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Leserbriefe
(1991
- 1995)
Wieder einmal, wie Anfang der
achtziger
Jahre, wird in der Bundesrepublik für den Frieden demonstriert.
Und
wieder werden die Friedensdemos abgelehnt. So sagt Regierungssprecher
Vogel:
"Die Friedenssehnsucht dürfe niemanden dafür blind machen,
wer
für den Krieg am Golf verantwortlich ist." Wen er damit meint ist
klar: Saddam Hussein. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn
Kriegstreiber
fallen nicht vom Himmel. Die Aufrüstung des Irak wäre ohne
Waffenexporte
(legale u. illegale) nicht möglich gewesen. Die viel gescholtene
Friedensbewegung
hat sich von Anfang an - nicht erst seit dem Golfkrieg - gegen
jeglichen
Waffenexport ausgesprochen. Man wollte nicht auf die Friedensbewegung
hören
und ließ den Händlern des Todes freie Hand. Heute sieht die
Politik keinen anderen Ausweg, als mit Krieg die Folgen der eigenen
Waffenexporte
zu korrigieren. So ein Verhalten ist höchst irrational.
Die Friedensbewegung hat recht
behalten,
trotzdem wird ihr heute Einseitigkeit vorgeworfen. Warum eigentlich?
Angeblich
soll es beim Golfkrieg um höhere Werte gehen (Völkerrecht,
Menschenrechte
etc). Mit Verlaub gesagt, das ist pure Heuchelei. Ich darf daran
erinnern,
daß die USA in der Vergangenheit mehrfach (u.a. Nicaragua) selbst
das Völkerrecht gebrochen haben. Im Falle Nicaraguas haben die USA
ein Urteil des Internationalen Gerichtshofes nicht anerkannt, weil es
gegen
ihre Interessen ausfiel. Wo war da das Völkerrecht? Die
Türkei
beispielsweise hält immer noch (völkerrechtswidrig) einen
Teil
Zyperns besetzt, trotz einschlägiger UN-Resolutionen. Wo blieb da
der Aufschrei und das militärische Engagement der Vereinigten
Staaten?
Viele werden den Verdacht nicht los, daß es nur dann um das
Völkerrecht
und die Menschenrechte geht, wenn es den eigenen Interessen dient. Oft
sieht man schon mal (z.B. Lateinamerika) über gröbste
Menschenrechtsverletzungen
hinweg. Dann ist das aber natürlich etwas völlig anderes. Ich
teile diese Ansicht nicht, und viele Friedensdemonstranten - wie ich
annehme
- ebenso. Aus diesem Grund wird auch weiterhin völlig zu Recht
gegen
den Golfkrieg demonstriert.
(Mannheimer Morgen, 31.01.1991)
DIE WÜNSCHE DES
NORMALBÜRGERS
SIND HÖCHST WIDERSPRÜCHLICH
Heinrich Potthoffs Analyse über
den
Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie ("Heraus aus dem
Schneckenhaus
einer sich selbst genügenden Partei", FR v. 20.04.1991) greift aus
meiner Sicht zu kurz. In der Analyse fehlt beispielsweise der Hinweis
auf
den Wandel der Gesellschaft, die SINUS-Studie "Planungsdaten für
die
Mehrheitsfähigkeit der SPD" aus dem Jahre 1984 war da schon
weiter.
Die Politik einer Partei spielt sich ja nicht im luftleeren Raum ab,
sondern
hat (im Idealfall) den steten gesellschaftlichen Wandel zu
berücksichtigen.
Und gerade dieser Wandel, das Auseinanderdriften ihrer
Wählergruppen,
war ursächlich für den Machtverlust der SPD. Der politische
Spagat,
der notwendig war um diese Wählergruppen zu integrieren, wurde
einfach
zu groß. Angesichts der bestehenden Gesellschaftsstruktur stellt
sich generell die Frage, ob der Anspruch einer Partei, nämlich
Volkspartei
und mithin mehrheitsfähig zu sein, überhaupt noch
aufrechterhalten
werden kann.
Potthoff schreibt: "In einer komplex
gewordenen
Welt ist unter den vier P" (Programm, Politik, Personen u. Profil) "das
Programm das vergleichsweise unwichtigste. Für den
Normalbürger
erkennbare Wegweisungen gehen davon nicht aus. (...) Gewonnen werden
Wahlen
nicht am Rande des politischen Spektrums, sondern in der Mitte. Den
Normalbürger
mit seinen Interessen, Wünschen und Belangen ernstzunehmen, ist
lebenswichtig
für eine Partei, die Volkspartei sein möchte."
Wenn es denn so einfach wäre.
Leider
entsprechen die Interessen, Wünsche und Belange des
Normalbürgers
oft nicht den notwendigen Anforderungen, die beispielsweise aus der
Zerstörung
der Umwelt erwachsen. "Die derzeitigen Ölreserven reichen nach
Angaben
der Bundesregierung noch rund 43 Jahre" (FR v. 16.04.1991) "Neueste
Waldschadenserhebung
in nunmehr 16 Ländern West- und Ost-Europas offenbart weiterhin
negative
Trends" (FR v. 20.04.1991) Die Wünsche des Normalbürgers sind
höchst widersprüchlich. Einerseits möchte er im
Zwölfzylinder
mit 250 über die Autobahn düsen (wie die
Zulassungsstatistiken
beweisen), andererseits aber in einer intakten Umwelt überleben.
Ich halte ein Programm, das dieses
Spannungsverhältnis
berücksichtigt, für unbedingt notwendig und
äußerst
wichtig. Woran, wenn nicht an einem entsprechenden Programm, sollen
sich
denn die drei anderen "Ps" ausrichten? Mehrheitsfähigkeit allein
kann
keine politische Maxime sein. Es ist leider bezeichnend für den
Zustand
der SPD, daß man sie (in der Regierungsverantwortung) oft an ihre
eigenen Programme erinnern muß. Die Misere dieser Partei liegt
nicht
in der schlechten Programmatik, sondern eher bei den von Potthoff
geforderten
"eigenständigen Köpfen", die sich, einmal an die Macht
gelangt,
von Partei und Programmatik abwenden. Was der SPD fehlt, ist
Glaubwürdigkeit.
(Frankfurter Rundschau, 06.05.1991)
ES FEHLT AM VERNETZTEN DENKEN
Erneut soll in Mannheim eine
Grünanlage
ökonomischen Interessen geopfert werden. Zwar reden alle vom
Umweltschutz,
im Einzelfall wird dann aber konsequent gegen die Umwelt entschieden.
Noch
ist nicht vergessen, daß im Quadrat U2 und im Unteren Luisenpark
Bäume für Tiefgaragen geopfert werden sollten. Nicht
vergessen
ist auch, daß durch Baumaßnahmen wertvolles Grün
weichen
mußte, u.a. dem Erweiterungsbau der Rheinelektra.
In dieser Stadt ist vernetztes
Denken
völlig unterentwickelt. So beklagt man einerseits die durch den
Individualverkehr
verursachten Umweltbelastungen (Lärm, Abgase, Bodenversiegelung),
verwirklicht aber andererseits ständig Baumaßnahmen, die ein
Anwachsen des Individualverkehrs zur Folge haben. Studien, die zeigen,
daß der Bau von Tiefgaragen die Parkplatznöte nicht
verringert,
sondern immer mehr Verkehrsaufkommen zur Folge hat, sind offensichtlich
im Gemeinderat und der Verwaltung noch nicht zur Kenntnis genommen
worden.
Gewiß, im Einzelfall mag es
gute
Gründe geben, dem ökonomischen Interesse den Vorzug zu geben.
In ihrer Häufigkeit sind diese Entscheidungen jedoch alles andere
als positiv - auch ökonomisch. Denn eine Stadt, in der die Umwelt
konsequent auf den zweiten Platz verwiesen wird, in der folglich die
Lebensqualität
sinkt, wird langfristig auch wirtschaftlichen Schaden nehmen. Eine
Vernichtung
weiterer Grünanlagen ist m.E. umweltpolitisch nicht zu
verantworten.
Dem Vorzug der Ökonomie muß Einhalt geboten werden, denn wir
atmen Luft und keine Geldscheine.
Zum Schluß noch eine
Bemerkung:
Der Tag, an dem der o.g. Bericht erschien, war der Tag der Umwelt - wie
passend.
(Mannheimer Morgen, 08.07.1991)
MÜTTER, DIE ALLEIN GELASSEN
WERDEN
Die Reform des § 218 ist ein
schwieriges
Thema. Einerseits stellt sich zu Recht die (ethische) Frage, ob man
werdendes
Leben töten darf oder nicht. Andererseits sollte - meiner Ansicht
nach - eine Frau selbst entscheiden, ob sie ein Kind bekommen
möchte.
Dieses Problem ist nicht mit dem Strafrecht zu lösen, es ist eine
gesellschaftliche Aufgabe.
Ich möchte nicht von der
Heuchelei
seitens der katholischen Kirche reden. Es sei hier nur erwähnt,
daß
man wohl schlecht Verhütungsmittel und Abtreibung zugleich
ablehnen
kann.
Reden möchte ich von der
schizophrenen
Haltung unserer Wohlstandsgesellschaft. Entscheiden sich Frauen in
einer
Notlage für ihr Kind, werden sie von der Gesellschaft dafür
geradezu
bestraft. Es sind doch gerade die alleinerziehenden Mütter (denen
man wirklich eine soziale Notlage attestieren kann), die besonders
unter
der Wohnungsnot zu leiden haben. Solche Frauen leben in der Regel von
Sozialhilfe,
die meisten Vermieter winken da schon von vornherein ab.
Eine Gesellschaft, die mit allen
strafrechtlichen
Mitteln den Fötus schützen will, darüber hinaus aber als
kinderfeindlich bezeichnet werden kann, ist schizophren. Seltsamerweise
fühlt sich unsere Gesellschaft für höchst
zuständig,
wenn ein Kind im Mutterleib heranwächst. Sobald das Kind geboren
ist,
winkt man ab, frei nach dem Motto: was gehen mich die Kinder anderer
Leute
an? Es wäre schön zu sehen, wenn sich die moralische
Entrüstung
nicht nur auf die Zeit vor der Geburt beschränken würde,
sondern
auch auf die Lebensumstände danach.
(Mannheimer Morgen, 26.07.1991)
TAUSCHE BÄUME GEGEN
HOTELANLAGE
Erneut soll in Mannheim eine
Grünanlage
ökonomischen Interessen geopfert werden. Zwar reden alle vom
Umweltschutz,
im Einzelfall wird dann aber konsequent gegen die Umwelt entschieden.
Noch
ist nicht vergessen, daß im Quadrat U2 und im Unteren Luisenpark
Bäume für Tiefgaragen geopfert werden sollten. (Es ist uns
gelungen,
das zu verhindern) Nicht vergessen ist auch, daß durch
Baumaßnahmen
wertvolles Grün weichen mußte, u.a. dem Erweiterungsbau der
Rheinelektra. Nun soll uns neben dem Rosengarten ein
Fünf-Sterne-Hotel
beschert werden.
Um rentabel arbeiten zu können,
soll
das Rosengarten-Hotel mit mindestens 250 Zimmern ausgestattet sein.
Entsprechend
muß dann auch der Bauumfang ausfallen. Zum Vergleich: Das
Ramada-Hotel
in Ludwigshafen bietet 197 Zimmer an, das Maritim am Friedrichsplatz
ca.
180. Daraus folgt, am Rosengarten wird vom Baumbestand nichts
übrigbleiben.
