|
Leserbriefe
(2001
- 2005)
GELEBTE TOLERANZ
Ich bin in gewissem Sinne stolz
darauf,
in Deutschland zu leben. Die hierzulande - selbst unter
Berücksichtigung
etlicher Mängel (z.B. Parteispendenskandal der CDU) - gefestigte
Demokratie,
die weitgehende Beachtung der Menschenrechte, das nach wie vor
existierende
soziale Netz, die Pressefreiheit und das einigermaßen
funktionierende
Bildungssystem - all das läßt mich stolz sein auf unser
Land.
Menschen mit anderer Nationalität sind das sicherlich auch. Noch
stolzer
wäre ich allerdings, wenn sie, ohne dabei um Leib und Leben
fürchten
zu müssen, friedlich mitten unter uns leben könnten.
Stolz, ein Deutscher zu sein, bin
ich
dagegen nicht, denn diese Art Stolz beinhaltet in meinen Augen eine
rassistische
Komponente. Was unterscheidet mich von Menschen anderer
Nationalität?
Die Hautfarbe, mein Blut, die DNS? Welcher Bestandteil meiner
"Hardware"
soll mich vor allen anderen auszeichnen, so daß ich mit recht
stolz
darauf sein könnte? Dergleichen vermag ich nicht zu erkennen.
Grundüberzeugungen, sozusagen
die
"Software", sind hingegen an keine bestimmte Nationalität
gebunden.
Überall gibt es gute und schlechte Menschen. Und mit jenen, die
ähnliche
Wertvorstellungen haben wie ich, etwa in bezug auf gelebte Toleranz,
fühle
ich mich verbunden. Unabhängig von ihrer jeweiligen
Staatsangehörigkeit.
Wenn wir überall die Menschenrechte achten, in Frieden miteinander
leben und die Umwelt nicht zerstören würden (eine Utopie),
könnte
ich vielleicht behaupten, ich bin stolz, ein Mensch zu sein. Aber
angesichts
der Realität hält sich das bei mir ebenfalls in engen
Grenzen.
Leider.
(Frankfurter Rundschau, 29.03.2001)
DAS AUTO IST IMMER NOCH SEHR
ATTRAKTIV
Zu Das Auto ist der Bahn haushoch
überlegen
(FR vom 19. Juni 2001): Das Auto ist der Bahn derzeit in der Tat
haushoch
überlegen, dieser beklagenswerte Umstand ist jedoch
hauptsächlich
auf die seit Jahrzehnten fehlgeleitete Verkehrsinfrastruktur
zurückzuführen.
Detlef Frank, Leiter des Bereichs "Wissenschafts- und Verkehrspolitik"
bei BMW, unterstützt diese Fehlplanung auch noch durch eine in
meinen
Augen geradezu absurde Argumentation.
So schreibt er beispielsweise: "Die
unvergleichlich
hohe Trennungswirkung durch Schienen in Städten ist ein
offenkundiges,
negatives Merkmal. Die Trennungswirkung von Straßen, die man
wenigstens
an gesicherten Übergängen queren kann, ist mit der
Trennungswirkung
einer mehrgleisigen Trasse in einer Stadt überhaupt nicht zu
vergleichen."
Wohl wahr, gleichwohl vergleicht er
hier
Äpfel mit Birnen. Zwar trennt eine mehrgleisige Bahntrasse
fürwahr
ungemein, eine mehrspurige Autobahn steht dieser Trennungswirkung
jedoch
keinesfalls nach. Straßen, die man "an gesicherten
Übergängen
queren kann", sind in der Regel keine Autobahnen, sondern
innerstädtische
Hauptverkehrsstraßen und somit nicht mit den "Autobahnen des
Schienenverkehrs"
vergleichbar. Innerstädtische Hauptverkehrsstraßen sind von
der Trennungswirkung her allenfalls mit separaten
Straßenbahntrassen
vergleichbar. Das Problem der Querung ist hier allerdings in
vergleichbarer
Weise lösbar.
Geradezu unverfroren wird Franks
Argumentation,
wenn er schreibt, dass eine Störung des Schienenverkehrs "relativ
kurzfristig" durch einen auf der Straße organisierten
"Schienenersatzverkehr"
übernommen wird, es für ein "Stauproblem auf der
Straße"
jedoch so gut wie nie einen schienengebundenen
"Straßenersatzverkehr"
gibt und diese Tatsache dann auch noch als einen "systembedingten
Nachteil
(...) des Schienenverkehrs" (!) bezeichnet.
Hier ist doch eher das Gegenteil
richtig.
Streikt die Straßenbahn, komme ich eben mit dem Bus zu meinem
Ziel.
Stecke ich mit dem Auto im Stau, muss ich wohl oder übel bis zu
dessen
Auflösung warten. Der Nachteil liegt in diesem Fall, wie man
leicht
erkennen kann (es sei denn, man ist Fachbereichsleiter eines
renommierten
Autoherstellers), ausschließlich beim motorisierten
Individualverkehr.
Unbestreitbar, das Auto ist
attraktiv.
Das hat nicht nur psychologische, sondern auch praktische Gründe.
Der Schienenverkehr wird m.E. erst dann richtig konkurrenzfähig,
wenn
er auf intelligente Weise mit dem Individualverkehr verknüpft ist.
Muss man etwa ein Auto wirklich besitzen? Wäre für mich als
Transportleistungskonsument
die Nutzung des Schienenverkehrs in Verbindung mit einem
großflächig
verbreiteten "Car-Sharing-Modell" nicht wesentlich besser und sogar
erheblich
preiswerter? Ich warte immer noch auf den Transportdienstleister, der
das
alles relativ unkompliziert "by call" aus einer Hand anbietet.
(Frankfurter Rundschau, 29.06.2001)
ÖFFENTLICHKEITSWIRKSAM
Zu "Wir müssen das Regieren
reformieren"
(FR vom 20. Juli 2001) von Romano Prodi: Fast routinemäßig
werden
bei internationalen Großveranstaltungen Forderungen nach
konsequenter
Bekämpfung der Armut laut. Alles Lippenbekenntnisse. "Die
Linderung
der Armut" stand nämlich schon bei der Jahrestagung des
Internationalen
Währungsfonds (IWF) und der Weltbank im September 1988 auf der
Tagesordnung,
geschehen ist hingegen nichts. Im Gegenteil, die Armut ist weltweit
enorm
gewachsen. Rund die Hälfte der Weltbevölkerung muss heute mit
weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen.
