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03. April 2020, von Michael Schöfer
Trotz Übung schlecht vorbereitet


Die Pandemie, das unbekannte Wesen? Stimmt nicht, denn die Behörden wussten ziemlich genau, was auf uns zukommen könnte. Bei der Stabsrahmenübung Lükex 2007 (Länder- und Ressortübergreifenden Krisenmanagementübung) wurde am 7. und 8. November 2007 eine weltweite Influenza-Pandemie durchgespielt. Daran waren sieben Bundesländer, elf Bundesressorts und ca. 50 Unternehmen, Hilfsorganisationen und Verbände beteiligt. [1] Und was waren die Ergebnisse? Soweit bekannt, wurde kein Abschlussbericht der Übung veröffentlicht. Bei "FragDenStaat" gibt es neuerdings eine Anfrage, die sich u.a. auf das Informationsfreiheitsgesetz stützt.

Doch schon im Vorfeld der Übung wurden die Probleme korrekt benannt:
"Ursachen für eine Mangelversorgung im Pandemiefall werden sein
● große Personalausfälle aufgrund von Erkrankungen, von Verpflichtungen zur Pflege von erkrankten Familienangehörigen und aus Furcht vor Ansteckung,
● zu geringe Lagerbestände bei den Herstellern ('just in time'- Produktion) und Händlern,
● nicht ausreichende Vorbereitungen auf eine Influenza-Pandemie,
● das Fehlen von Notfallvorräten." [2]

"Aufgrund der Erfahrungen bei den drei vergangenen Grippepandemien können die Behörden erahnen, was das nächste Mal auf sie zukommt. Die dramatischen Folgen reichen über die bloße Zahl der Toten und Erkrankten weit hinaus. Die Krankenhäuser selbst würden zu Ansteckungszentren. Da die Ausstattung der Krankenhäuser mit ABC-Schutzanzügen völlig unzureichend ist und ein effektiver Impfstoff erst Wochen nach Beginn der Pandemie zur Verfügung stehen würde, können die Ärzte und Krankenschwestern einen Teil ihrer Krankenhausbetten gleich für sich selbst reservieren." [3]

Im "Influenzapandemieplan Baden-Württemberg" steht folgerichtig die Warnung: "Es ist davon auszugehen, dass die steigende Nachfrage nach persönlicher Schutzausrüstung zu Beginn einer Pandemie zu Versorgungsengpässen führt. Es ist die Aufgabe der Krankenhausträger, entsprechende Vorsorge zu tragen." [4]

Die eigentliche Frage ist, ob man daraus auch die richtigen Konsequenzen gezogen hat. Welchen Bedarf an Schutzausrüstung hielt man bei einer Pandemie für notwendig? Wurde die für notwendig erachtete Schutzausrüstung auch tatsächlich eingelagert? Und wer hat das kontrolliert? Momentan stellen wir ja fest, dass es offenkundig vorne und hinten an Schutzausrüstung (Schutzkleidung, Atemschutzmasken, Schutzbrillen etc.) fehlt. Nicht bloß in den Krankenhäusern, sondern genauso bei den niedergelassenen Ärzten, den ambulanten Pflegediensten und in den Alten- und Pflegeeinrichtungen. Insofern sind wir - trotz Lükex 2007 - erstaunlich schlecht vorbereitet gewesen. Es ist doch ein Armutszeugnis, dass die Bürger nun aufgefordert werden, Stoffmasken selbst zu nähen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts haben sich inzwischen bundesweit "2300 Personen des medizinischen Personals in Krankenhäusern mit Sars-CoV-2 infiziert". [5] Wahrscheinlich sind es sogar mehr, da das RKI von einer hohen Dunkelziffer ausgeht. Grund ist der eklatante Mangel an Schutzkleidung. "Wir sind gut vorbereitet", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Ende Januar. Davon kann allerdings bei näherem Hinsehen keine Rede sein.

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[1] Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, LÜKEX-Historie – von Terror bis Stromausfall
[2] Deutsche Gesellschaft für KatastrophenMedizin (DGKM) vom 19.11.2007, PDF-Datei mit 261 KB
[3] Telepolis vom 06.11.2007
[4] Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg, Influenzapandemieplan Baden-Württemberg, PDF-Datei mit 1,9 MB
[5] Süddeutsche vom 02.04.2020

Nachtrag (15.04.2020):
Bei "FragDenStaat" kann man jetzt den Auswertungsbericht der dritten länderübergreifenden Krisenmanagementübung "LÜKEX 2007" vom 15.04.2008 herunterladen, dort steht auf den Seiten 45 und 46: "Auch in Bezug auf Bereitstellung von Schutzausrüstung für die Bevölkerung und zum Arbeitsschutz zeigte sich Handlungsbedarf bei der Bedarfs- und der Ressourcenermittlung. (…) Für die Bundesbehörden wurden ein Arbeitsschutzkonzept zur Ausstattung mit Schutzmasken und ein einheitlicher Bevorratungsstandard angeregt. Eine gemeinsame PSA-Beschaffung der Behörden wurde als sinnvoll erachtet." (PSA = Persönliche Schutzausrüstung) Offenbar wurden die Empfehlungen nicht oder nur unzureichend umgesetzt.