Außerdem habe ich erhebliche Zweifel, ob man dort überhaupt
250 Zimmer wird realisieren können, sofern man in der Höhe
nicht
erheblich über die angrenzende Bebauung hinausgeht. Gäste
eines
Fünf-Sterne-Hotels finden sich schließlich - bei
Übernachtungspreisen
von mindestens 200,- DM - nicht mit Minizimmern ab. Aber in Mannheim
haben
wir ja Erfahrung, wenn es darum geht, ökonomische und
ästhetische
Gesichtspunkte gelungen miteinander zu vereinen. (Stadthaus N1) Also
keine
Angst vor Hotelhochbauten.
Der Gemeinderat will uns weismachen,
trotz
Hotelbebauung auf die zweite Wasserturm-Tiefgarage verzichten zu
können.
Klar ist demgegenüber, ein Kongreßzentrum mit
angeschlossenem
Hotel wird erheblich mehr Verkehrsaufkommen zur Folge haben, der Bau
der
zweiten Wasserturm-Tiefgarage ist deshalb unverzichtbar. So schafft man
Sachzwänge und streut vorher dem Bürger kräftig Sand in
die Augen. Sobald das Rosengarten-Hotel entsteht, vielleicht schon
früher,
werden wir ein Aufflammen der Diskussion um die Tiefgarage erleben, da
bin ich sicher. Entsprechend dem selbst geschaffenen Sachzwang
fällt
dann auch die Entscheidung der Verwaltung und des Gemeinderats aus -
natürlich
für die Tiefgarage.
In dieser Stadt ist vernetztes
Denken
völlig unterentwickelt. So beklagt man einerseits die durch den
Individualverkehr
verursachten Umweltbelastungen (Lärm, Abgase, Bodenversiegelung),
verwirklicht aber andererseits ständig Baumaßnahmen, die ein
Anwachsen des Individualverkehrs zur Folge haben. Gewiß, im
Einzelfall
mag es gute Gründe geben, dem ökonomischen Interesse den
Vorzug
zu geben. In ihrer Häufigkeit sind diese Entscheidungen jedoch
alles
andere als positiv - auch ökonomisch. Denn eine Stadt, in der die
Umwelt konsequent auf den zweiten Platz verwiesen wird, in der folglich
die Lebensqualität sinkt, wird langfristig auch wirtschaftlichen
Schaden
nehmen.
Eine Vernichtung weiterer
Grünanlagen
ist m.E. umweltpolitisch nicht zu verantworten. Dem Vorzug der
Ökonomie
muß Einhalt geboten werden, denn wir atmen Luft und keine
Geldscheine.
Deshalb kann man dem Bau des Rosengarten-Hotels keinesfalls zustimmen.
Primär geht es nämlich um die Lebensqualität der
Bürger
Mannheims und nicht um die Luxusbedürfnisse der
Kongreßteilnehmer.
Zum Schluß noch eine
Bemerkung:
Die OB-Wahl liegt nun hinter uns. Im Wahlkampf hat der Sieger, Gerhard
Widder, sehr viel von Umweltschutz gesprochen, schließlich galt
es
ja Wahlstimmen einzuheimsen. Mir verbleibt da nur der Rückgriff
auf
den seligen Goethe: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt
der Glaube."
(Lokal-Anzeiger
Schwetzingerstadt-Oststadt-Neuostheim-Neuhermsheim,
17.08.1991)
NICHT EINMAL EIN TEMPOLIMIT IST
DURCHZUSETZEN
Die Umweltkrise (Treibhauseffekt,
Ozonabbau)
wird von immer mehr Menschen zumindest zur Kenntnis genommen, Ignoranz
allein ist demzufolge nicht der ausschlaggebende Punkt. Das
Hauptproblem
liegt eindeutig am mangelnden Willen der Bürger, ihren Lebensstil
grundlegend zu ändern.
Der Greenpeace-Report "Global
Warming"
zeigt, was getan werden muß, um die Klimakatastrophe aufzuhalten.
Hierfür müßten (verkürzt) folgende Maßnahmen
ergriffen werden: 1. Einstellung der FCKW-Produktion bis zum Jahr 1995.
2. Abholzungsstopp bis zum Jahr 2000. 3. Extensive Aufforstung von mehr
als 200 Mio. Hektar Wald bis 2020. 4. Verringerung der Nutzung fossiler
Brennstoffe um 70 (!) Prozent des derzeitigen Werts bis 2020. 5.
Reduzierung
des Methan- u. Lachgas-Anstiegs auf 25 Prozent des derzeitigen Werts
bis
2020. Damit könnte man bis zum Jahr 2050 die globale Temperatur
auf
einem um ca. 2 Grad höheren Niveau (gegenüber dem
vorindustriellen
Wert) stabilisieren.
Angesichts dieser gewaltigen Aufgabe
ist
das Verhalten der Bundesbürger völlig unverständlich.
Man
könnte fast verzweifeln, wenn man bedenkt, daß in der BRD
politisch
noch nicht einmal ein Tempolimit durchzusetzen ist. Den Politikern kann
ich jedoch, im Gegensatz zu Claus Radt (Konsequenzen ziehen, FR v.
30.08.1991),
keinen Vorwurf machen. Die Maxime der Politiker ist, Wahlen zu gewinnen
und an der (finanziell lukrativen) Macht zu bleiben, nichts anderes.
Ich
bin überzeugt, die Spitzenpolitiker aller Parteien wissen, was auf
die Menschheit zukommt - so dumm, mit Verlaub, ist man "da oben"
wirklich
nicht. Dumm wäre es vielmehr - aus der Sicht des Politikers -,
wenn
er dem Volk die unbedingt notwendigen Maßnahmen abverlangen
würde,
denn dann könnte er eine Wiederwahl glatt vergessen. Nein, nicht
die
Politiker sind schuld, sondern das Volk, das in Wirklichkeit keine
einschneidenden
Veränderungen möchte.
In der Vergangenheit wurde vieles
vom
Ost-West-Antagonismus überlagert. Nun haben wir eine (wenn auch
aus
meiner Sicht minimale) Chance, uns anderen, wirklich wichtigen
Problemen
zuzuwenden. Man kann nur hoffen, daß der Revolution im Osten bald
eine neue folgt, und zwar eine in den Köpfen der Bürger in
den
Industriegesellschaften.
(Frankfurter Rundschau, 11.09.1991)
In 40 oder 50 Jahren könnte
bei uns
ein Klima herrschen wie jetzt in Rom oder Barcelona, so Karl-Otto
Sattler
in seinem Beitrag Herr Sattler folgert zu Recht, daß eine globale
Klimaerwärmung einschneidende Folgen für die Landwirtschaft
und
mithin für die Ernährungslage der Bevölkerung haben
wird.
Man spart künftig also nicht nur den Italienurlaub, weil es bei
uns
dann genauso schön sein wird.
Der Treibhauseffekt resultiert
hauptsächlich
aus dem Anstieg wärmeisolierender Gase (Kohlendioxid, Methan,
FCKWs,
Lachgas) in der Erdatmosphäre, und für deren Anstieg ist
eindeutig
der Mensch verantwortlich. Beispielsweise werden zur Zeit pro Jahr mehr
als 5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid durch Nutzung fossiler Brennstoffe
freigesetzt.
Der Greenpeace-Report "Global
Warming"
zeigt, was getan werden muß, um die globale Klimakatastrophe
aufzuhalten.
Hierfür müßten (verkürzt) folgende Maßnahmen
ergriffen werden: 1. Einstellung der FCKW-Produktion bis zum Jahr 1995.
2. Abholzungsstopp bis zum Jahr 2000. 3. Extensive Aufforstung von mehr
als 200 Mio. Hektar Wald bis 2020. 4. Verringerung der Nutzung fossiler
Brennstoffe um 70 (!) Prozent des derzeitigen Werts bis 2020. 5.
Reduzierung
des Methan- u. Lachgas-Anstiegs auf 25 Prozent des derzeitigen Werts
bis
2020. Damit könnte man bis zum Jahr 2050 die globale Temperatur
auf
einem um ca. 2 Grad höheren Niveau (gegenüber dem
vorindustriellen
Wert) stabilisieren.
Angesichts dieser gewaltigen Aufgabe
ist
das Verhalten der Bundesbürger völlig unverständlich.
Man
könnte fast verzweifeln, wenn man bedenkt, daß in der BRD
politisch
noch nicht einmal ein Tempolimit durchzusetzen ist. (der Verkehr ist
für
rund 25 Prozent der gesamten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich)
Auswege
aus der Ökokrise sind möglich, was fehlt ist der politische
Wille
für einschneidende Veränderungen. Doch wenn wir so
weitermachen
wie bisher, ist die Trockenheit des Jahres 1991 nur ein kleiner
Vorgeschmack
auf künftige Verhältnisse.
(Mannheimer Morgen, 20.09.1991)
DER GRÖßTE
UMWELTVERSCHMUTZER
Zum Lokalkommentar v. Horst-Dieter
Schiele
(Eine wichtige Diskussion wird zur Groteske, MM v. 28.09.1991):
Horst-Dieter Schiele macht genau
das,
was er den Autogegnern vorwirft - er polemisiert. Daß in Hamburg
eine Hauptverkehrsstraße tagelang blockiert wurde, prangert er
zwar
an, den Grund dafür unterschlägt er jedoch. Immerhin wurde
dort,
übrigens nicht zum ersten Mal, ein Kind totgefahren.
Über Meinungen kann man
streiten,
über Fakten nicht. 1980 hatte in den westlichen Industriestaaten
(OECD)
der Verkehr an einzelnen Luftschadstoffen folgenden Anteil: An
Kohlenmonoxid
66, an Stickoxiden 47 und an Kohlenwasserstoffen 39 Prozent. Für
rund
25 Prozent der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen ist der Verkehr
verantwortlich.
Der Straßenverkehr fordert weltweit pro Jahr mindestens 265.000
Opfer.
Soll man das, Herr Schiele, alles vergessen? Waldsterben und
Treibhauseffekt
einfach ignorieren? Das Auto ist nun mal einer der größten
Umweltverschmutzer,
ob man es wahrhaben möchte oder nicht. Es ist also keine
"oberflächliche
Stimmungsmache" gegen das Auto, sondern eine nüchterne
Bestandsaufnahme.
Nach einer Shell-Studie rollen im Jahr 2010 etwa 46 Mio. Fahrzeuge
über
die Straßen der Bundesrepublik, gegenwärtig sind es 36 Mio.
Wohin soll das noch führen?
Daß es auch anders geht,
belegen
Beispiele wie Bologna oder Zürich. In Mannheim allerdings, und das
ist höchst bedauerlich, will weder die politische Führung,
die
IHK, noch der Mannheimer Morgen solche positiven Seiten einer
Verringerung
des Individualverkehrs zur Kenntnis nehmen. Die Entscheidung gegen
einen
übersteigerten Individualverkehr ist eine Entscheidung für
mehr
Lebensqualität. Wenn in Mannheim nicht endlich mit entsprechenden
Maßnahmen begonnen wird, ist unsere Stadt demnächst ganz
weit
hinten, weil wieder einmal der Zug der Zeit verschlafen wurde.
(Mannheimer Morgen, 14.10.1991)
DIE FLUCHTURSACHEN AUSSCHALTEN
Die Diskussion um das Asylrecht ist
von
allem getrübt, nur nicht von Humanität und Sachkenntnis.