Die Schulden der
Entwicklungsländer
betrugen 1998 (brutto) 2238 Milliarden US-Dollar, fünfmal so viel
wie zu Beginn der achtziger Jahre. Vor diesem Hintergrund sind die 34
Milliarden
US-Dollar, die der Gruppe von hoch verschuldeten armen Ländern
(HIPC)
in den nächsten Jahren erlassen werden sollen, nichts anderes als
der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. In Deutschland
wird
der Entwicklungsetat im nächsten Jahr sogar um 5,3 Prozent
gekürzt.
Aber Hauptsache, man bekundet öffentlichkeitswirksam Mitleid mit
den
Armen. Menschen haben es satt, andauernd mit unverbindlichen und
letztlich
substanzlosen Absichtserklärungen abgespeist zu werden … So
verschärfen
die neoliberalen "Strukturanpassungsprogramme" des IWF die Situation,
anstatt
sie, wie allseits propagiert, zu lindern.
Der IWF kreierte zum Beispiel im
vergangenen
Jahr für Ecuador ein Sanierungsprogramm, das unter anderem eine
zweiprozentige
Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Streichung von Subventionen
für
Grundbedarfsgüter, Gas und Benzin vorsah. Resultat: Die Preise
fürs
Busfahren, Kochen und Heizen verdoppelten sich über Nacht.
Hauptbetroffene:
Natürlich die Armen. Und das alles für das zweifelhafte
Vergnügen,
mit Hilfe einer Umschuldung auch in Zukunft Schuldendienst an die
Gläubiger
in den Industriestaaten leisten zu dürfen. Weltbank und
Internationaler
Währungsfonds haben folglich vor allem die Stabilisierung der
internationalen
Finanzarchitektur, mithin die Interessen der Reichen im Auge …
Angesichts
dessen klingen die Worte von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi,
"ein Erlass der Schulden und eine Verbesserung der Infrastrukturen der
ärmsten Länder sind ohne Weltbank und Währungsfonds
unmöglich",
wie blanker Hohn.
Nur ein Bruchteil der
internationalen
Kapitalbewegungen beruht auf dem globalen Warenhandel, die
überwiegende
Mehrheit resultiert allein aus der Spekulation. Eine Steuer auf
grenzüberschreitende
Kapitalbewegungen, die Tobin-Tax, würde deshalb vor allem die
kurzfristige
Finanzspekulation behindern, nicht den Warenhandel oder langfristige
Kapitalanlagen,
die der Infrastruktur zugute kommen.
(Frankfurter Rundschau v. 28.07.2001)
JA ZUR TOBIN-STEUER
Zu dem Artikel Jospin hält
Tobin-Steuer
für eine gute Sache (FR vom 30. August 2001): Ich freue mich, dass
jetzt auch der französische Ministerpräsident Lionel Jospin
für
eine Steuer auf grenzüberschreitende Devisentransaktionen, die
Tobin-Tax,
eintritt. Daran könnte sich unsere Bundesregierung durchaus ein
Beispiel
nehmen und etwa auf der Ebene der EU in diesem Sinne tätig werden.
Denn nach wir vor bekämpft man dort die Tobin-Tax mit völlig
abwegigen Argumenten. Die EU-Kommission lehnt sie beispielsweise ab,
weil
in ihr angeblich ein "Verstoß gegen die Regeln des freien
Kapitalverkehrs
zwischen den 15 Mitgliedsstaaten" zu sehen sei. Nach Angaben der Bank
für
Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) werden gegenwärtig
weltweit
pro Handelstag rund 1,5 Mrd. Dollar bewegt. Die überwiegende
Mehrheit
dieser Devisentransaktionen, Schätzungen zufolge 80 Prozent,
basiert
jedoch nicht auf realen Handelsgeschäften.
Das heißt, die Spekulanten
nutzen
lediglich das Auf und Ab der einzelnen Währungen, um mit extrem
kurzfristigen
Umschichtungen aus minimalen Kursabweichungen hohe Gewinne zu erzielen.
Allzu oft helfen sie bei diesem Auf und Ab auch ein bisschen nach. Die
Vergangenheit hat gezeigt, dass die internationale Finanzarchitektur
hierdurch
erheblichen Belastungen ausgesetzt ist. Das kann ganze
Volkswirtschaften
ruinieren. Gerade hier greift die Tobin-Tax, sie soll
Spekulationsgewinne
abschöpfen und den Spekulanten somit ihre Motivation rauben.
In der EU-Kommission weiß man
sicherlich,
dass die Tobin-Tax nur beim Umtausch von Devisen greifen soll, denn nur
dann macht sie ja Sinn. Die Teilnehmer an der Europäischen
Währungsunion
sind davon also gar nicht betroffen, weil sie in Zukunft über eine
gemeinsame Währung verfügen werden.
Innerhalb der Währungsunion
gibt
es ja bereits heute durch die fixierten Wechselkurse keinerlei
Kursschwankungen
mehr. Erinnern wir uns noch, welchen Verwerfungen früher der
Wechselkursmechanismus
des Europäischen Währungssystems (EWS) ausgesetzt war? Alles
vorbei, denn ein Euro ist eben ein Euro.
Die Tobin-Tax ist ein praktikables
Element
zur Eindämmung von Währungsspekulationen. Und von der daraus
resultierenden Stabilisierung der internationalen Finanzarchitektur
werden
wir letztlich alle profitieren. Die Ablehnungsfront des politischen
Establishments
ist vor diesem Hintergrund schlechterdings nicht nachvollziehbar. Doch
nun gerät sie dank Lionel Jospin etwas ins Wanken. Hoffentlich mit
positivem Ausgang.
(Frankfurter Rundschau, 06.09.2001)
ZEUGENAUSSAGEN ZU "RACAK" DURCH
OBJEKTIVE
TATSACHEN UNTERMAUERN
Zudem Bericht Zeugen sahen in
Racak
Zeichen eines Massakers (FR vom 6. Juni 2002) von Klaus Bachmann:
Zeugenaussagen
sind in einem Prozess einerseits sicherlich nicht unwichtig,
andererseits
sind sie erfahrungsgemäß subjektiver Natur. Wenn also der
kanadische
General Michel Maisonneuve vor dem Tribunal in Den Haag aussagt, er
habe
in Racak "zahlreiche Tote gesehen, denen aus unmittelbarer Nähe in
den Kopf und in die Brust geschossen worden sei", ist das eine Aussage,
deren Wahrheitsgehalt natürlich eingehend überprüft
werden
sollte. Es ist äußerst vorteilhaft, wenn derartige
Äußerungen
durch objektive Tatsachen untermauert werden.
