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16. September 2008, von Michael Schöfer
Seriöser Umgang - das war einmal


Die Qualität unserer Medien nimmt leider immer mehr ab, mittlerweile sind sogar frühere Bastionen des Qualitätsjournalismus betroffen, insbesondere wenn sie über Protagonisten der politischen Linken berichten schütten sie ganze Kübel voller Häme aus. Nehmen wir beispielsweise den Spiegel und Andrea Ypsilanti. Die gute Andrea ist gerade auf einen Stimmenimitator des Radiosenders ffn hereingefallen, der sich am Telefon als Franz Müntefering ausgegeben hat. "Deutlich ist zu hören, wie eine Ministerpräsidentin in spe erstarrt, wenn der künftige Parteichef anruft", schreibt das Nachrichtenmagazin. "Statt aufzulegen, telefoniert die Hessin nach Angaben des Radiosenders ffn sieben Minuten mit dem falschen Münte. Das zeigt, welche Ehrfurcht bei manchem Genossen allein der Name des Allmächtigen auslöst. Der Adrenalinausstoß steigt schlagartig, für Zweifel ist im Denken kein Platz. Dem auf YouTube veröffentlichten Ausschnitt ist zu entnehmen, dass Ypsilanti alles stehen und liegen lässt, um das Telefonat anzunehmen. (...) Für eine angehende Ministerpräsidentin ist ihr Tonfall zu demütig, zu defensiv. Viel Nervosität schwingt mit", lästert Carsten Volkery (cvo) über Ypsilanti.

Wer allerdings den auf YouTube veröffentlichten Mitschnitt gehört hat, kann das kaum nachvollziehen. Ich würde Ypsilantis Tonfall nicht als "demütig", sondern als freundlich bezeichnen, wie es sich unter anständigen Menschen geziemt. Außerdem, was hätte sie denn tun sollen, den vermeintlichen Müntefering ohne jeden Grund aggressiv anschnauzen? So mag vielleicht das Miteinander in den Redaktionsstuben des Spiegel aussehen, offenkundig ist es - trotz der politischen Differenzen - zumindest bei der hessischen SPD anders. Das ehrt die Sozialdemokraten. Im Übrigen möchte ich mal den Tonfall von Volkery hören, wenn er einen seiner Chefredakteure an der Strippe hat. Demütig? Defensiv? Nervös? Hoher Adrenalinausstoß? Oder ruft er gereizt "Ich hab' jetzt Mittagspause" ins Telefon? Das möchte ich erleben. Darüber hinaus hat Andrea Ypsilanti keineswegs aufs Denken verzichtet, vielmehr hat sie Rückgrat bewiesen. Als ihr nämlich der angebliche designierte Parteichef einen lukrativen Job auf der Führungsebene der Partei anbot (Generalsekretärin der Bundes-SPD) und vorschlug, dafür Hessen dem Roland Koch zu überlassen, hat sie keine Sekunde gezögert und abgelehnt. "Franz, das geht nicht", erwidert die linke Andrea dem falschen Münte.

Bei aller Kritik, das ist doch eigentlich genau das, was wir wollen: Politiker, die ihre politischen Ziele an die erste Stelle setzen und nicht hauptsächlich um ihr persönliches Wohl besorgt sind. Insofern verdient Andrea Ypsilanti in Wahrheit unseren Respekt. Was hätte Carsten Volkery erst geschrieben, wenn Ypsilanti dem Bestechungsversuch erlegen wäre? Wahrscheinlich hätte er sie in Grund und Boden gestampft (publizistisch, versteht sich). Aber offenbar kann sie es ihm gar nicht recht machen, die hessische Landeschefin der SPD muss verleumdet werden, egal was sie tut, das ist anscheinend beim Hamburger Wochenmagazin die Richtlinie. Seriöser Umgang - das war einmal. Fehlende Argumente werden durch Häme ersetzt. Freilich fällt der Kampagnenjournalismus negativ auf den Spiegel zurück, er sei die Bild-Zeitung der Intellektuellen, behaupten manche. Wie man sieht, nicht zu Unrecht. Ein Leitmedium mit Vorbildcharakter ist er jedenfalls nicht, da sind mir manche Beta-Blogger wesentlich lieber.






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