Das Niveau der Diskussion ist
wirklich
nicht erhebend, nach dem Leserbrief von Helmut Werber (Augenschein in
Nigeria,
MM v. 05.12.1991) kann es jedoch nur noch besser werden. Nigeria sei,
so
argumentiert Herr Werber, von "der 3,5-fachen Größe der
alten
Bundesrepublik", und da könne, "wenn aus irgendwelchen
Gründen
jemand in seiner Umgebung unbeliebt wird", dieser im Rest des Landes
genügend
Raum finden. Wie einfach! Sollte Herr Werber einmal aus irgendwelchen
Gründen
in seiner Umgebung (Heddesheim) unbeliebt werden, würde er
sicherlich
nicht nach Hamburg ziehen, sondern nach dem Rechtsstaat rufen. Nigeria
ist jedoch alles andere als ein Rechtsstaat, die jetzige Regierung kam
im August 1985 durch einen Staatsstreich an die Macht.
Bei der ganzen Diskussion um das
Asylrecht
werden die Fluchtursachen völlig außer acht gelassen. Den
Anteil,
den die Industriestaaten daran haben, versucht man schamhaft zu
verdecken.
Wir liefern Waffen: 97 Prozent aller Großwaffen für die
Dritte
Welt stammen aus den Industriestaaten. Wir zerstören die Umwelt:
Der
durchschnittliche Rohstoff- und Energieverbrauch ist im Norden ca.
40mal
höher als im Süden. Wir beuten die Ärmsten aus: Der
Kapitaltransfer
von Süd nach Nord betrug zwischen 1982 und 1990 256 Mrd.
US-Dollar.
Die Weltwirtschaftsordnung ist höchst ungerecht: Die
Entwicklungsländer
(75 % der Weltbevölkerung) haben am Welthandel einen Anteil von
22,4
%, die westlichen Industriestaaten (16 % d. W.) hingegen einen von 72,1
%. Mit Staaten, in denen gefoltert wird, sind wir befreundet: z.B. die
Türkei.
Wer Fluchtbewegungen verhindern
will,
muß die Fluchtursachen ausschalten. Mit Anti-Asyl-Propaganda ist
uns hierbei allerdings nicht gedient.
(Mannheimer Morgen, 25.02.1992)
DIE IRRITATIONEN DER WEST-LINKEN
Seit die Diktaturen in den vormals
sich
sozialistisch nennenden Staaten Osteuropas zusammengebrochen sind,
verspüren
Linke im Westen offensichtlich erhöhten Bekenntnisdrang. Der
Kapitalismus
habe in der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus gesiegt, man
müsse
sich mit ihm abfinden. So auch der Tenor der französischen
Sozialisten
vor ihrem Parteitag. (FR v. 14.12.1991 "Im Blickpunkt: Frankreichs
Sozialisten
vor der Wende") Der Zusammenbruch der Parteidiktaturen im Osten hat bei
den West-Linken Irritationen ausgelöst. Die Konsequenzen, die sie
daraus ziehen, halte ich allerdings für falsch.
Sozialismus ist untrennbar mit
individueller
Freiheit verbunden (Rosa Luxemburg: Freiheit ist immer Freiheit der
Andersdenkenden).
Schon allein aus diesem Grund durfte man die Staaten Osteuropas nie und
nimmer als sozialistisch bezeichnen. Da es also im Osten gar keine
sozialistischen
Gesellschaftsordnungen gab, konnte mit ihnen der Sozialismus folglich
auch
nicht zusammenbrechen. Die Irritationen der West-Linken beruhen m.E.
vor
allem darauf, daß man der Propaganda der dortigen Machthaber
(Rosa
Luxemburg: Diktatur im rein bürgerlichen Sinne) partiell erlegen
ist.
Die "Sozialisten" dort waren aber - meiner Meinung nach - ebensowenig
sozialistisch
wie die katholische Kirche christlich ist.
Ob die Probleme der Menschheit
jedoch
mit dem Kapitalismus zu lösen sind, wie der Trend bei den
West-Linken
nun glauben machen will, wage ich zu bezweifeln. Der Kapitalismus ist
parasitär,
er lebt auf Kosten der natürlichen Umwelt und der
Bevölkerungsmehrheit
dieses Planeten. Einerseits ist es zwar erfreulich, wenn die von Marx
vorausgesagte
Verelendung in den kapitalistischen Staaten nicht eingetroffen ist,
andererseits
wächst das Elend in der Dritten Welt immer mehr. Hat sich Marx mit
seiner These von der unausweichlichen Verelendung etwa nur
räumlich
geirrt? An die auf uns zukommende Umweltkatastrophe (z.B.
Treibhauseffekt,
Ozonloch) darf hier ebenfalls erinnert werden.
Die sozialen und ökologischen
Probleme
können, wenn überhaupt, nur mit einer Gesellschaftsordnung
gelöst
werden, die auf den Grundwerten Freiheit, Gleichheit und
Solidarität
beruht. Der Kapitalismus entspricht keinem dieser Werte. So wie er sich
gegenwärtig äußert, haben die Armen in der Dritten Welt
die Freiheit zu verhungern, sind die Nationen nur formal
gleichberechtigt
und ist die Zwei-Drittel-Gesellschaft mit den rund 150.000
bundesdeutschen
Obdachlosen noch nicht einmal verbal solidarisch.
Der Kapitalismus ist ein
Gesellschaftsentwurf,
der auf individuellem Egoismus basiert und bei dem es zwangsläufig
Gewinner und Verlierer geben muß. Es ist bedauerlich, wenn die
West-Linken
bereit sind, das in Zukunft zu akzeptieren. Damit wird der Menschheit
jede
Hoffnung genommen, Auswege aus der öko-sozialen Krise finden und
umsetzen
zu können. Denn die Einschnitte, die man vornehmen muß, um
diese
Krise zu meistern, sind so tief, daß der Kapitalismus als
Gesellschaftsform
kaum überleben dürfte. Bleiben sie aus, präsentiert uns
die Umwelt irgendwann die Rechnung. Der "Sieg" des Kapitalismus
über
den sogenannten Sozialismus war in jedem Fall ein Pyrrhussieg.
(Frankfurter Rundschau, 21.12.1991)
MIETER INS ASYL?
Um Mißverständnissen von
vornherein
vorzubeugen: Ich bin gegen eine Änderung des Art. 16 Abs. 2 GG
(Asylrecht),
weil die Industriestaaten an der Migration von gegenwärtig 17,3
Millionen
Menschen (UN-Bericht) nicht gerade unschuldig sind (Unterstützung
von Diktaturen, ökonomische Ausbeutung, Waffenexporte,
Umweltverschmutzung).
Ich schäme mich oft für die in unserer Gesellschaft
vorherrschende
"Zocker-Mentalität". Zwar möchte man ökonomisch
möglichst
viel absahnen, mit den Folgen des eigenen Handelns aber nichts zu tun
haben.
Und selbstverständlich wähle ich keine REPs.
Wenig sinnvoll als Beitrag zur
Linderung
von Flüchtlingsnöten halte ich jedoch die juristisch
abgesegnete
Kündigung (wegen Eigenbedarf) von Mietern in gemeindeeigenen
Wohnungen,
um dann Asylbewerber darin unterzubringen. (Gemeinde darf für
Flüchtlinge
Wohnungen kündigen, FR v. 30.04.1992) Nicht zuletzt wegen der
Wohnungsnot
ist so ein Urteil höchst fragwürdig. Übernachten die
jetzigen
Mieter also demnächst im Obdachlosenheim?
Hat man in Deutschland immer noch
nicht
bemerkt, daß man mit der sozialen Ausgrenzung weiter
Bevölkerungskreise
(Obdachlose, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, Bürger mit
geringem
Einkommen) die Demokratie langfristig untergräbt? Die ersten
"Erfolge"
dahingehend konnte man ja bereits registrieren - zuletzt bei den
Landtagswahlen
in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Oder ist das
Ausspielen
der Armen des Nordens gegen die Armen des Südens politisch
gewollt,
um in den Industriestaaten die "rechte" Stimmung für kommende
Verteilungskämpfe
zu erzeugen? Den Herrschenden hierzulande kann es nur recht sein, wenn
die wahren Ursachen von Not und Elend in der Welt verborgen bleiben.
Wer
die eigene Wohnung verlassen muß, um sie für Asylbewerber
frei
zu machen, wird die Schuld daran ganz gewiß nicht der ungerechten
Weltwirtschaftsordnung zuschieben. Wer beim Bürger eine
Geisteshaltung
hervorruft, bei der es für den einzelnen nicht mehr zweckrational
ist, die Demokratie zu unterstützen, öffnet die Büchse
der
Pandora.
"Die einzige Größe eines
Landes
ist die Gerechtigkeit". (Albert Camus) Daran sollten wir uns messen -
nach
innen und nach außen.
(Frankfurter Rundschau, 12.05.1992)
ÖFFENTLICHER DIENST
UNVERZICHTBAR
In Stellungnahmen einzelner
Bürger
zum Tarifabschluß des öffentlichen Dienstes werden die
Gewerkschaften
teilweise heftig kritisiert. Warum eigentlich? Die Bürger
können
doch nicht ernsthaft erwarten, daß sie einerseits im Krankenhaus
oder Altersheim aufopfernd gepflegt und von Polizisten rund um die Uhr
beschützt werden, andererseits aber das alles praktisch zum
Nulltarif
bekommen.
Der öffentliche Dienst ist
für
ein hochindustrialisiertes Land von großer Wichtigkeit, denn die
Wirtschaft kann nur in Verbindung mit einem funktionierenden
Staatsdienst
Leistung erbringen. (Infrastruktur) Die Beschäftigten des
öffentlichen
Dienstes tun das aber nicht für ein Butterbrot, sie fordern ihren
gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand. Was soll daran
unredlich
sein?
Oft wird vom Bürger
argumentiert:
"Ihr habt doch einen sicheren Arbeitsplatz." Nun gut, das stimmt. Aber,
und das darf keinesfalls verschwiegen werden, der öffentliche
Dienst
verdient im Durchschnitt immer noch erheblich weniger als die
Beschäftigten
in anderen Wirtschaftszweigen. Darüber hinaus kann man sich
für
den sicheren Arbeitsplatz nichts kaufen. Die Preise sind für alle
gleich, unabhängig davon, wo sie arbeiten. Es ist doch
bezeichnend,
wenn man in Ballungsgebieten Schwierigkeiten hat, Mitarbeiter für
den öffentlichen Dienst zu gewinnen. Angesichts hoher
Lebenshaltungskosten
(Mieten) und unterdurchschnittlichen Einkommen wundert mich das nicht.
Zum Schluß für alle
Gewerkschaftskritiker
noch einen Rat. Sie sollen sich einmal überlegen, wie die soziale
Realität bei uns aussehen würde, wenn es keine Gewerkschaften
gäbe.
(Mannheimer Morgen, 09.06.1992)
GERECHTE WELTORDNUNG NICHT
MILITÄRISCH
ZU ERREICHEN
Ob es künftig überhaupt
Einsätze
der Bundeswehr außerhalb des NATO-Bündnisgebiets geben soll,
und wenn ja, welche, ist zur Zeit heftig umstritten. Daß dies
eine
politische, weniger eine juristische Entscheidung ist, wird von (LESER)
Joachim Kronenberger ("Zu Menschenrechten gehören auch
Menschenpflichten",
FR v. 27.06.1992) zu Recht herausgestellt. Ich begrüße die
Bemühungen,
eine juristisch unzweideutige Rechtsgrundlage für
Bundeswehreinsätze
herzustellen, lehne jedoch gerade aus politischen Gründen
Kampfeinsätze,
die über die NATO-Bündnisverpflichtung hinausgehen, ab.