Nun lassen aber gerade objektiv
feststellbare
Tatsachen die Aussage Maisoneuves zweifelhaft erscheinen. "Für das
angebliche Massaker von Serben an örtlichen albanischen Zivilisten
im Kosovo-Dorf Racak vom 15. Januar 1999 finden sich (...) in einem
wissenschaftlichen
Abschlussbericht finnischer Gerichtsmediziner keine Beweise. (...) Die
Experten kämen nicht zu dem Ergebnis, in Racak sei eine Gruppe
friedlicher
albanischer Dorfbewohner von serbischen Sicherheitskräften
exekutiert
worden", las man in der FR diesbezüglich am 18. 1. 2001 (Wissenschaftler
bestätigen
"Racak-Massaker"
nicht).
Im Gegenteil: Die Autopsieprotokolle
sprechen
vielmehr anhand von Schusskanälen von "einer Vielzahl von Kugeln
(...)
aus völlig unterschiedlichen", überdies "zum Teil
entgegengesetzten"
Richtungen, wie sie für Gefechtssituationen typisch sind. Von
Genickschüssen,
ja sogar von einer hinrichtungsähnlichen Situation, könne
also
nicht mehr gesprochen werden, lautet die Schlussfolgerung des Autors
Jürgen
Elsässer (Kriegsverbrechen, Hamburg 2000, Seite 54). Dass
sich
Slobodan Milosevic in Den Haag für seine mutmaßlichen
Verbrechen
verantworten muss, ist zu begrüßen. Wenn das Gericht dabei
alle
rechtsstaatlichen Prinzipien beachtet, wird das Urteil gewiss auch
breite
Anerkennung finden. Nach dem 11. September ist es indes - vielfach zu
Recht
- bezweifelt worden, ob sich der Westen an seine selbst propagierten
Prinzipien
hält. Die Anti-Terror-Gesetze in den USA, die beispielsweise -
ohne
Anklage oder Verurteilung - die zeitlich unbegrenzte Inhaftierung von
Ausländern
ermöglichen, die jedem Rechtsstaatsgedanken Hohn sprechende
Behandlung
der Gefangenen in Guantánamo, denen bis auf den heutigen Tag der
Kontakt mit Anwälten verweigert wird, sind hierfür
unrühmliche
Beweise.
Es bleibt nur zu hoffen, dass das
Tribunal
in Den Haag hier deutlich andere Zeichen setzen wird.
(Frankfurter
Rundschau,
14.06.2002)
FRÜHER NANNTE MAN DAS
AKTIONISMUS
Zu "Da ziehe ich vor der
Regierung
den Hut" (FR vom 20. Juli 2002), ein Interview mit Ludwig Georg
Braun,
Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK): Es ist zum
Verzweifeln. Was uns vor der Wahl, wie schon seit Jahr und Tag, als in
sich schlüssige Wirtschaftspolitik verkauft werden soll, ist
nichts
anderes als bloßes Stückwerk. Zudem ein höchst
widersprüchliches.
Einige Beispiele: Einerseits fordert
die
Wirtschaft angesichts der finanziellen Engpässe der
Rentenversicherung
eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, andererseits lobt sie
wiederum
die Vorschläge der Hartz-Kommission, die unter anderem darauf
hinauslaufen,
Arbeitslose ab 55 in den Vorruhestand und mit 60 in Rente zu
schicken.
Wie passt das zusammen? Gar nicht.
Letztlich
geht es nur darum, rechtzeitig vor der Wahl arbeitsmarktpolitisches
Engagement
vorzutäuschen. Früher nannte man das Aktionismus. Oder ist es
gar Dilettantismus?
Die konsumnahen Bereiche klagen zwar
über
mangelnde Kaufkraft der Verbraucher, gleichzeitig propagiert man den
Ausbau
des Niedriglohnsektors, der die Kaufkraft der Konsumenten weiter
schmälern
wird.
Wenn Niedriglöhne
ökonomisch
wirklich sinnvoll wären, müsste es in der ehemaligen DDR
eigentlich
längst die einstmals versprochenen "blühenden Landschaften"
geben.
Ergebnis: Fehlanzeige.
Ludwig Georg Braun rühmt sich,
dass
in seinem eigenen Unternehmen "zweieinhalb Stunden unentgeltliche
Mehrarbeit"
5,5 Prozent mehr Beschäftigung erbracht habe. Was für ein
einzelnes
Unternehmen betriebswirtschaftlich durchaus sinnvoll sein kann, ist
volkswirtschaftlich
betrachtet, wenn es alle praktizieren, schlechterdings eine
Katastrophe.
Wo will er denn den so erzeugten Mehrausstoß an Produkten
absetzen?
Auf dem von Nachfrageschwäche geprägten Binnenmarkt? Seine
Mitarbeiter
erhalten ja für ihren Mehreinsatz keinen einzigen Euro mehr. Oder
auf den, wie sich gezeigt hat, in puncto Aufnahmebereitschaft
äußerst
launigen Exportmärkten?
Wenn alle unentgeltliche Mehrarbeit
leisten,
wird folglich auch der zusätzliche Arbeitsplatzeffekt ausbleiben.
Kann der Präsident der Industrie- und Handelskammer etwa nicht
zwischen
betriebs- und volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Strategie
unterscheiden?
Dieser Eindruck drängt sich angesichts seiner
Äußerungen
auf.
Mir fällt spontan ein
Fülle
weiterer Widersprüche ein, deren Erörterung allerdings den
Rahmen
eines Leserbriefs bei weitem sprengen würde. Gerne würde ich
beispielsweise näher auf den von Braun behaupteten
Fachkräftemangel
von einer Million eingehen. Wer hat denn da in der Vergangenheit falsch
ausgebildet? Warum hat etwa die IT-Branche selbst in Zeiten der
Hochkonjunktur
ältere arbeitslose Programmierer einfach links liegen gelassen und
statt dessen lieber auf die Green-Card gesetzt?
Und weshalb sind diese eine Million
angeblich
nicht zu besetzender Stellen bis heute nicht den Arbeitsämtern
gemeldet
worden (gemeldete offene Stellen derzeit lediglich 497 344)? Fragen
über
Fragen. Ich fürchte, wir werden, wenn der ökonomische
"Sachverstand"
weiterhin auf dem gezeigten Niveau verharrt, noch länger mit der
Wirtschaftskrise
zu leben haben.
