Beschlüsse, etwa des
Kreisausschusses,
wurden mit dem Beschluß der MV, daß Andreas seine Plakate
mit
dem Schriftzug "Die Grünen" aufhängen darf, hinfällig.
Volker
verdreht den Sachverhalt völlig ins Gegenteil.
Überhaupt schwebt über der
Vorgehensweise
von Gabi und Volker der Geist der "reinen Lehre" und ein Hauch von
Inquisition.
Wer gegen die vermeintlich "reine Lehre" verstößt, wird
öffentlich
fertiggemacht. Natürlich soll man über so etwas diskutieren,
aber ich meine, mit einer solchen Form der Auseinandersetzung tut man
sich
und dem KV keinen Gefallen. Denn man sollte nicht einerseits immer
wieder
die mangelnde Beteiligung der MitgliederInnen beklagen, andererseits
aber
unsachlich und unaufrichtig Konflikte ausfechten. Manchmal frage ich
mich
ernsthaft, ob der Umgangsstil bei den Grünen wirklich menschlicher
ist als bei der SPD. Den Anspruch, Politik anders zu gestalten als die
Altparteien - auch im Umgang miteinander -, gab es ja mal. Aber wie so
oft, klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine nicht unerhebliche
Lücke. Damit man mich nicht falsch versteht: Konflikte sind in
jeder
menschlichen Gemeinschaft unvermeidlich, sie müssen und sollen
ausgetragen
werden - aber mit fairen Mitteln.
(Grüne Liane, 12/1989)
FRAGWÜRDIGE RITUALE
Zum Bericht über den
Großen
Zapfenstreich.
Die m.E. recht fragwürdigen
militärischen
Rituale haben bei Herrn Ragge offensichtlich eine geradezu euphorische
Stimmung verursacht, sein Bericht spiegelt das wider. Da wird mit
unverhohlener
Begeisterung geschildert, wie "alle 300 Mann der Waffenzüge ... im
gleichen Augenblick mit der linken Hand die stählerne
Kopfbedeckung"
abnehmen und sie "auf das Koppelschloß" aufsetzen. Der
Berichterstatter
unterschlägt auch nicht, wie die Gewehre präsentiert werden
(nämlich
mit zwei knappen Armbewegungen, der Karabiner 98k wird genau vor die
Nasenspitze
gesetzt), und daß sich die Fackelträger "in Form einer
Perlenkette
an den Schloßmauern aufreihen". Das ist journalistischer
Hurrapatriotismus,
der sich wenig von militärverherrlichenden Berichten längst
überwunden
geglaubter Zeiten unterscheidet.
Gewünscht hätte ich mir
die
Frage des Berichterstatters, ob man die Verfassung wirklich mit
infantil-militärischem
Gepränge feiern sollte, ob Beethovens "Ode an die Freude" (Alle
Menschen
werden Brüder) dadurch nicht geradezu - ihrem Sinngehalt nach -
pervertiert
wird (schaffen Soldaten und Waffen Brüderlichkeit?), und ob das
Kommando
"Helm ab zum Gebet" nicht falsch verstandenes Christentum
(Nächsten-
u. Feindesliebe, Tötungs- und Widerstandsverbot) offenbart.
In einer Zeit, in der die Akzeptanz
des
Militärs immer weiter zurückgeht und existentielle Probleme
(Umweltschutz)
vermehrt in den Vordergrund treten, ist ein Großer Zapfenstreich
nur noch als anachronistisch zu bezeichnen. Und Journalismus, der sich
daran berauscht, ebenfalls.
(Mannheimer Morgen, 11.12.1989)
UNGERECHTIGKEITEN VERMEHRT
Beamte in Ballungsgebieten sollen
mehr
Geld bekommen, so eine Verlautbarung des Bundesinnenministeriums (FR
vom
17.11.1989 "Mehr Geld für Beamte in Großstädten"). Eine
wahrlich längst überfällige, aber noch nicht
ausreichende
Reaktion der Arbeitgeber des Öffentlichen Dienstes auf die
explodierenden
Mietpreise.