Folglich
kann das nur bedeuten, den Bundeswehreinsatz im Rahmen der UN
auszuschließen.
Die UN ist nicht in der Lage, die
Einhaltung
internationaler Rechtsnormen zu garantieren, denn sie dient
gegenwärtig
als Instrument der reichen und mächtigen Staaten des Nordens. So
haben
die USA in der Vergangenheit mehrfach gegen das Völkerrecht
verstoßen,
insbesondere mit (direkten u. indirekten) militärischen
Interventionen
in Lateinamerika. Ob die UN auch die USA zur Einhaltung des
Völkerrechts
zwingen kann, darf bezweifelt werden. Hierzu fehlen ihr die
entsprechenden
Möglichkeiten, politisch, wirtschaftlich und militärisch.
Jede
UN-Aktion würde bereits im Sicherheitsrat am Vetorecht scheitern.
Deutschland gehört zum
privilegierten
Club der Reichen, der Wille zur militärischen Absicherung des
Status
quo mag aus dieser Perspektive verständlich sein. Moralisch
gerechtfertigt
ist er nicht, denn aus der Sicht der Entwicklungsländer (76
Prozent
der Weltbevölkerung, 17 Prozent des Welteinkommens) sieht das
völlig
anders aus. Die Bundeswehr für höchst zweifelhafte Interessen
einzusetzen, halte ich für bedenklich und gefährlich.
Darüber
hinaus ist eine gerechte Weltordnung ausschließlich
wirtschaftlich,
nicht militärisch zu erreichen. Ich wäre froh, wenn sich die
erhöhte Verantwortung Deutschlands, von der die Politiker so oft
sprechen,
in diesem Sinne äußern würde.
(Frankfurter Rundschau, 01.07.1992)
MENSCHEN FÜR ANDERE
INTERESSEN OPFERN?
Der Kommentar von Michael
Schröder
zur Bundestagssondersitzung und zur angekündigten Verfassungsklage
der SPD ("Schlingerkurs", MM v. 18.07.1992) ist m.E. nur als zynisch zu
bezeichnen. Die Sondersitzung des Bundestages kostet "einige
hunderttausend
Mark", nach seiner Meinung ist diese Ausgabe völlig
überflüssig.
Da haben wir's wieder, Geld ist am wichtigsten. Daß deutsche
Soldaten
den Bundeswehreinsatz in der Adria schlimmstenfalls mit dem Leben
bezahlen
könnten, spielt offensichtlich keine Rolle. Daß uns die
Bundesregierung
sukzessive an Kampfhandlungen heranführt und damit das Grundgesetz
aushöhlt, ist ohne Belang. Schließlich gilt es die
angespannte
Bonner Haushaltskasse zu schonen.
Jede Gesellschaft hat das Recht,
sich
zu verteidigen, auch mit Waffengewalt. Aber ist es ethisch
gerechtfertigt,
Menschen für andere Interessen in den Tod zu schicken? Wie
wandelbar
und zweifelhaft solche sein können, hat sich beim Golfkrieg
gezeigt.
Kein Staat hat das Recht, von seinen
Bürgern
zu verlangen, für Zwecke, die nicht der Verteidigung dienen, den
Kopf
hinzuhalten.
(Mannheimer Morgen, 23.07.1992)
KEIN INSTRUMENT DER
UNTERDRÜCKUNG
In seiner Zuschrift bezeichnet Leser
Bernhard
Baum den sozialen Wohnungsbau als ein Stück Sozialismus, letzterer
hätte zwar im Osten versagt, würde jedoch in der
Bundesrepublik
wieder schrittweise eingeführt. Einer solchen Einstellung kann man
nur ideologische Ignoranz attestieren. Meiner Meinung nach war die
Parteidiktatur
östlich der Elbe nämlich alles andere als sozialistisch, und
der soziale Wohnungsbau hierzulande ist gewiß kein Instrument der
Unterdrückung.
Wir haben in der Bundesrepublik zur
Zeit
eine Million Obdachlose, mit steigender Tendenz. Für diese
besorgniserregende
Entwicklung ist jedoch nicht der soziale Wohnungsbau verantwortlich (er
wurde von der jetzigen Bundesregierung kontinuierlich
zurückgefahren),
vielmehr eine Politik, die am Wohnungsmarkt die Marktkräfte
ungehindert
hat walten lassen, wobei die weniger Begüterten in Bedrängnis
kamen. Inzwischen können viele die stark ansteigenden Mieten kaum
noch verkraften, während sich der Eigentumserwerb zunehmend als
illusorisch
erweist. Hier wurde und wird sozialer Sprengstoff angesammelt, der,
wenn
sich nichts ändert, irgendwann zur Explosion kommen muß.
Wer,
wie Herr Baum, die Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus fordert, ist
sich
über die Folgen offensichtlich nicht im klaren.
Die Grundversorgung mit bezahlbarem
Wohnraum
gehört zu den Hauptaufgaben jeder demokratischen Gesellschaft,
eine
entsprechende Steuerung des Staates ist deshalb geradezu geboten.
Freiheit
bedeutet nicht frei sein von sozialer Verantwortung, auch wenn es Geld
kostet. Ein Staat, der nicht nach dieser Maxime handelt, produziert
Unfreiheit
und untergräbt damit die Demokratie.
(Mannheimer Morgen, 27.08.1992)
DIÄTENERHÖHUNG -
INTERPRETATION
IST VOLKSVERDUMMUNG
Die geplante Anhebung der
Diäten
wird von den Bundestagsabgeordneten der drei großen Fraktionen
(CDU/CSU,
SPD, FDP) als bescheiden bezeichnet (FR vom 12.12.1992
"Diätenerhöhung
gerechtfertigt"). Diese Interpretation der Diätenerhöhung ist
- mit Verlaub gesagt - nichts anderes als Volksverdummung. Daß
Abgeordnete
nicht rechnen können, will ich ihnen nicht unterstellen. Daß
sie den wahren Sachverhalt bewußt verdrehen, müssen sie sich
allerdings vorwerfen lassen.
Die Erhöhung der
Aufwandsentschädigung
(plus 2,35 Prozent) und der steuerfreien Kostenpauschale (plus 3,69
Prozent)
wirkt in der Tat auf den ersten Blick relativ (zu den
Tarifabschlüssen
dieses Jahres und der Preissteigerungsrate) bescheiden. Ist sie aber
nicht,
denn in absoluten Beträgen gerechnet sieht das völlig anders
aus. Die Bezüge der Abgeordneten sollen um insgesamt 460 DM
steigen.
Im Gegensatz dazu stieg ein 4.000 DM-Gehalt bei einem Tarifergebnis von
6 Prozent nur um 240 DM (der öffentliche Dienst erhielt trotz
Streik
lediglich 5,4 Prozent). Die Abgeordneten gönnen sich folglich in
Wirklichkeit
erheblich mehr als sie ihren Wählern empfahlen (z.B.
Möllemann).
Die Preise sind jedoch für alle gleich, ob man nun im Bundestag
sitzt
oder nicht. Gewiß, man mag einwenden, ein Abgeordneter habe
für
seine Nobelkarosse und seinen repräsentativen Wohnsitz
entsprechend
mehr aufzuwenden. In einer Zeit, in der selbst Kürzungen des
Sozialhilfesatzes
(gegenwärtig knapp über 500 DM) nicht tabu sind, wirkt eine
solche
Rechtfertigung nur zynisch.
Meiner Meinung nach haben sich die
meisten
Volksvertreter von der sozialen Realität unseres Landes gedanklich
längst gelöst. Die sozialen Nöte der Menschen werden von
ihnen nur noch zum Schein aufgegriffen (um Wahlen zu gewinnen),
während
sich die Probleme dramatisch verschärfen. In Mannheim
beispielsweise
sollen in einem einzigen Stadtteil 2.074 Sozialwohnungen in
Eigentumswohnungen
umgewandelt werden. An der Spitze des Bau- und des Justizministeriums
wird
gleichwohl keinerlei Handlungsbedarf gesehen. Ach, ich vergaß,
dort
wohnt man ja repräsentativ, d.h. in der eigenen "Bude" und ist
entsprechend
abgesichert. Und um diesen Status nicht zu gefährden, braucht man
natürlich angemessen hohe Gehaltssteigerungen. Wie tröstlich,
daß unsere Abgeordneten dabei ausgesprochen bescheiden (wenn auch
nur prozentual) agieren.
(Frankfurter Rundschau, 18.12.1992)
VIELE UNSERER BEFÜRCHTUNGEN
SIND REALITÄT
GEWORDEN
Vor nunmehr 13 Jahren, unsere Stadt
nannte
sich damals "Kabelpilotprojekt", war ich Mitglied des
Juso-Stadtverbandsvorstands
in Ludwigshafen am Rhein. Wir haben eindringlich vor der tiefgreifenden
und negativen Veränderung der Medienlandschaft gewarnt, die mit
den
privaten Fernsehsendern einhergeht. Umsonst, heute sind viele unserer
Befürchtungen
Realität geworden.
Die Befürworter des
Privatfernsehens
haben uns damals ein Medienparadies versprochen, es wurde viel von
hohem
Niveau, reichhaltiger Auswahl und gesicherter Ausgewogenheit
gesprochen.
Medienkonzentration, das war ein beliebtes Argument gegen die
öffentlich-rechtlichen
Anstalten, sei beim Kabel nahezu ausgeschlossen. Wie die Wirklichkeit
aussieht,
brauche ich hier nicht zu schildern. Wir erleben das täglich via
Kabel.
Und die Medienerneuerer haben ihr selbstgestecktes Ziel immer noch
nicht
erreicht, die nächste Runde ist bereits eingeläutet: die
faktische
Eliminierung von ARD und ZDF (Schäuble).
Neil Postman hat 1985 in seinem Buch
"Wir
amüsieren uns zu Tode" vor den Folgen der neuen Medienlandschaft
auf
die Gesellschaft gewarnt. Die Mehrheit hat ihm offensichtlich nicht
geglaubt,
wundert sich heute jedoch über das mangelnde Bildungsniveau und
die
Gewaltbereitschaft der Jugend.
Der vermehrte Rückgriff auf
vermeintlich
einfache Lösungen (Ausländerfeindlichkeit) ist die
unausweichliche
Folge einer Gesellschaft, in der die Mehrheit zwischen dümmlichen
Spielshows, billigen US-Serien und nächtlicher TV-Erotik gar nicht
mehr zu Besinnung kommt. Für uns alle (Schäuble & Co.
eingeschlossen)
wird es wohl irgendwann ein böses Erwachen geben, denn die
Geister,
die man rief, wird man so schnell nicht wieder los.
(Frankfurter Rundschau, 21.01.1993)
SOLINGEN: URSACHEN UND FOLGEN
Wenn Sigmar Heilmann nach den Morden
von
Solingen in seinem Kommentar "Handeln statt reden" vom 1.6.93 ein
härteres
Durchgreifen von Justiz und Polizei gegen Rechtsradikale fordert, so
ist
dem sicherlich zuzustimmen. Was seine Kommentierung m. E. vermissen
läßt,
ist die Bewertung des gesellschaftlichen Umfelds, in dem solche Taten
möglich
werden.