(Frankfurter Rundschau, 24.07.2002)
AUSGERECHNET BEI DEN ARBEITSLOSEN
WIRD
GEKÜRZT
Zu Bildungskurse soll es auf
Gutschein
geben (FR vom 26. Oktober 2002) von Hilmar Höhn: Zumindest in
einem
zeigt die wiedergewählte Bundesregierung Kontinuität: In der
Bekämpfung der Arbeitslosen. Unsere Wirtschaft leidet, wie unter
anderem
die zurückgehenden Umsätze des Einzelhandels belegen, unter
einer
anhaltenden Nachfragekrise. Schuld daran ist nicht zuletzt die
rot-grüne
Steuerreform, die für höhere Einkommen eine
überproportionale
Entlastung zur Folge hatte. Von der für das Gemeinwohl
katastrophalen
Entwicklung der Körperschaftssteuer ganz zu schweigen. Aber
anstatt
die Nachfragekrise des Binnenmarkts durch konsequente Förderung
der
unteren und mittleren Einkommen zu beseitigen, wird, unter dem
Deckmantel
der Hartz-Kommission, ausgerechnet bei den Arbeitslosen gekürzt.
Mit
verheerenden Folgen. Ältere Erwerbslose (ab 55) sollen etwa bis
zum
Bezug der Rente ein "Brückengeld" beziehen, das der Hälfte
des
Arbeitslosengeldes entspricht, auf das sie sonst Anspruch hätten.
Im letzten Jahr musste ein
verheirateter
Arbeitslosengeld-Bezieher in Frankfurt mit 843 Euro auskommen, ein
Lediger
brachte es im Durchschnitt auf 760 Euro. Arbeitslosenhilfe-Bezieher
erhielten
erheblich weniger, nämlich ganze 537 Euro (FR vom 9. 5. 2001,
Seite
27). Faktisch bedeutet das um 50 Prozent reduzierte "Brückengeld"
für den betroffenen Personenkreis eine Verringerung auf
Sozialhilfeniveau.
Wer mehr als dreißig Jahre lang in die Arbeitslosenversicherung
eingezahlt
hat, dann aber zwecks Beschönigung der Arbeitslosenstatistik auf
Sozialhilfeniveau
landet, wird sich gewiss bedanken.
Die heutige Regierungskoalition
erhob
gegen Helmut Kohl während dessen Amtszeit den berechtigten
Vorwurf,
er bekämpfe weniger die Armut, als vielmehr die Armen. Hätte
sich die Regierung Kohl damals etwas Vergleichbares umzusetzen getraut,
wäre sie bestimmt auf den geballten Widerstand von Rot-Grün
beziehungsweise
der Gewerkschaften gestoßen. Wie drastisch sich mittlerweile
unser
politisches Koordinatensystem verschoben hat, zeigt das Ausbleiben von
Protesten gegen die Umsetzung der Hartz-Pläne. Dies wird sich
bitter
rächen, denn neoliberale Rotstiftpolitik kann letztlich nur zu den
gleichen Ergebnissen führen. Nicht ohne Grund ist ja die
Arbeitslosenzahl
heute so hoch wie am Ende der Amtszeit Helmut Kohls (rund vier
Millionen).
Dabei ist es völlig unerheblich, ob dies nun unter rot-grünem
oder unter schwarz-gelbem Etikett geschieht. Wähler lassen sich
vielleicht
erfolgreich hinters Licht führen, doch an ökonomischen Fakten
kommt auf Dauer niemand vorbei.
(Frankfurter Rundschau, 31.10.2002)
FEHLENDE ALTERNATIVE
Zum Artikel "Schwach-Performer
raussetzen"
(FR vom 28. November): Armes Deutschland. Wie lautet das genaue Datum
des
Untergangs? Ich muss es wohl unter all den Kassandrarufen
überlesen
haben. Nicht überlesen habe ich freilich die Äußerungen
des Infineon-Chefs Ulrich Schumacher. Arme Unternehmer, müssen sie
doch ständig den altbekannten neoliberalen Einheitsbrei
ausspucken.
Wird das mit der Zeit nicht furchtbar langweilig?
Obendrein sagen die Fakten etwas
anderes.
Schumacher beklagt, wie alle Unternehmer, die "zu hohen Steuern" und
das
angeblich "nicht mehr finanzierbare Sozialsystem". Wer zu hohe Steuern
zahlt, verschweigt er jedoch. 1980 hatten die Unternehmensteuern
(Veranlagte
Einkommensteuer, Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer) am
Steueraufkommen
noch einen Anteil von 23,3 Prozent, im Jahr 2001 ist dieser Anteil auf
bescheidene 7,4 Prozent gesunken. Die Lohnsteuer und die Umsatzsteuer
hingegen
sind im gleichen Zeitraum von 56,1 auf 60,8 Prozent gestiegen. Hohe
Steuern:
ja, aber nicht bei den Unternehmen, wie Schumacher suggeriert, sondern
bei den Arbeitnehmern und Konsumenten. Zum Dank für diese
Entlastung
wurde weniger investiert und zusätzlich wurden massenhaft so
genannte
Schwach-Performer freigesetzt. Und damit es sich die nicht zu gut gehen
lassen, fordert man noch den Umbau der Sozialsysteme.
Umbau heißt natürlich
Abbau.
Wie einfach. Ich fürchte, unsere eigentliche Krise ist, dass
dieser
intellektuelle Stumpfsinn über alle Parteigrenzen hinweg auch noch
Gehör gefunden hat. Rot-Grün handelt hier nicht anders als
Schwarz-Gelb.
Die eigentliche Krise ist die fehlende politische Alternative.
(Frankfurter Rundschau, 23.12.2002)
WENIGER POLIZEI AUF DER
STRAßE
Die Verwaltungsreform hat -
zumindest
für die Polizei - äußerst negative Konsequenzen, die
jedoch
für den Bürger nicht gleich auf den ersten Blick zu erkennen
sind. Da ist die durchaus verständliche Sorge um die
Schließung
von Polizeiposten ("Bringen Reformer Polizeiposten in Gefahr?", MM v.
17.04.2003)
noch die geringste. Zwar wird es im reinen Polizeivollzugsdienst keine
Stellenreduzierungen geben, der Tarifbereich (Arbeiter und Angestellte)
ist davon allerdings ausdrücklich ausgenommen.
Um die angestrebte Effizienzrendite
von
20 Prozent zu erwirtschaften, wird es künftig bei der Polizei also
deutlich weniger Arbeiter und Angestellte geben. Mit spürbaren
Folgen.
Polizeibeamte werden in Zukunft wieder vermehrt
Verwaltungstätigkeiten
übernehmen müssen. Etwas, wovon man sie eigentlich in der
Vergangenheit
immer entlasten wollte.
Auswirkungen: Weniger Präsenz
auf
der Straße, unter Umständen Schließung oder zumindest
starke Ausdünnung von Organisationseinheiten und vermutlich auch
eine
geringere Aufklärungsquote. Das kann ganz gewiss nicht im Sinne
des
Bürgers sein, der sich doch im Grunde mehr, und nicht weniger
Sicherheit
verspricht.