Mehr Geld für Beamte, aber
Angestellte
und Arbeiter erhalten nichts. Diese Entscheidung ist in höchstem
Maße
ungerecht und darf nicht hingenommen werden. Denn letztere leben nicht
in preisgünstigeren Wohnungen als Beamte, und sie brauchen wegen
ihrer
angespannten sozialen Lage gleichfalls dringend Hilfe.
Wer Ungerechtigkeiten immer weiter
vermehrt,
anstatt sie zu vermindern, darf sich über mangelnde Motivation und
Parteiverdrossenheit der betroffenen Arbeitnehmer nicht wundern. Wann
denkt
diese Regierung endlich um?
(Frankfurter Rundschau, 29.11.1989)
Die katholische Kirche hat m.E.
jedes Recht
verloren, andere durch Glockenläuten moralisch zu verurteilen,
denn
andere moralisch verurteilen darf eigentlich nur, wer selbst moralisch
handelt.
Die katholische Kirche hat jedoch
jahrhundertelang
Andersdenkende verfolgt, grausam gefoltert und bei lebendigem Leib
verbrannt.
Heute werden Ketzer zwar nicht mehr verbrannt, aber Kirchenkritiker mit
dem Entzug der Lehrbefugnis (Uta Ranke-Heinemann, Hans Küng) oder
Schreibverbot (Leonardo Boff) diszipliniert, Gewerkschaften dürfen
immer noch nicht im innerkirchlichen Bereich tätig werden, und wer
bei der Kirche beschäftigt ist, seinen privaten Lebenswandel aber
nicht nach den katholischen Vorstellungen gestaltet (z.B. Scheidungen),
wird entlassen. Wie demokratisch!
Über all dies hat man von der
Amtskirche
bis heute kein Wort des Bedauerns, kein Zeichen der tätigen Reue
vernommen,
geschweige denn ein Mahngeläut für die unschuldigen Opfer der
Amtskirche, das übrigens viel zu sehr an das "Siegesläuten"
während
der Nazizeit erinnert.
Dieser (unchristlichen) Kirche
möchte
ich entgegenhalten: "Warum siehst du den Splitter im Auge deines
Bruders,
aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? ... Du Heuchler! Zieh
zuerst den Balken aus deinem Auge ..." Diesen Worten, entnommen der
Bergpredigt
(Mt 7,3 u. 5) ist nichts mehr hinzuzufügen.
(Mannheimer Morgen, 12.01.1990)
DIE KRIEGSFOLGEN AKZEPTIEREN
Zur Berichterstattung über die
Oder-Neiße-Grenzdiskussion
und zum Leserbrief von Rolf Schneider (Oder-Neiße: Rechtswidrige
Grenze v. 12.3.1990)
Bundeskanzler Helmut Kohl hat sich
immer
noch nicht unzweideutig für die Anerkennung der heutigen
Westgrenze
Polens ausgesprochen, und der Vorsitzende der Landsmannschaft
Schlesien,
Herbert Hupka, spricht gar (im Falle der Anerkennung) von einem
"Diktatfrieden".
Auch Rolf Schneider ist der Ansicht, daß man die
Oder-Neiße-Grenze
nicht anerkennen sollte, da sie ein "Produkt imperialistischer
stalinistischer
Gewaltpolitik" sowie "rechts- und geschichtswidrig" sei. (Oder
Neiße:
Rechtswidrige Grenze, MM v. 12.3.1990)
Haben wir denn immer noch nicht aus
der
Geschichte gelernt? Muß man immer wieder darauf hinweisen,
daß
Deutschland (und nicht die anderen) 1939 einen Vernichtungs- und
Eroberungskrieg
entfacht und zu Recht verloren hat? Haben wir die unbeschreiblichen
Verbrechen,
die im Namen des deutschen Volkes verübt wurden, schon wieder
vergessen?