In unserer Gesellschaft sind
Intoleranz
und Gewaltbereitschaft beängstigend gewachsen. Vor 10 Jahren, als
es um die Einführung kommerzieller Fernsehsender ging, wurden alle
Warnungen der Kritiker in den Wind geschlagen. Heute registrieren wir,
was aus der totalen Informationsfreiheit geworden ist: mit Gewalt
aufgewachsene
Jugendliche nehmen sich die Freiheit, Ausländer zu ermorden. Der
Zusammenhang
zwischen erlebter Gewalt auf dem Bildschirm und praktizierter Gewalt in
der Gesellschaft ist wohl kaum zu bestreiten.
In unserer Gesellschaft darf
Menschenfeindlichkeit
nicht weiter um sich greifen. Was wir im alltäglichen Umgang
miteinander
brauchen, ist mehr Zivilcourage. Es wurde allzu lange geschwiegen. Wir
müssen jederzeit aktiv für die Demokratie eintreten,
menschenfeindlichen
Äußerung, z.B. am Arbeitsplatz, ist energisch zu
widersprechen.
Davon ist letztlich unser Zivilisationsniveau abhängig, denn in
einer
wirklich zivilisierten Gesellschaft zündet man keine Menschen an.
(Mannheimer Morgen, 10.06.1993)
DER ÖFFENTLICHE DIENST
BRAUCH EINE
REFORM
Als Angehöriger des
öffentlichen
Dienstes erfüllen mich die Überlegungen der Politik, uns
länger
arbeiten zu lassen und darüber hinaus auch auf einen
Gehaltszuwachs
zu verzichten, mit Sorge. Sorge deshalb, weil wir wieder einmal
für
die falsche Haushaltspolitik der zurückliegenden Jahre
büßen
sollen. Sorge auch, weil es beim öffentlichen Dienst viele
Geringverdiener
gibt, denen man kaum noch finanziellen Verzicht abverlangen kann. Da
Vermieter
keinesfalls auf Mieterhöhungen verzichten, sind zum Beispiel
Polizeibeamte
- zumindest in den Ballungsräumen - bei der Suche nach bezahlbarem
Wohnraum häufig chancenlos.
Mit modernen Managementmethoden, wie
in
dem Beitrag "Sparaktionen im öffentlichen Dienst - Beamte werden
zu
Managern" (FR v. 26.06.1993) geschildert, lassen sich zwar durchaus
Stellen
einsparen, allerdings erscheint mir das gesamte öffentliche
Dienstrecht
höchst reformbedürftig. Mit einem besseren Betriebsklima,
sprich
durch psychologische Schulung von Vorgesetzten, ist es nämlich
nicht
getan. In meiner Dienststelle herrschen beispielsweise durch
unterschiedliche
Rechtsstellungen (Einteilung in Beamte u. Angestellte) erhebliche
Gehaltsunterschiede,
obwohl die Beschäftigten genau die gleiche Tätigkeit
ausüben.
Diese Unterschiede, wohlgemerkt bei gleicher Tätigkeit, reichen
bei
uns bis zum Doppelten des Nettogehalts.
Mangelnde Motivation verursacht
ebenso
der völlige Verzicht auf das Leistungsprinzip. Solange es absolut
gleichgültig ist, wer wieviel und in welcher Qualität
arbeitet,
solange für die Vergütung allein Alter, Dienstjahre und
Rechtsstatus
ausschlaggebend sind, wird sich daran nichts ändern. Und solange
Leistung
keine Anerkennung in Form von Beförderung bringen kann, weil die
entsprechenden
Stellen etwa nur für Beamte, aber nicht für Angestellte
zugänglich
sind, bleiben die warmen Worte von Vorgesetzten völlig nutzlos.
Denn
davon kann ich meine Miete letztlich auch nicht bezahlen.
Der öffentliche Dienst braucht
eine
Reform, unbestreitbar. Motivation bedeutet Leistung, letztere allein
mit
modernen Managementmethoden erreichen zu wollen, ist hingegen von
vornherein
zum Scheitern verurteilt, wenn nicht auch das Gehaltsgefüge
modernisiert
wird. Es bedarf eben mehr als nur eine Optimierung des
Geschäftsablaufs,
hinzukommen muß eine berufliche Perspektive für die
Beschäftigten.
(Frankfurter Rundschau, 03.07.1993)
NICHT HILFREICHER BERICHT
Gegenwärtig werden in
Deutschland
Minderheiten - hauptsächlich Ausländer - ständig Opfer
politischer
Gewalttäter. Deshalb haben alle Demokraten die Pflicht, zu einem
gesellschaftlichen
Klima beizutragen, in dem solche Taten nicht mehr möglich sind.
Ich
würde mich freuen, wenn auch der Mannheimer Morgen hierzu seinen
Beitrag
leisten würde. Der Bericht "Wie die Deutschen den Staat
betrügen"
(MM v. 05.06.1993) war diesbezüglich leider alles andere als
hilfreich.
Darin war zu lesen: "Insbesondere
Asylbewerber
beziehen Sozialhilfeleistungen mehrfach". Beim 1992 in
Schleswig-Holstein
unter Asylbewerbern veranstalteten Zählappell lag der
Leistungsmißbrauch
unter 2 Prozent. Und in Hamburg wurden 1990 lediglich 260 Fälle
zur
Anzeige gebracht, bei über 150.000 Leistungsempfängern
(Deutsche
u. Ausländer). Das sind ganze 0,17 Prozent. Soviel zum
unterstellten
massenhaften Mißbrauch.
(Mannheimer Morgen, 05.08.1993)
ASOZIALE GESINNUNG
Daß die Bundesregierung mit
ihren
Sparvorschlägen vor allem den Armen in die Taschen greift, die
Bessergestellten
hingegen weitgehend verschont, ist keine Neuigkeit. Beim Versuch, die
Demontage
des Sozialstaats vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen, wird die
asoziale Gesinnung des politischen Establishments offensichtlich. Wider
besseren Wissens hantiert man mit Halbwahrheiten, die einer
näheren
Überprüfung
nicht standhalten. So auch jetzt wieder in einem Argumentationspapier
des
Bundesfinanzministeriums, das die Abschaffung der
Arbeitnehmer-Sparzulage
verteidigt (FR v. 01.09.1993).
Da das Geldvermögen der
Privathaushalte
durchschnittlich 113.000 DM betrage, so das Ministerium, könne man
die Sparzulage beruhigt streichen. Nun, mit Durchschnittswerten ist das
so eine Sache. Nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes
besaßen 1990 in Westdeutschland 15 Prozent aller Haushalte ein
Geldvermögen
von weniger als 2.500 DM, weitere 9 Prozent hatten gar keine
Ersparnisse.
Ein Prozent der Haushalte verfügten jedoch über mehr als
200.000
DM. Das dürfte sich seitdem nicht grundlegend geändert haben.
Die Streichung der Sparzulage trifft
wegen
den bestehenden Einkommensgrenzen (27.000 DM brutto bei Ledigen)
allerdings
nur Geringverdiener, deren Geldvermögen sicherlich weit unter den
genannten 113.000 DM liegen dürfte. Das weiß auch das
Bundesfinanzministerium,
aber gegenwärtig schreckt man dort selbst vor dem Gebrauch der
dümmsten
Argumente nicht zurück, wenn sie nur tauglich genug erscheinen,
den
geplanten Sozialabbau zu verteidigen.
(Frankfurter Rundschau, 09.09.1993)
DIE EIGENTLICHEN KONFLIKTURSACHEN
AUSSCHALTEN
Mit Interesse habe ich die
Dokumentation
der Rede Richard von Weizsäckers bei der 34. Kommandeurtagung
gelesen
("Der Erzengel Michael sind wir auch nicht", FR v. 14.10.1993). Einer
der
Schlüsselsätze des Bundespräsidenten lautete: "Ob als
Wehrpflichtiger
oder freiwillig längerdienender Soldat: Von jedem wird im Kern ein
existentieller Beitrag gefordert, der Einsatz des eigenen Lebens." Nun
kann man von den Angehörigen eines Gemeinwesens zu Recht erwarten,
daß sie sich an der Verteidigung desselben beteiligen. Meiner
Auffassung
nach ist es aber absolut unzulässig, daraus eine Verpflichtung zur
Teilnahme an internationalen Militäreinsätzen abzuleiten. Mit
welchem Recht, so frage ich, kann man vom einzelnen verlangen, weitab
unserer
Landesgrenzen sein Leben zu riskieren? Sind wir frei verfügbare
Manövriermasse
der Regierenden?
Nach Angaben des Instituts für
Politische
Wissenschaft der Universität Hamburg gab es 1992 weltweit 52
kriegerische
Konflikte - soviel wie noch nie seit 1945 (FR v. 23.12.1992). Sollen
wir
demnächst tatsächlich überall militärisch
intervenieren,
darauf läuft es nämlich in der Konsequenz hinaus? Und mit
welcher
Begründung? Zur "Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des
ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen", wie die
Bundeswehr
in ihren verteidigungspolitischen Richtlinien (FR v. 22.03.1993)
fordert?
Mithin also zur Zementierung einer zweifellos ungerechten
Weltwirtschaftsordnung?
Nein, ginge es den Regierenden
wirklich
um Humanität, würden sie mehr Anstrengungen unternehmen, die
eigentlichen Konfliktursachen auszuschalten. Hier, in der Ächtung
des Waffenexports, dem Einsatz für eine gerechte Verteilung der
Güter,
beim Umweltschutz und dem Boykott brutaler Diktaturen, liegt unsere
Aufgabe.
Ich halte den Versuch, militärisch Symptome zu bekämpfen,
ohne
die Ursachen zu beseitigen, für völlig weltfremd.
Wenn der Bundespräsident einen
"existentiellen
Beitrag" fordert, dann müßte er ihn richtigerweise - nach
dem
Verursacherprinzip - etwa den Rüstungsfirmen abverlangen. Leider
geschieht
das nicht. Ich habe das ungute Gefühl, einige hätten gerne
aus
Prestigegründen ihren Sitz im UN-Sicherheitsrat, andere
möchten
weiterhin
mit dem Waffenhandel Profite erzielen, der große Rest beim
Lebensstil
weitermachen wie bisher, und die Rechnung soll - wie meist in der
Geschichte
- der "kleine Mann" (als Soldat notfalls zum Sterben bereit)
begleichen.
Ist es wirklich so erstaunlich, wenn manche einfach nicht mehr
mitspielen?
(Frankfurter Rundschau, 30.10.1993)
VERSCHLAFENER TREND
In bezug auf die Standortfrage
wettert
Rudi Kilgus gegen "alte Umverteilungsphilosophie und rot-grüne
Technikfeindlichkeit"
(Kommentar "Standort-Nähe" MM v. 22.10.1993). Rot-Grün
Technikfeindlichkeit
zu unterstellen, ist meiner Meinung nach zu undifferenziert. So werden
die Produkte der Autoindustrie doch zu Recht als technische Dinosaurier
bezeichnet, denn sie passen schon lange nicht mehr in die umwelt- und
verkehrspolitische
Landschaft. Es ist vielmehr die Umweltbewegung, die die Technik
für
das 21. Jahrhundert (z.B. Solar-/Wasserstoffwirtschaft) realisieren
möchte,
an der ideologisch festgefahrenen Betonkopfriege in Politik und
Wirtschaft
bislang allerdings weitgehend gescheitert ist. Die energische Forderung
nach Serienproduktion eines verbrauchsgünstigen PKW (2,5
Liter/100km)
kommt bekanntlich von Greenpeace, nicht aus den Reihen der
Autoindustrie.
Vermutlich verschlafen wir deshalb auch diesen Trend.