(Mannheimer Morgen, 29.04.2003)
KÜRZUNGEN SCHAFFEN WEDER
NACHFRAGE
NOCH JOBS
Zu Sanktionen gegen Arbeitslose
sollen
verschärft werden (FR S. 4 vom 3. Mai):
Es ist bedauerlich, dass weder die
Regierungskoalition
noch die Oppositionsparteien in der Lage sind, die ökonomische
Situation
korrekt zu analysieren und daraus die entsprechenden Schlüsse zu
ziehen.
Wir haben nämlich, wie die
Außenhandelsrekordüberschüsse
eindeutig belegen, keine Angebotskrise, sondern eine bedrohliche
Nachfrageschwäche.
Kürzungen bei den Arbeitslosen
sind
völlig nutzlos, wenn man hierdurch lediglich die Unternehmen
entlastet.
Deren Steueraufkommen ist ja bereits auf einem historischen Tiefstand
angekommen.
Stichwort: Körperschaftsteuer. Trotzdem werden nicht mehr
Arbeitsplätze
angeboten. Im Gegenteil. Ein Unternehmen wird aber nur dann investieren
und Arbeitnehmer einstellen, wenn es die damit hergestellten Produkte
auch
absetzen kann. Was fehlt, ist Nachfragepotenzial.
Die Agenda 2010 löst dieses
Problem
jedoch nicht, denn einer möglichen Reduzierung der Lohnnebenkosten
steht durch die partielle Aufgabe der paritätischen
Beitragsfinanzierung
eine weitere Mehrbelastung der Arbeitnehmer (Konsumenten)
gegenüber.
Außerdem sind die geplanten Regelungen in hohem Maße
ungerecht.
Die Lösung wäre zum
Beispiel
die Rente nach dem Schweizer Modell. Dort werden, grob gesagt,
vergleichbare
Leistungen zur Hälfte der Kosten angeboten. Grund: In unserem
Nachbarland
zahlen alle, selbst Hausfrauen. Die Beitragsbasis ist in der Schweiz
also
wesentlich breiter und zudem nicht nur vom Erwerbseinkommen der
Beschäftigten
abhängig.
Eine vergleichbare Reform ist nicht
nur
längst überfällig, sie würde diese Bezeichnung auch
zu Recht verdienen. Die Agenda 2010 ist hingegen keine Reform, sie ist
bloß die weitere Fortsetzung des üblich gewordenen
Sozialabbaus.
Und weil sich hierdurch nichts grundlegend ändert, sind weitere
Kürzungen
schon vorprogrammiert.
(Frankfurter Rundschau, 13.05.2003)
KONSUMSCHUB VON "KLEINEN" LEUTEN
IST NICHT
ZU ERWARTEN
Zu Handel erwartet Impuls für
Konsum
(FR-Wirtschaft vom 30. Juni):
"Zehn Prozent weniger
Einkommensteuer
für die Bürger bedeuten zehn Prozent mehr für den
Konsum",
behauptet Bundeskanzler Gerhard Schröder über das Vorziehen
der
dritten Steuerreform-Stufe. Und der Sprecher des Hauptverbandes des
Deutschen
Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr, pflichtet dem bei: "Wir
versprechen
uns davon einen kräftigen Impuls für den Konsum." Wenn sich
die
Herren da mal bloß nicht verrechnen. Zehn Prozent weniger
Einkommensteuer
werden zumindest bei mir nicht zu mehr Konsum führen. Im
Gegenteil,
ich hoffe, damit andere Mehrbelastungen wenigstens einigermaßen
ausgleichen
zu können.
Ich bin Angestellter im mittleren
Dienst
bei der Landespolizei in Baden-Württemberg, und die
Tarifgemeinschaft
deutscher Länder (TdL) hat gerade die Tarifverträge über
das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gekündigt. Wie bei den Beamten
bereits
beschlossen, soll im "Musterländle" ersteres ganz gestrichen und
letzteres
auf 64 Prozent gekürzt werden.
In meiner Einkommensklasse reicht
die
zweite und dritte Stufe der Steuerreform zur Kompensation dieses
Einkommensverlustes
nicht aus. Und durch die anstehende Gesundheitsreform wird man mich
künftig
auch in diesem Bereich stärker in Anspruch nehmen. Die vor zwei
Jahren
bei Einführung der Riester-Rente versprochene Stabilität der
Rentenbeiträge ist ja ebenfalls längst Makulatur. Ich werde
also
im nächsten Jahr deutlich weniger verdienen als jetzt. Zum
Glück
wohne ich in der Nähe meines Arbeitsplatzes und muss nicht, wie
viele
meiner Kolleginnen und Kollegen, nachts oder an Sonn- und Feiertagen
arbeiten,
denn dann bekäme ich durch die Streichung der Pendlerpauschale
und/oder
der Steuervergünstigung für Nachtarbeit noch wesentlich mehr
abgezogen.
Konsequenz: Gerade hat mein 13 Jahre
altes
Auto den Geist aufgegeben. Motorschaden, die Reparatur hätte sich
nicht mehr gelohnt. Die Anschaffung eines Ersatzwagens muss ich mir
jedoch
verkneifen, angesichts meiner ungewissen Einkommensituation ist mir das
Risiko einfach zu hoch. Die Politiker nennen das Angstsparen, ich nenne
es Angst vor Verschuldung. Schließlich möchte ich nicht da
landen,
wo Hans Eichel bereits ist: in der Schuldenfalle. Da viele Arbeitnehmer
in einer ähnlichen bzw. sogar noch schlechteren Lage sind als ich
(immerhin brauche ich nicht um meinen Arbeitsplatz zu fürchten),
wird
das Vorziehen der dritten Stufe der Steuerreform wohl kaum den
erhofften
Konsumschub bringen.
(Frankfurter Rundschau, 07.07.2003)
SEHNSUCHT NACH ALTERNATIVE
Zu Unions-Parteien einigen sich auf
Steuerkonzept
(FR Wirtschaft vom 6. März):
In unserem Land läuft wirklich
etwas
gründlich schief. Die Arbeitgeber sagen uns, dass wir zu viel
verdienen.
Der Einzelhandel sagt uns, dass wir zu wenig konsumieren. Die Regierung
ermahnt uns, privat fürs Alter vorzusorgen. Aber wenn man
Langzeitarbeitsloser
ist, muss man seine Lebensversicherung vorzeitig aufbrauchen. Sollten
die
Eltern pflegebedürftig werden, muss man diese auch noch
unterstützen.