Ich meine, die Gebietsverluste sind
der
Preis, den wir für das alles zu bezahlen haben, und es muß
endlich
einmal damit aufhören, daß Deutschland die Grenzen (und
damit
die Sicherheit) seiner Nachbarn in Frage stellt. Ich möchte ein
friedliches
Deutschland, Gebietsansprüche schließen das aus. Laßt
uns die infantile Grenzdiskussion beenden, es gibt wahrlich genug
andere,
wichtigere Probleme: Umweltzerstörung, Kriege, Hunger und Elend.
Akzeptieren
wir die Folgen des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte und
richten
unseren Blick auf das Wesentliche. Den Anforderungen der Zukunft sind
wir
nur gemeinsam gewachsen, aus diesem Grund müssen wir alles
Trennende
überwinden. Und wer unfähig ist zur Versöhnung mit
unseren
Nachbarn, wird diesen Anforderungen nicht gerecht.
(Mannheimer Morgen, 08.05.1990)
NICHT UM FREIHEIT UND DEMOKRATIE,
UMS ÖL
GEHT ES
Im Zuge der Golfkrise überlegen
deutsche
Politiker, der Bundeswehr auch Einsatzmöglichkeiten
außerhalb
des NATO-Gebiets zuzuweisen. Hierfür fordern sie eine
entsprechende
Änderung des Grundgesetzes (FR vom 13.8.1990 "Blick über die
NATO-Grenzen hinaus"). Von Konservativen ist man dergleichen ja schon
gewohnt,
daß jetzt auch erstmals die SPD diesen neo-militaristischen
Wünschen
beipflichtet, ist traurig genug und zeigt, wie tief die SPD inzwischen
gesunken ist.
Die Kernfrage ist, ob und wie man
auf
einen Aggressor, der und nur indirekt (wirtschaftlich) bedroht,
reagieren
soll. Unbestritten, der Irak hat internationales Recht gebrochen, ein
Wirtschaftsembargo
ist hierauf die einzig angemessene Reaktion. Unangemessen wären
m.E.
militärische Aktionen des Westens, denn es geht hier nicht um
Freiheit
und Demokratie - weder Kuwait noch Saudi-Arabien waren bzw. sind
demokratisch
-, sondern einzig und allein um unsere Wirtschaftsinteressen.
Es geht ums Öl. Angesichts der
Ökokrise
(Treibhauseffekt, Waldsterben) müßte der Energieverbrauch
bei
uns erheblich geringer sein. Wäre ein konsequentes
Energiesparprogramm
nicht eine (wirtschaftlich u. ökologisch) angemessenere Antwort
auf
die irakische Bedrohung unserer Energiequelle? Oder im
Umkehrschluß:
Sind unsere Politiker bereit, andere in den Tod zu schicken, damit wir
weiterhin mit 180 km/h über die Autobahn düsen können?
Und zudem: In der Vergangenheit hat
man
Länder in der Dritten Welt aus politischen und wirtschaftlichen
Gründen
(legal oder illegal) mit Waffen vollgepumpt, so auch den Irak. Nun
wundern
wir uns, daß diese Waffen eingesetzt werden, und zwar gegen
unsere
Interessen. Sollen deutsche Soldaten am Golf sterben - womöglich
durch
irakische Waffen aus deutscher Produktion -, nur weil die Politiker mit
ihrer Waffenexport- und Waffenexportkontrollpolitik völlig
gescheitert
sind?
Nein, die Bundeswehr existiert, um
die
Bundesrepublik zu verteidigen (sofern das überhaupt noch
möglich
ist), und nicht um politische Fehler wettzumachen. Und angesichts
unserer
jüngsten Vergangenheit sollte sich jeder Versuch, deutsche
Soldaten
in andere Länder zu entsenden - aus welchen Gründen auch
immer
- von vornherein verbieten.
(Frankfurter Rundschau, 23.08.1990)
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