Wie aktuell die Verteilungsfrage
ist,
zeigt die gegenwärtige Wirtschaftskrise. In Hamburg, einer der
reichsten
Städte Deutschlands, leben rund 200.000 Menschen in Armut,
während
andererseits "ganze 0,3 Prozent der Bewohner über 70 Prozent des
Vermögens
der Stadt" besitzen (MM v. 26.10.1993 "Am Rande der Städte wachsen
die Slums von morgen"). Umverteilung ist also dringlicher denn je. Klar
ist auch, es muß gespart werden - fragt sich nur bei wem. Zur
Zeit
wird Verzicht vor allem den Armen (Geringverdiener, Arbeitslose,
Sozialhilfeempfänger)
abverlangt. Doch wann verzichten etwa die Vermieter auf
Mieterhöhungen?
Wenn der Begriff "soziale Marktwirtschaft" nicht zur Worthülse
degenerieren
soll, muß es gerecht zugehen. Durch die Politik der
Bundesregierung,
die Fakten (steigende Armut) zeigen das deutlich, sind wir von einer
gerechten
Gesellschaft weiter entfernt als je zuvor seit Bestehen der
Bundesrepublik.
Ob sich das langfristig für den Wirtschaftsstandort Deutschland
positiv
auswirkt, wage ich zu bezweifeln.
(Mannheimer Morgen, 06.11.1993)
GOTTESBEZUG UND CHRISTLICH
GEFÜHRTE
BUNDESREGIERUNG
Als Bürger dieses Staates halte
die
Diskussion um den Gottesbezug derzeit für vollkommen
überflüssig.
Haben die hohen Herren in den Parlamenten, gegenwärtig diskutieren
sie ja noch untereinander (Verheugen, Schwäblein), keine
größeren
Sorgen? Wir, das Volk, schon. Dank einer christlich geführten
Bundesregierung
erleben wir momentan die Auswüchse der propagierten
Ellenbogengesellschaft
("Leistung muß sich wieder lohnen"): beispiellosen Sozialabbau.
Und
vielleicht darf unsere Bundeswehr demnächst im Ausland die
Belastungsfähigkeit
des fünften Gebots ("Du sollst nicht töten") austesten.
Den Vogel bei diesem dummdreisten
Ablenkungsmanöver
schießt nun allerdings Jörg Schwäblein (MdL,
Fraktionsvorsitzender
der CDU in Thüringen) ab. In seinem Leserbrief "Verhindern,
daß
staatliches Handeln willkürlich wird" (FR v. 28.12.1993), will er
uns doch ernsthaft weismachen, daß eine als
verfassungsmäßige
Monstranz vor uns hergetragene Religiosität "verhindert, daß
staatliches Handeln willkürlich wird". Wann hat Religion jemals
Willkürherrschaft
verhindert? Im Gegenteil, meist marschierten Diktatur und Religion bei
der Unterdrückung von Menschen Hand in Hand.
Der Fraktionsvorsitzende einer
Regierungspartei
ist nicht irgendwer. Wer meint, staatliches Willkürverhalten
wäre
nur durch den verfassungsmäßigen Gottesbezug zu verhindern
und
nicht durch die Einhaltung der in der Verfassung garantierten
Grundrechte,
dessen Demokratieverständnis ist höchst fragwürdig. Der
rechtsradikale Mob, der schon allzu lange auf unseren Straßen
wütet,
wird sich von den ethischen Implikationen eines Gottesbezugs
wahrscheinlich
kaum beeindrucken lassen. Von der konsequenten Verteidigung unserer
Grundrechte
dagegen schon.
(Frankfurter Rundschau, 06.01.1994)
STIMMUNG ANGEHEIZT
Für die schrecklichen Krawalle
am
Alten Meßlatz, da hat Martin Tangl nur allzu recht, kann man
absolut
kein Verständnis aufbringen. Mit Bestürzung haben wir leider
abermals zur Kenntnis zu nehmen, welch ungeheures Maß an
sinnloser
Gewalt derzeit unsere Gesellschaft erschüttert. Niemand, hier sind
sich wohl alle einig, hat das Recht, nach eigenem Gutdünken
(unabhängig
von den jeweiligen Motiven) Gewalt auszuüben. Wohlweislich besitzt
das Gewaltmonopol ausnahmslos der demokratische Rechtsstaat.
Kein Verständnis habe ich
allerdings
auch für folgende Passage seines Kommentars: "Wer kann den Leuten
verdenken, wenn einige angesichts der Zerstörung Arbeitslager
für
die Täter fordern?" Rechtfertigt Herr Tangl hier nicht indirekt
den
Ruf nach dem, was vor 50 Jahren als "gesundes Volksempfinden"
bezeichnet
wurde? Ist er sich im klaren darüber, daß er damit die
rechtsradikale
Stimmung im Land nur noch weiter anheizt? Arbeitslager gab und gibt es
nur in Diktaturen. Will er etwa Unrecht mit weiterem Unrecht (eventuell
ausgeübt durch sog. "Volksgerichtshöfe") bekämpfen? Wer
entsprechende Forderungen nicht übelnimmt, ganz gleich in welchem
Kontext sie geäußert wurden, billigt sie.
Pressefreiheit ist in der Demokratie
unverzichtbar.
Aber sie verpflichtet, insbesondere in solch schwierigen Zeiten, zu
abgewogener
Kommentierung. Martin Tangls Kommentar wurde dem, meiner Auffassung
nach,
nicht gerecht.
(Mannheimer Morgen, 24.01.1994)
KOMMUNIKATION FINDET EIGENTLICH
GAR NICHT
STATT
Der schleswig-holsteinischen
Ministerpräsidentin,
Heide Simonis, ist uneingeschränkt zuzustimmen, wenn sie in bezug
auf Einsparmöglichkeiten beim öffentlichen Dienst feststellt,
daß die Entlohnung der Angestellten meist relativ gering
ausfällt
und hier aus sozialen Gründen wenig Gestaltungsspielraum besteht
(FR
v. 21.01.1994, Interview: "Wo ist in den letzten Jahren der
größte
Quatsch passiert?"). In der Tat würde die Streichung der
Urlaubsvergütung
und des Weihnachtsgeldes (beides übrigens durchaus tariflich
abgesichert)
viele Angestellte finanziell noch mehr in Bedrängnis bringen. Wenn
Frau Simonis allerdings den Gestaltungsspielraum generell als "fast
Null"
bezeichnet, irrt sie gründlich. Mit Phantasie und dem Mut, Tabus
zu
brechen, läßt sich selbst im öffentlichen Dienst
durchaus
etwas bewegen.
Zunächst ist festzustellen,
daß
der öffentliche Dienst von seiner Struktur her absolut
leistungsfeindlich
ist. Wirkliche Leistungsgerechtigkeit würde die Bediensteten
endlich
wieder motivieren, gegenwärtig handelt man dort überwiegend
nach
dem Motto "Wer was leistet, ist der Dumme", denn Leistung lohnt sich
nicht.
Leitungsfunktionen etwa werden oft nach Rechtsstellung (Beamter,
Angestellter
oder Arbeiter) bzw. Dienstzeit besetzt, leider allzu häufig nicht
nach Kompetenz. Sind die öffentlichen Arbeitgeber bei der
Umsetzung
höherer Effektivität behindert? Nein, die Gewerkschaften
wollen
das seit Jahrzehnten, dennoch fördert man lieber traditionelle,
aber
letztlich ineffektive Strukturen. Ein Privatunternehmen wäre mit
so
einem System längst pleite gegangen. Daß die Finanzminister
darüber hinaus Haushaltsmittel einsparen könnten, ist in
diesem
Zusammenhang offenbar völlig uninteressant. Staatsverschuldung?
Knappe
Haushaltsmittel? Nein, nie gehört. Nur bei Tarifverhandlungen wird
kräftig gejammert.
Es sprengt bei weitem den Rahmen
eines
Leserbriefs, würde man alle denkbaren Reformansätze
aufzählen.
Was in diesem Zusammenhang aber besonders erwähnenswert erscheint
ist, daß wegen der ausgeprägten Hierarchie und der daraus
resultierenden
Entfernung der Entscheidungsträger von den Mitarbeitern vor Ort
Kommunikation
eigentlich gar nicht stattfindet. Sie wird auch von einer selbst
herangezüchteten
Riege von Jasagern, die der Führungsebene in vorauseilendem
Gehorsam
alles Negative möglichst vorenthält, nach Kräften
behindert.
Im öffentlichen Dienst sind deshalb starre, d.h.
unveränderbare
Anweisungen, seien sie auch noch so praxisfremd, die Regel. Von
modernen
Managementmethoden könnte der öffentliche Dienst meiner
Meinung
nach durchaus profitieren. Es kommt hauptsächlich darauf an, nicht
nur darüber zu diskutieren, sondern einige davon endlich
umzusetzen.
(Frankfurter Rundschau, 03.02.1994)
HIMMELWEITER UNTERSCHIED
Kriminalität ist ein ernstes
und
komplexes Thema, die Berichterstattung im Mannheimer Morgen scheint mir
dem allerdings nicht immer gerecht zu werden. Schenkt man
beispielsweise
Herrn Cerny Glauben, wird Mannheim "von Kriminellen überrannt".
Die
aktuelle Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Mannheim kann das
freilich nicht bestätigen.
Für Kriminologen ist die
"Häufigkeitszahl"
(Straftaten pro 100.000 Einwohner) die aussagekräftigste, d.h.
repräsentativste
Kennziffer zur Beurteilung der Kriminalitätsentwicklung. Danach
müssen
wir in Mannheim zwischen 1983 und 1993 einen Kriminalitätsanstieg
von 12,3 Prozent registrieren. Im gleichen Zeitraum stieg die
Kriminalität
in Westdeutschland jedoch um 13,5 Prozent. Die Kriminalität in
Mannheim
ist unterdurchschnittlich gestiegen.
Die Straßenkriminalität,
die
nach Aussage der Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Mannheim
"unmittelbar in die Öffentlichkeit hineinwirkt" und vom
Bürger
vermutlich als besonders bedrohlich empfunden wird, sank sogar
gegenüber
dem Vorjahr um 2,45 Prozent. Insgesamt wurden 1993 in Mannheim 438
Personen
Opfer einer Raubstraftat, folglich werden wir (statistisch gesehen)
alle
742 Jahre mindestens einmal Opfer einer entsprechenden Straftat.
Zwischen
der subjektiven Wahrnehmung von Kriminalität und der objektiv
vorhandenen
Gefahr besteht also ein himmelweiter Unterschied.
(Mannheimer Morgen, 16.07.1994)
Ich wundere mich, wie wenig die
Industrie
die Umweltgefahren zu erkennen scheint und wie heftig man sich gegen
entsprechende
Vorschriften wehrt. Und zur angedrohten Produktionsverlagerung: Glauben
Sie wirklich, daß Sie im Ausland auf lange Sicht von
Umweltauflagen
verschont bleiben. Wohl kaum. Auch ökonomisch rechnet sich das
nicht,
denn sie wollen Ihre Erzeugnisse ja hier verkaufen. Folglich
können
Sie gar kein Interesse am Niedergang des Standorts Deutschland haben,
denn
auf die Kaufkraft der Menschen sind Sie ja angewiesen. Generell ist zu
sagen, daß die Volkswirtschaft, die als erste den Sprung zu einer
umweltverträglichen Produktion schafft, immense Vorteile hat -
auch
und gerade ökonomische. Für die anderen gilt dann: "Wer zu
spät
kommt, den bestraft das Leben". Sie werden den Fortschritt nicht
aufhalten,
höchstens verzögern. Aber geben Sie acht, daß Sie nicht
vor lauter Ignoranz auf der Strecke bleiben und den Zug der Zeit
verpassen.