Ja, wovon denn? Oder gibt es nur noch Besserverdienende? Klar, die
brauchen
nicht zu befürchten, später mit einer Rente knapp über
Sozialhilfeniveau
abgespeist zu werden. Aber alle anderen?
Das Bild einer Gesellschaft, in der
bloß
noch Dilettanten am Ruder sitzen (nicht nur bei der Bundesregierung,
der
Bundesagentur für Arbeit oder Toll Collect), wird durch die
Spitzenverbände
der deutschen Wirtschaft und die Opposition abgerundet. Die Unternehmen
wollen künftig natürlich noch weniger Steuern bezahlen,
gleichzeitig
soll der Staat kräftig in Bildung und Forschung investieren. Wovon
denn, wenn ich fragen darf? Das Steuerkonzept der Union sieht vor, den
Eingangssteuersatz um weitere drei Prozent zu senken, den
Spitzensteuersatz
hingegen um sechs Prozent. So als ob der Konsumflaute am oberen Ende
der
Einkommensskala beizukommen wäre. Und dann wundern sich die
Beteiligten,
wenn der Aufschwung ausbleibt. Ja, ja, ich weiß, der ohnehin
über
beide Ohren in den Miesen steckende amerikanische Verbraucher wird uns,
stets die deutschen Exportüberschüsse im Blick,
großherzig
den Gefallen tun, sich noch stärker als bisher zu verschulden
(Achtung:
Ironie).
Merkt denn keiner, welcher Unsinn
hier
verzapft wird und welche Widersprüchlichkeiten uns tagtäglich
serviert werden? Gut, man kann dem Volk, ebenso wie in der
Vergangenheit,
auch künftig Honig um den Bart schmieren (Steuerentlastungen in
historischem
Ausmaß versprechen), während man es in Wahrheit kräftig
übers Ohr haut. Die Arbeitslosigkeit wird anwachsen, die Impulse
auf
dem Binnenmarkt weiterhin ausbleiben. Ich sehne mich nach einer
wählbaren
politischen Alternative.
(Frankfurter Rundschau, 09.03.2004)
ZWECKPROPAGANDA
Zu Schily sieht "neue
Sicherheitslage"
(FR Nachrichten vom 15. März):
Der Terrorismus hat Europa erreicht,
die
Reaktionen der Sicherheitspolitiker sind jedoch reine Zweckpropaganda
zur
Beruhigung der Bevölkerung. Beispielsweise der Vorschlag,
Bundeswehrsoldaten
für eine Arbeit einzusetzen, für die sie gar nicht
ausgebildet
sind. Es kommt aber noch schlimmer, denn in Wahrheit verringert die
Politik
mit konkreten Maßnahmen die Sicherheit der Bürger. Beispiel
Baden-Württemberg: Dort sollen in den nächsten fünf
Jahren
20 Prozent der Stellen für Arbeiter und Angestellte eingespart
werden,
das sind 780 Arbeitsplätze. Deren Tätigkeit müssen
zwangsläufig
Polizeibeamte übernehmen, die dann für die eigentliche
Polizeiarbeit
fehlen. Damit aber noch nicht genug. Auch bei den Polizeibeamten will
man
bis 2008 613 Stellen abbauen, weitere 232 Stellen werden im Zuge der
Verwaltungsreform
vorübergehend zu den Land- und Stadtkreisen verlagert.
Zwangsläufige
Folge: weniger Präsenz, weniger Prävention, weniger
Aufklärung.
Wie man vor diesem Hintergrund den wachsenden Terrorismus
bekämpfen
will, ist mir ehrlich gesagt völlig schleierhaft. Sicherheit gibt
es eben nicht zum Nulltarif. Mit anderen Worten: Wir brauchen mehr
Polizei,
nicht weniger.
(Frankfurter Rundschau, 17.03.2004)
EINE ALTERNATIVE FEHLT
Zu: Kanzler "kann und will nur diese
Politik"
(FR Nachrichten vom 15. Juni)
Das Debakel der SPD bei der
Europawahl
war absehbar. Der Durchschnittsbürger hat einfach die Nase voll
von
einer Politik, bei der er überproportional belastet wird. Beispiel
Gesundheitspolitik: Vom Gesamteinsparvolumen in Höhe von 23,1
Milliarden
Euro müssen die Versicherten 15,9 Mrd. aus der eigenen Tasche
bezahlen.
Das sind mehr als zwei Drittel. Die Unternehmen hingegen werden
auffallend
geschont. Beispiel Körperschaftsteuer: Zahlten sie im Jahr 2000
noch
23,6 Mrd. Euro ans Finanzamt, bekamen sie ein Jahr später sogar
400
Millionen erstattet. Im vorigen Jahr stieg das
Körperschaftsteueraufkommen
dann wieder auf magere 8,2 Mrd.
Die Aufregung über die geplante
steuermindernde
Verlustzuweisung von Vodafone ist eine zum Himmel schreiende Heuchelei.
Wer hat denn solche Gesetze gemacht? Die Einführung des
Arbeitslosengelds
II, das im nächsten Jahr viele in die Armut treiben wird,
wäre
bei normalem Körperschaftsteueraufkommen vollkommen
überflüssig
gewesen. Erst saudumme Gesetze beschließen und dann dem
Bürger
einreden wollen, es müsse ausgerechnet bei den Schwächsten
gespart
werden (denn die Staatskasse ist ja leer) - das haben die
WählerInnen
offenbar bis obenhin satt. Und es ist, wie man vielfach hört, kein
Vermittlungsproblem.
Nein, die Bürger haben sehr
wohl
kapiert, was da läuft. Doch sie lehnen diese Politik mehrheitlich
ab. Die SPD ist 1998 nicht gewählt worden, um die unsoziale
Politik
Helmut Kohls fortzusetzen oder gar noch zu verschlimmern. Dass sie das
vergessen hat, dafür bekommt sie jetzt die Quittung. Aber die
heutigen
Oppositionsparteien sollten sich nicht zu früh freuen. Wenn sie
ihre
gegenwärtigen Konzepte nach einer Regierungsübernahme
umsetzen,
sind sie spätestens nach zwei Jahren da angelangt, wo die SPD
heute
steht. Mit anderen Worten: Was fehlt, ist eine grundsätzliche
Alternative.
(Frankfurter Rundschau, 17.06.2004)
DIE SPD WILL NICHTS ANDERES
Zu: Als Protest zu viel, als Politik
zu
wenig (FR Thema des Tages vom 10. Juli)
Wäre man Ende der siebziger
Jahre
der Argumentation Joachim Raschkes gefolgt, gäbe es heute keine
Grünen.
