Home | Archiv | Impressum



03. Januar 2026, von Michael Schöfer
Wann und wo wird Trump aufhören?


Ist es Faschismus, Kolonialismus, Kleptomanie oder Cäsarenwahn? Oder alles in einem zugleich? Ein Blick in die Geschichtsbücher belegt: Unbegrenzte und extensiv genutzte Macht hat der Welt bislang vor allem das gebracht: Heilloses Chaos, extreme Brutalität, endlose Kriege und langfristig auch den Zerfall durch innere und/oder äußere Ursachen. Autokraten reißen meist sich und gleichzeitig mit ihnen auch ihr Land in den Abgrund, dafür sind Roms Kaiser das beste Beispiel. Man kann die Geschichte des Römischen Reiches als fast ununterbrochene Abfolge von Kriegen und Bürgerkriegen beschreiben. Schier grenzenloser Machtmissbrauch durch die Herrscher inklusive. Damals war das normal, inzwischen sollte die Menschheit klüger geworden sein. Doch das fällt dem aggressivsten Zweig der Hominiden schwer, es gibt immer wieder erstaunliche Rückfälle in längst überwunden geglaubte Verhaltensweisen. Die Opfer derselben gehen in die Millionen.

"Ich könnte mich auf die Fifth Avenue stellen und jemanden erschießen und würde keinen Wähler verlieren, das ist unglaublich", bekannte Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2016. Und es steht leider zu befürchten, dass er es inzwischen tatsächlich für wahr hält. Das nationale Recht der USA versucht er zu umgehen, wie und wo er nur kann. Das Völkerrecht ist ihm völlig gleichgültig, er handelt so, wie er es für richtig hält. Die Loyalität seiner Mitarbeiter ist ihm am wichtigsten, deshalb steht er zu ihnen, selbst wenn sie im Job Dilettanten sind. Früher nannte sich die Jobbeschreibung eines US-Präsidenten "Führer der freien Welt", heute ist davon bloß noch "Führer" übriggeblieben. Doch Führer wohin? Er bombardiert Boote in der Karibik, Terroristen in Nigeria und Atomanlagen im Iran, will Kanada sowie Grönland als Teil der USA vereinnahmen und lässt neuerdings Autokraten aus lateinamerikanischen Ländern entführen, während er für einen vom Internationalen Strafgerichtshof per Haftbefehl gesuchten Kriegsverbrecher in Alaska den roten Teppich ausrollt. Noch nie sah die Welt so viel militärische Macht in den Händen eines Einzelnen, der sich um die Rechtmäßigkeit seines Handelns so wenig schert. Und der nicht den Eindruck macht, als stecke hinter seinem Handeln eine kluge und durchdachte Strategie. Abgesehen vielleicht von der alles durchdringenden Bereicherungsabsicht.

Zu was wird er noch imstande sein? Er ist erst gut elf Monate im Amt, weitere 37 stehen uns noch bevor. Nero soll Rom in Brand gesetzt haben, Trump zündet gerade die ganze Welt an. Nun will er nach der Entführung des venezolanischen Präsidenten Venezuela regieren. Wie stellt er sich das vor? Von außen? Es ist ja noch nicht einmal sicher, ob jetzt das Regime der Chavisten kollabiert oder nicht. Und wenn die Menschen vor Ort den Befehlen aus Washington nicht gehorchen, was dann? Lässt er sie etwa ebenfalls bombardieren? Die für den Cäsarenwahn charakteristische Hybris steigert sich zusehends, während die übrige Welt wie die sprichwörtliche Maus vor der Schlange erstarrt. Keiner will sich Trumps Rachegelüsten aussetzen. Nicht einmal im faktisch kollabierten Westen, dessen kläglicher Rest zumindest verbal noch immer zur "regelbasierten internationalen Ordnung" steht. Xi und Putin lachen sich ins Fäustchen. Der Willkür ist nun sperrangelweit Tür und Tor geöffnet. Wird er im Fall einer gewaltsamen Annexion Grönlands Kopenhagen bombardieren lassen, die Hauptstadt des NATO-Gründungsmitglieds Dänemark? Allein dass man einen solchen Gedanken überhaupt erwägt, ist symptomatisch für den Irrsinn, der uns momentan umgibt. Doch wo ist dabei die Grenze, wann und wo wird Trump aufhören? Und wer kann ihn dazu zwingen? Es gibt viele Fragen, aber keine befriedigenden Antworten.