Eine Industrie, die sich nicht rechtzeitig umstellt, kann dann in der
Tat
verschwinden.
Noch ein Wort zum Beitrag
"Sportstudios
statt Chemie". Dieser entspricht wohl ganz und gar nicht ihrem
intellektuellen
Niveau. Oder doch?
("BASF information", 04.09.1994)
KRUDE PHILOSOPHIE
Die krude Philosophie Peter Singers
basiert
auf einem fundamentalen Irrtum. In dem Interview ("Der Unterschied
zwischen
Abtreibung und Kindstötung ist nicht groß", FR v.
02.11.1994)
zeigt er das deutlich: "Der entscheidende Punkt ist: Nur ein Wesen, das
verstehen kann, daß es über die Zeit hinweg existiert, kann
die Präferenz haben, weiterleben zu wollen", so Singer. Nur
solchen
- gleichgültig ob Mensch oder Tier - attestiert er ein
entsprechendes
"Interesse". Für ihn folgt daraus: Wem die Fähigkeit fehlt,
"sich
selbst als über die Zeit hinweg existierend wahrzunehmen", dem
kann
das Recht auf Leben abgesprochen werden.
Die Verbindung einer bestimmten
Bewußtseinsstufe
mit dem Interesse am Weiterleben ist nicht nur völlig
willkürlich,
sondern auch absolut falsch. Wäre Herr Singer in der Lage
über
den Tellerrand seiner "Präferenz-Utilitaristen-Theorie"
hinauszusehen,
würde er möglicherweise erkennen, daß jedes Wesen -
unabhängig
von seiner individuellen Bewußtseinsstufe - weiterleben
möchte.
Zumindest diesbezüglich ist die für ihn alles entscheidende
Bewußtseinsgrenze
also gar nicht relevant. Biologen wissen das - aber Herr Singer ist ja
"Präferenz-Utilitarist".
Mir graut vor solchen Menschen, denn
sie
maßen sich an, über Leben und Tod entscheiden zu
können.
Leider ein immer wiederkehrendes Muster menschlicher Vermessenheit. Die
Konsequenzen sind bekannt.
(Frankfurter Rundschau, 08.11.1994)
DIE STEIGENDE ARMUT IN UNSERER
REICHEN
REPUBLIK SPRICHT EINE DEUTLICHE SPRACHE
Daß der Chefvolkswirt der
Deutschen
Bank, Professor Norbert Walter, in bezug auf die kommende Lohnrunde von
den Arbeitnehmervertretern Lohnzurückhaltung verlangt, war zu
erwarten
(FR vom 4. Januar 1995 Gastbeitrag "Lohnrunde ´95: Mit Vernunft
für
mehr Beschäftigung"). Schlagworte wie "Überwindung der
Technikfeindlichkeit",
"Abbau von Bürokratie" (Deregulierung), "Zurückdrängung
von Neidkomplexen" und "Anreize zu mehr Leistung" durften
natürlich
auch nicht fehlen. Und selbstverständlich wettert Prof. Walter
gegen
protektionistische Neigungen. Zugegeben, das Lohnniveau der Ukraine ist
selbst für ihn "weder erstrebenswert noch erforderlich",
darüber
hinaus äußert er jedoch nur altbekannte Standpunkte aus dem
neoliberalen Nähkästchen. Mit einem Wort: enttäuschend.
Kein Wort verliert er hingegen
über
das negative politische Umfeld, das in den zurückliegenden Jahren
insbesondere die Arbeitnehmer belastet hat (Finanzierung der deutschen
Einheit vor allem über die Arbeitslosen- bzw. Rentenversicherung,
diverse Steuererhöhungen etc.) und die entsprechenden Folgen
für
den Binnenmarkt. Kein Wort zur längst überfälligen
Steuerreform
(Ökosteuer, Familienentlastung, Sicherung des Existenzminimums,
Wertschöpfungssteuer
etc.) und zum überproportionalen Anstieg der Mieten (im Inland
Inflationsfaktor
Nr. 1). In gleicher Weise schweigt er zu den unfairen Praktiken
fernöstlicher
Handelspartner (z.B. dem 79%igen Aufschlag für Importautos in
Südkorea).
Ebensowenig hört man von ihm zum volkswirtschaftlichen Nonsens
vieler
Unternehmer, in Billiglohnländern produzieren, gleichwohl hier in
der BRD verkaufen zu wollen.
"Der Gewinnanstieg 1994 bringt
praktisch
nirgendwo die Gewinnmargen auf ein Niveau, das angesichts der
Unternehmerrisiken
dringend gebraucht wird", schreibt Prof. Walter. Die Realität
sieht
wohl etwas anders aus. So erzielte der Siemens-Konzern im ersten
Halbjahr
1994 einen Überschuß von 879 Mio. DM (1992 und 1993 waren es
nach Steuern jeweils 2 Mrd.), die Belegschaft in der Bundesrepublik
wurde
indes zwischen Oktober 1993 und März 1994 um ca. 8.000 Stellen
verringert
(FR v. 26.04.1994). Im Geschäftsjahr 1994/1995 (bis 30.09.1995)
sollen
9.000 weitere Jobs folgen. Und wie die Frankfurter Rundschau am
02.04.1994
berichtete, hat sein Haus, die Deutsche Bank, im Jahr 1993 einen
Jahresüberschuß
von 2,24 Mrd. DM erwirtschaftet, trotzdem wurde die Belegschaft
kräftig
ausgedünnt (im Inland um 2.835 Stellen). Das ist ihm sicherlich
nicht
unbekannt.
Den ökonomischen Problemen
unserer
Volkswirtschaft ist mit der eindimensionalen Forderung nach
Lohnzurückhaltung
nicht beizukommen. Wer Lasten dennoch einseitig verteilt, braucht sich
über die daraus resultierenden Konsequenzen nicht zu wundern. Die
steigende Armut in unserer reichen Republik spricht eine allzu
deutliche
Sprache.
(Frankfurter Rundschau, 28.01.1995)
PROGNOSE 1995
Der "Sachverständigenrat zur
Begutachtung
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" erstellt alljährlich eine
Prognose und verkündet darin entsprechende Empfehlungen. Die
veröffentlichten
Ratschläge der "fünf Weisen" für das Jahr 1995
dürfen
jedoch - insbesondere aus gewerkschaftlicher Sicht - nicht
unwidersprochen
bleiben. Hier kann aus Platzgründen verständlicherweise nicht
auf alles ausführlich eingegangen werden. Insofern möchte ich
nachfolgend nur auf die Forderungen nach Lohnzurückhaltung und
Senkung
der Sozialhilfe eingehen.
Gutachten des
Sachverständigenrates
waren in der Vergangenheit oft weit von der ökonomischen
Realität
entfernt. So erwarteten die "fünf Weisen" für das Jahr 1993
ein
"reales Nullwachstum der westdeutschen Wirtschaft" (Polizeispiegel
2/93),
nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank das
Bruttoinlandsprodukt
(BIP) dann allerdings um 1,7 Prozent. Immerhin ein Irrtum in der
Größenordnung
von rd. 50 Mrd. DM. Für 1994 sagten sie uns ein
Wirtschaftswachstum
von 1,5 Prozent voraus (Polizeispiegel 12/93), nach vorläufigen
Daten
wuchs das westdeutsche BIP indes um 2,3 Prozent (Frankfurter Rundschau
v. 13.01.1995). Schon allein deshalb sollte man Prognosen
gegenüber
vorsichtig sein.
Für das vor uns liegende Jahr
wird
vom Sachverständigenrat ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent
prognostiziert,
er empfiehlt dennoch eine "zurückhaltende Lohnpolitik".
Darüber
hinaus bezeichnet er es als schädlich, wenn Bezieher unterer
Einkommen
an der allgemeinen Einkommensentwicklung überproportional
beteiligt
werden. Zusätzlich sei eine generelle Senkung der Sozialhilfe oder
eine Senkung der Lohnkosten für einfache Arbeit notwendig, damit
Sozialhilfeempfänger
Arbeitsplätze mit geringem Einkommen überhaupt akzeptieren
(Polizeispiegel
1/95).
Die Vorschläge des
Sachverständigenrates
ignorieren die soziale Wirklichkeit unseres Landes. Wo man bei einem
Sozialhilfesatz
von monatlich knapp über 500 DM noch etwas abziehen will, ist
ehrlich
gesagt völlig schleierhaft. Außerdem herrscht - entgegen der
landläufigen Meinung - zwischen unteren Einkommensbeziehern und
Sozialhilfeempfängern
nach wie vor ein ausreichend hoher Einkommensabstand. Eine Studie des
Bundesfamilienministeriums
hat das bereits vor einiger Zeit überzeugend dargelegt
(Frankfurter
Rundschau v. 03.12.1993). Wo bei gegenwärtig 3,5 Mio. Arbeitslosen
überhaupt die vielen Arbeitsplätze sein sollen, die der
Sachverständigenrat
den 3,6 Mio. Sozialhilfeempfängern (1992) andient, bleibt
ebenfalls
rätselhaft. Die Sachverständigen reihen sich hier
bedauerlicherweise
in die Phalanx derer ein, welche weniger die Armut, sondern vielmehr
die
Armen bekämpfen. Geht es dem Sachverständigenrat
überhaupt
noch um den Erhalt der "sozialen" Marktwirtschaft? Zweifel sind
durchaus
angebracht.
Die Forderungen der "fünf
Weisen"
sind aus sozialpolitischen Gesichtspunkten geradezu katastrophal,
ferner
werden sie der ökonomischen Realität bundesdeutscher
Unternehmen
nicht gerecht. So erzielte der Siemens-Konzern in den Jahren 1992 u.
1993
nach Abzug der Steuern jeweils einen Überschuß von 2 Mrd.
DM,
im ersten Halbjahr 1994 waren es 879 Mio. DM (Frankfurter Rundschau v.
26.04.1994). Die Belegschaft in der Bundesrepublik wurde 1993 freilich
um 17.000 Stellen verringert, bis Ende 1995 sollen 9.000 weitere folgen
(Mannheimer Morgen v. 16.12.1994). 1993 hat die Deutsche Bank einen
Jahresüberschuß
von 2,24 Mrd. DM erwirtschaftet, trotzdem wurden im Inland 2.835
Stellen
abgebaut (Frankfurter Rundschau v. 02.04.1994). Zwei Beispiele von
vielen.
Wie hoch müssen die Gewinnmargen der Unternehmen eigentlich sein,
damit man letztlich wieder Arbeitnehmer einstellt? An mangelnden
Gewinnen
kann es zumindest hier nicht gelegen haben.
Die "fünf Weisen" bewerten die
Lohnpolitik
vor allem unter Kosten- und weniger unter Nachfragegesichtspunkten.
Gewinnerwartungen
der Unternehmen müssen aber am Markt realisiert werden, nur dann
wird
investiert. Im vergangenen Jahr stand in Westdeutschland ein
durchschnittlicher
Einkommensanstieg von 0,2 Prozent (netto) einer dreiprozentigen
Preissteigerungsrate
gegenüber. Reale Einkommensverluste der Konsumenten (Arbeitnehmer)
lassen die Gewinnerwartungen folglich als äußerst
fragwürdig
erscheinen (Maschinen kaufen keine Autos).