Natürlich ist die neue Linkspartei Fleisch vom Fleische der SPD,
mithin
eine Schwächung von Gerhard Schröders Kanzlerwahlverein.
Natürlich
würde sich diese Partei am Anfang hauptsächlich um einen
einzigen
Punkt kümmern: um die eklatante Gerechtigkeitslücke in der
verfehlten
Wirtschaftspolitik von Rot-Grün. Die SPD durch Wahlenthaltung und
gestärkter innerparteilicher Opposition zu verändern, wie
Raschke
empfiehlt, ist doch - mit Verlaub gesagt - ein bisschen naiv. Ginge
das,
wäre seinerzeit auch die Abspaltung der Grünen
überflüssig
gewesen. One-Issue-Partei waren sie damals übrigens genauso, das
sind
neue Bewegungen zu Beginn immer. Insofern ist das kein stichhaltiges
Gegenargument.
Leider kann man sich bei der SPD auf nichts mehr verlassen, nicht
einmal
auf Wahlprogramme. Ein Beispiel: "Wir bekennen uns zur besonderen
Verantwortung
gegenüber den Schwächeren in unserer Gesellschaft. Deswegen
wollen
wir im Rahmen der Reform der Arbeitslosen- und Sozialhilfe keine
Absenkung
der zukünftigen Leistungen auf Sozialhilfeniveau." Dieses Zitat
stammt
aus dem SPD-Wahlprogramm zur Bundestagswahl vom 22. September 2002.
Dessen
ungeachtet erläuterte der Bundeskanzler dem verblüfften
Publikum
sechs Monate (!) später, in seiner berühmt-berüchtigten
Agenda-2010-Rede vom 14. März 2003, "warum wir die Arbeitslosen-
und
Sozialhilfe zusammenlegen werden, und zwar einheitlich auf einer
Höhe
(...), die in der Regel dem Niveau der Sozialhilfe entsprechen wird."
Ein
bemerkenswerter Wandel. Ständig belogen zu werden, das haben die
Menschen
einfach satt. Die Crux des Ganzen ist doch, dass die SPD keine andere
Politik
will. Hätte sie im Bundesrat die Mehrheit, gäbe es dann etwa
die Agenda 2010 nicht? Einen Teil der vielen Unzufriedenen und
Nichtwähler
einzusammeln, das könnte der neuen Linkspartei durchaus gelingen.
(Frankfurter Rundschau, 23.07.2004)
ES FEHLT AN KAUFKRAFT
Zu: Die besseren Manager (FR Nachrichten vom 20. Oktober)
Es mag richtig sein, der Führung von Opel und Karstadt-Quelle
Missmanagement vorzuwerfen, doch ist das nur die halbe Wahrheit. Die
Klagen über Managementfehler verdecken nämlich den Blick auf
die eigentliche Ursache der Krise. Diese ist weniger auf der
einzelbetrieblichen Ebene zu suchen, sondern hauptsächlich auf der
gesamtwirtschaftlichen. Die Neuzulassungen von Personenkraftwagen gehen
hierzulande nun schon vier Jahre hintereinander zurück. Das ist
auf die tief greifende Konsumkrise des Binnenmarkts
zurückzuführen, die aus dem drastischen Rückgang der
Nettoeinkommen der abhängig Beschäftigten resultiert. So
waren in Deutschland im vergangenen Jahr die um die Inflationsrate
bereinigten Nettoeinkommen 5,2 Prozent niedriger als eine Dekade zuvor.
Es ist evident, dass in schrumpfenden Märkten, also bei
kaufkraftbedingten Umsatzeinbußen, unter den Betrieben
unausweichlich ein Ausleseprozess einsetzt. Irgendein Unternehmen
trifft es immer, es fragt sich bloß welches. Natürlich sind
die am schlechtesten aufgestellten Betriebe als erste an der Reihe,
wenn derartige Marktbereinigungen stattfinden. Insofern ist die Krise
von Opel und Karstadt-Quelle nachvollziehbar. Wer derartige
Marktbereinigungen verhindern will, muss die Märkte zum Wachsen
bringen.
Und wie bringt man Märkte zum Wachsen? Nun, indem man die zur
Verfügung stehende Kaufkraft stärkt. Zwar redet die Politik
andauernd von einer Stärkung der Kaufkraft, doch betreibt sie in
der Praxis fortwährend das genaue Gegenteil. Rot-Grün
entlastet durch die partielle Aufgabe der paritätischen
Beitragsfinanzierung in der Renten- und Krankenversicherung
ausschließlich die Unternehmen, bislang freilich ohne positive
Auswirkung auf die Zahl der Arbeitsplätze. Die Arbeitnehmer jedoch
haben dadurch von Mal zu Mal weniger Geld zum Konsumieren übrig.
Wie man vor diesem Hintergrund die Wirtschaft ankurbeln und die
Konsumausgaben anregen will, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Die
Menschen können schließlich nur das ausgeben, was man ihnen
in der Tasche lässt. Wir brauchen wieder eine Politik, die die
Massenkaufkraft stärkt. Nicht mit Worten, sondern mit Taten.
(Frankfurter Rundschau, 22.10.2004)
TEUFELS IMAGEPOLITUR
Zu: Rückzug mit Ankündigung (FR Die Seite Drei vom 26.
Oktober)
Es wundert mich immer wieder, wie
erfolgreich Politiker an
ihrem Image stricken. Leider wird dann diese
Selbstbeweihräucherung von den Medien
oft unkritisch übernommen. Auch von der FR, beispielsweise im
Artikel über den
angekündigten Rücktritt von Erwin Teufel. "Er ist, wie er
betont, dem
,kleinen Mann' verbunden geblieben auf dem Weg zur Spitze", heißt
es dort.
Darüber kann ich, milde ausgedrückt, nur lachen. Ich bin
Verwaltungsangestellter des Landes Baden-Württemberg und kann aus
eigener Erfahrung
etwas anderes berichten.
So bekommen im Zuge der von Erwin Teufel aus dem Hut
gezauberten Verwaltungsreform die oberen Chargen der Beamtenhierarchie
nicht
unbeträchtliche Gehaltszuwächse zugeschustert, bei den
unteren wird hingegen
kräftig gekürzt. Überdies müssen im
Angestelltenbereich wegen des mit der
Verwaltungsreform verbundenen 20-prozentigen Personalabbaus viele
befristet
Beschäftigte um ihre Weiterbeschäftigung bangen. Für die
Verbundenheit mit dem
"kleinen Mann" danke ich Erwin Teufel aus vollem Herzen. Es wäre
nett
gewesen, man hätte es auch einmal gemerkt.