Und wie wenig Lohnzurückhaltung
hilft,
zeigt das Beispiel USA: Im Jahr 1993 war der durchschnittliche
Stundenlohn
eines US-Arbeiters inflationsbereinigt niedriger als jemals zuvor in
den
vergangenen 30 Jahren. Allein zwischen 1992 und 1993 ist der Jahreslohn
im Durchschnitt um 700 US-$ gefallen (Frankfurter Rundschau v.
07.11.1994).
1990 betrug dort der Anteil der ganzjährig
Vollzeitbeschäftigten,
die nicht genug verdienten, um eine vierköpfige Familie über
der offiziellen Armutsgrenze zu halten, 18 Prozent (Edward N. Luttwak,
Weltwirtschaftskrieg, Seite 195).
Geht es den USA deshalb
volkswirtschaftlich
gesehen besser? Wohl kaum. Sie sind inzwischen das mit Abstand
meistverschuldete
Land der Erde (1991 mehr als 700 Mrd. US-$ Auslandsschulden). Die
Gesamtschulden
des Bundes betrugen dort 1993 4,35 Billionen US-$, das Haushaltsdefizit
lag bei 254,7 Mrd., das Leistungsbilanzdefizit bei 109,2 Mrd., und das
Handelsbilanzdefizit erreichte im gleichen Jahr ein Minus von 139,2
Mrd.
(Fischer Weltalmanach 1995, Seite 652, 905 u. 1037). Die Verschuldung
der
privaten Haushalte bezifferte man Anfang 1992 auf 3,7 Billionen, die
der
amerikanischen Unternehmen auf 3,5 Billionen US-$.
Lohnzurückhaltung =
größerer
Wohlstand? Nicht unbedingt, wie man oben sieht. Überhaupt
müßte
dem Sachverständigenrat klar sein, daß die Tarifpartner im
Rahmen
einer Tarifrunde nur partiell zur Lösung der ökonomischen
Probleme
Deutschlands beitragen können. Konkrete Maßnahmen der
Politik,
z.B. eine grundlegende Änderung der Steuerpolitik, sind
längst
überfällig. Und solange das so bleibt, sollen untere
Einkommensgruppen
und sozial Schwache nicht die Leidtragenden sein. Wer
volkswirtschaftliche
Lasten dennoch einseitig verteilt, braucht sich über die daraus
resultierenden
Konsequenzen (z.B. wachsende Kriminalität) nicht zu wundern.
(Polizeispiegel, Nr.3/1995)
ES GEHT NICHT UM DAS OB, SONDERN
UM DAS
WIE
Daß man für die Opfer von
Wirtschaftsreformen
meist wenig Verständnis aufbringt, ist leider beschämende
Realität.
Dem entgegentretend war das Bemühen um eine differenzierte
Betrachtungsweise
immer das Markenzeichen der FR. Leider weicht der Beitrag von Gabriele
Venzky über die aktuelle Lage in Indien etwas von dieser gewohnten
Route ab.
Die Volkswirtschaft Indiens
wächst
also um beeindruckende 5,3 Prozent. Angesichts solcher Erfolgsmeldungen
ist die Tatsache, daß fast die Hälfte der Bevölkerung
ihre
Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen kann, eine völlig zu Recht
von der hohen Politik ignorierte Lappalie. Wer kümmert sich schon
gern um Kleinigkeiten? Schade, daß die Armen das nicht so sehen
und
dem partout nicht beipflichten wollen. Warum begreifen sie nicht,
daß
sie irgendwann einmal - vielleicht in 10 oder 20 Jahren - davon
profitieren
werden? Hat man es ihnen wirklich nicht (oder nicht deutlich genug)
gesagt?
Und warum haben sie kein Mitleid mit dem armen Premier Rao, gerade
jetzt,
da ihm die Hindu-Fundis so sehr zusetzen? Um ihm "populistische
Subventionspakete"
zu ersparen, welche schließlich nur das Wachstum
einschränken
(wie töricht), könnten die Armen ruhig ein wenig
weiterhungern.
Aus reiner Solidarität, versteht sich. Denn profitieren tun ja
zunächst
nur andere. Wenn es noch eines Beweises für eklatante
Charakterschwäche
und mangelnden Durchhaltewillen bedurft hätte - hier ist er. Ganz
im Vertrauen, überrascht uns das?
Nun aber im Ernst: Grundlegende
Veränderungen
sind unbestreitbar notwendig - selbstverständlich auch bei uns. Es
geht folglich nicht um das Ob, sondern um das Wie. Allerdings sind
Reformen,
die das Wohlergehen beachtlicher Teile des Volkes außer acht
lassen,
kaum geeignet zum Erfolg zu führen. Letztlich führt das,
ebenso
wie Reformfeindlichkeit, nur zur politischen Radikalisierung der Armen.
Indien ist diesbezüglich kein Einzelfall. Wird es noch lange
dauern,
bis die Herrschenden (in Nord u. Süd) endlich kapieren, wie
kontraproduktiv
ihr Handeln ist? Die Bombe tickt.
(Frankfurter Rundschau, 21.03.1995)
ALTERNATIVE ENERGIEN
Die fossilen Energierohstoffe werden
unweigerlich
zur Neige gehen. So reichen die sicheren Ölreserven nach einer
Studie
der Esso AG gerade noch 43 Jahre, auch Erdgas ist langfristig gesehen
keine
Alternative (Reichweite ca. 60 Jahre). Darüber hinaus verursachen
kohlenstoffhaltige Energieträger den für die Menschheit
äußerst
bedrohlichen Treibhauseffekt. Klimaforscher empfehlen, den
CO2-Ausstoß
um rund 70 Prozent zu reduzieren, wenn wir der Klimakatastrophe
entgehen
wollen. Angesichts dessen plädieren manche für eine
Renaissance
der Atomkraft, so auch Leser Richard Eberle ("Folgen des Ausstiegs", MM
v. 25.03.1995).
Meiner Ansicht nach ist Atomkraft
keine
Alternative. 1994 waren weltweit 428 Kernkraftwerke in Betrieb, ihr
Anteil
am Weltenergieverbrauch betrug aber lediglich 7 Prozent (Fischer
Weltalmanach
1995). Um dem Treibhauseffekt mit Atomkraft beizukommen, bräuchten
wir also mindestens 4.280 Kernkraftwerke. Das Atommüllproblem ist
jedoch immer noch ungelöst. Wie würde das erst bei einer
Verzehnfachung
der Kernkraftwerke aussehen? Zudem vergrößert sich dann die
Gefahr von Unfällen (welche Technik ist absolut fehlerfrei?) und
der
Weiterverbreitung von Atomwaffen.
Die Lösung der Energie- und
Umweltprobleme
kann allein in der Nutzung regenerierbarer Energiequellen liegen (z.B.
Solar-/Wasserstofftechnik). Sie stehen praktisch unbegrenzt zur
Verfügung,
sind ökologisch vertretbar, ihre Anwendung ist technisch gesehen
kein
Problem und sie sind militärisch nicht zu mißbrauchen. Uns
bleibt
- nüchtern betrachtet - kein anderer Ausweg.
(Mannheimer Morgen, 03.04.1995)
KONFLIKT POLITISCH LÖSEN
Frederik Willem de Klerk hat's
getan,
Jitzhak Rabin auch, nur John Major ziert sich noch etwas, ist jedoch
auf
dem besten Weg dazu. Tansu Ciller allerdings, die türkische
Ministerpräsidentin,
kann dem gar nichts abgewinnen: Verhandlungen mit dem Feind. Sie setzt
ausschließlich auf die militärische Lösung. Tansu
Ciller
ignoriert konsequent, daß der türkisch-kurdische Konflikt
unweigerlich
politisch gelöst werden muß. Sie wird lernen müssen,
die
PKK als politischen und nicht bloß militärischen Widerpart
anzuerkennen.
Die Alternative wäre, den Krieg (mit allen menschlichen und
ökonomischen
Kosten) auf vorläufig unbestimmte Zeit fortzusetzen.
Die wirtschaftliche Situation der
Türkei
ist nicht zuletzt wegen dem Krieg gegen die Kurden desolat und bleibt
auch
politisch nicht ohne Folgen. Das Abgleiten des NATO-Mitglieds ins
islamisch-fundamentalistische
Lager ist nicht mehr völlig auszuschließen. Gleichwohl
hält
die Bundesrepublik der Regierung Ciller mit unbeschreiblichem Zynismus
die Treue und beraubt sich so jeder politischen Flexibilität. Bis
das Unvermeidliche passiert: der Sturz des "Hundesohns" (F.D.
Roosevelt).
Der Schaden wäre gewiß immens. Bündnispolitische
Motive,
derentwegen man an der türkischen Regierung festhält, werden
damit letztlich ad absurdum geführt. Außerdem ist diese
Haltung
moralisch gesehen in hohem Maße fragwürdig.
Daraus folgt: Die faktisch
bedingungslose
Unterstützung der Türkei muß beendet werden. Wir
sollten
klarstellen, notfalls durch Sanktionen, daß es zum
Verhandlungsweg
und zur Beachtung der Menschenrechte keine rationale Alternative gibt.
Oder ist man wirklich so naiv anzunehmen, es wird trotz allem irgendwie
gutgehen? Die PKK muß politisch eingebunden werden, daran besteht
- nüchtern betrachtet - kein Zweifel. Ich weiß, solche
Forderungen
erscheinen augenblicklich absolut unrealistisch und man gerät
leicht
in den Verdacht, PKK-Sympathisant zu sein. Aber das sagte man vor noch
nicht allzu langer Zeit über Verhandlungen zwischen Israel und der
PLO auch. Und der ehemalige "Terrorist" Arafat mutierte auf wunderbare
Weise zum Friedensnobelpreisträger.
(Frankfurter Rundschau, 30.03.1995)
ZIVILDIENST HERABGESETZT
Um von vornherein keine
Mißverständnisse
aufkommen zu lassen: Ich habe meinen Wehrdienst abgeleistet. Einerseits
waren meine persönlichen Erfahrungen bei der Bundeswehr nicht die
schlechtesten, andererseits verstehe ich jeden, der sich dem Wehrdienst
aus Gewissensgründen entzieht. Andere Menschen möglicherweise
töten zu müssen, ist eben für viele - auch in einer
Notwehrsituation
- absolut inakzeptabel.
Willi Müller schießt
allerdings
weit übers Ziel hinaus, wenn er meint, "daß
Wehrdienstverweigerern
grundsätzlich auf Lebenszeit eine Anstellung im öffentlichen
Dienst verwehrt" sein sollte. Offensichtlich mangelt es ihm an Toleranz
gegenüber Andersdenkenden. Unsere Gesellschaft ist
schließlich,
entgegen der Auffassung von Herrn Müller, nicht mit einem
"Betrieb"
vergleichbar, bei dem sich Wehrdienstverweigerer "gegen die Interessen
des Betriebes" stellen. Dies wäre auch eine sonderbare Auffassung
von Demokratie. Sein Leserbrief zeugt vielmehr von einer
anachronistischen,
obrigkeitsstaatlichen Auffassung.
Des weiteren ist die von ihm
geforderte
systematische Benachteiligung von Wehrdienstverweigerern eindeutig
verfassungswidrig.
Und völlig außer acht läßt er die
gesellschaftlich
mindestens ebenso nützliche Arbeit, welche Zivildienstleistende im
sozialen Bereich (Alten-, Behindertenheime etc.) verrichten.
(Mannheimer Morgen, 12.09.1995)
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