(Frankfurter Rundschau,
28.10.2004)
HEUCHELEI UND SELBSTBEDIENUNG
Der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels, Hermann-Josef
Arentz,
rügte damals unter Bezugnahme auf den so genannten
Mannesmann-Prozess:
"Die selben Leute, die den Arbeitnehmern Bescheidenheit predigen,
schieben
Vorständen 111 Millionen Mark Prämien zu." Jetzt wurde er
selbst dabei
ertappt. Er soll über längere Zeit hinweg von RWE
jährlich 60.000 Euro erhalten
und kostenlos Strom bezogen haben, ohne eine entsprechende
Gegenleistung zu
erbringen. Nicht schlecht, viele Arbeitnehmer müssen für ein
wesentlich geringeres
Einkommen jeden Morgen zur Arbeit gehen.
Leider ist Arentz kein Einzelfall. Die Politiker belehren
das gemeine Volk ständig darüber, dass es kein Recht auf
Faulheit gebe, sich
Leistung (und keinesfalls die Nichtleistung) wieder lohnen solle, wir
angeblich
über unsere Verhältnisse leben und die Lohnkosten
natürlich viel zu hoch seien.
Als Rezepte gegen den vermeintlichen Niedergang Deutschlands empfehlen
sie uns
Arbeitszeitverlängerung, Lohnzurückhaltung und die
Kürzung staatlicher
Leistungen. Sie beklagen das Anspruchs- und Besitzstandsdenken sowie
die weit
verbreitete Abzockermentalität - freilich nie bei sich selbst,
sondern stets
bei anderen.
Fälle wie den von Arentz erleben wir
bedauerlicherweise
allzu oft. Angesichts dessen wundert es mich nicht, dass es Deutschland
so
schlecht geht. Denn mit Heuchelei und Selbstbedienungsmentalität
saniert man
keine Volkswirtschaft. Im Gegenteil, man zerstört sie.
(Mannheimer Morgen, 21.12.2004)
NACH RECHTS GETRIEBEN
Zu: Die Barbarei nicht relativieren (FR Thema des Tages vom
24. Januar)
"Wir müssen ran an die Wähler, an die Jugend, in die
Schulen", bekunden Politiker jetzt angesichts des Erstarkens der
braunen
Pest (NPD). Wohl wahr. Das ist jedoch keine leichte Aufgabe, wenn es
gleichzeitig immer mehr Arbeitslose gibt und die ersten Hartz IV-Opfer
aufgefordert werden, aus ihren angeblich unangemessen großen oder
zu teuren
Wohnungen auszuziehen. Vor allem wenn man zugleich liest, dass sich
manche
Politiker (z.B. Hermann-Josef Arentz, Laurenz Meyer) hemmungslos
bereichern.
Die Empörung bei Gert Weisskirchen (SPD) über die braunen
Umtriebe im
sächsischen Landtag ist groß. Zu Recht, wie ich meine. Doch
mir ist nicht
bekannt, dass er etwa gegen die Hartz-Gesetze gestimmt hat. Das eine
hat durchaus
etwas mit dem anderen zu tun. Sich bloß echauffieren genügt
nicht. Man sollte
vielmehr endlich damit aufhören, das Volk in die Arme solcher
Rattenfänger zu
treiben. Die "Reformpolitik" von Rot-Grün ist hierbei wenig
hilfreich.
(Frankfurter Rundschau, 03.02.2005)
ISRAELS PROBLEME
Außenminister Joschka Fischer hat den Eindruck, dass viele Menschen in
Europa nicht mehr begreifen, warum Israel eine Position der
militärischen Überlegenheit gegenüber seinen Nachbarn braucht. Das
trifft nicht den Kern der Sache. Natürlich braucht Israel gegenüber
seinen Nachbarstaaten eine militärische Überlegenheit. Wäre Israel
unterlegen, gäbe es diesen Staat nicht mehr. Wir Europäer verstehen das
sehr gut. Doch wir verstehen nicht mehr, wie diese militärische
Überlegenheit eingesetzt wird. Auch Palästinenser besitzen
Menschenrechte. Dass man Israel heute auf diese im Grunde banale
Feststellung hinweisen muss, zeigt die ganze Tragik der Situation in
Nahost.
(Frankfurter Rundschau, 14.05.2005)
WAHLMANIPULATION
Die von Bundeskanzler Gerhard Schröder inszenierte so genannte unechte
Vertrauensfrage widerspricht ohne Zweifel dem Wortlaut und dem Geist
der Verfassung. Wenn sich allerdings die ungeliebte Linkspartei in
Umfragen als drittstärkste politische Kraft entpuppt, achtet man
plötzlich mit Argusaugen auf die Einhaltung. Laut Franz Müntefering
gibt es "juristische Bedenken" gegen die "gemischte Listenaufstellung"
der Linkspartei. Hier wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen.
Soll so der Ausschuss der Linkspartei von den Bundestagswahlen
vorbereitet werden? Will man sich die lästige Konkurrenz mit formalen
Einwänden vom Hals schaffen, weil man ihr politisch nichts entgegen zu
setzen hat? Ich sage: Wer die Linkspartei ausschließt, manipuliert die
Wahl.
(Frankfurter Rundschau, 09.08.2005)
KLIMASCHÄDLICH
Umweltminister Sigmar Gabriel will mehr Tempo beim Klimaschutz. Die
Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Es genügt nämlich
nicht, auf Weltklimakonferenzen mehr Klimaschutz zu fordern, man muss
ihn zu Hause auch praktizieren. Wie die Frankfurter Rundschau vor ein
paar Tagen meldete, will die Bundesregierung ältere und weniger
effiziente Gaskraftwerke von der Energiesteuer befreien. (Frankfurter
Rundschau vom 10.12.2005) Bislang gilt die Befreiung nur für Anlagen,
die mindestens einen Wirkungsgrad von 58 Prozent erreichen. Das soll
nun anders werden. Doch dann ließe zweifellos der Innovationsdruck in
Richtung effizienterer Nutzung von Primärenergie nach. Wenn ältere
Gaskraftwerke ebenfalls steuerlich gefördert werden, haben die
Stromversorger keinen Anreiz, neue Kraftwerke mit hohem Wirkungsgrad zu
bauen. Insofern vertritt die Bundesregierung, der Gabriel angehört,
einen klimaschädlichen Politikansatz. Wenn Reden und Handeln weiterhin
so stark auseinander klaffen, werden wir hinsichtlich des
Treibhauseffekts keine nachhaltige Besserung erfahren.
(Frankfurter Rundschau, 15.12.2005) |