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05. Januar 2026, von Michael Schöfer
Leisetreter und Angsthasen


Hunde riechen, wenn ein Mensch Angst vor ihnen hat. Und US-Präsident Donald Trump kann die Angst der Politiker in der EU vor seiner brachialen Willkür ebenfalls förmlich riechen. Insbesondere in Deutschland sind die Reaktionen auf den klaren Völkerrechtsverstoß erbärmlich. Für Bundeskanzler Friedrich Merz ist die rechtliche Einordnung des Militäreinsatzes in Venezuela "komplex" [1], Außenminister Johann Wadephul bezeichnet die Gesamtlage sogar als "außerordentlich komplex" [2]. Wow! Jetzt zittern dem blonden Schulhof-Bully im Oval Office bestimmt die Knie.

Ständig wird unsererseits darauf hingewiesen, dass Maduro ein Unrechtsregime angeführt und Wahlen gefälscht habe, er besitze deshalb nicht die Legitimität eines demokratisch gewählten Präsidenten. Das ist zwar korrekt, trifft aber weltweit auf ungefähr zwei Drittel der Staats- bzw. Regierungschefs zu, mit vielen davon machen wir dennoch gerne Geschäfte. Aserbaidschan beispielsweise. Und völkerrechtlich darf man trotzdem keine militärische Gewalt anwenden und Präsidenten entführen. Putin hat übrigens gleichfalls Wahlen gefälscht und führt ein Unrechtsregime an, wurde aber dessen ungeachtet von Donald Trump in Alaska freundschaftlich per Handschlag und mit Applaus begrüßt. Proteste seitens der EU? Allenfalls wachsweiche.

Die Europäische Union ist handzahm und ruft nun pflichteifrig dazu auf, die Demokratie in Venezuela wieder herzustellen und den Willen des Volkes zu respektieren. Das venezolanische Volk habe das Recht, über seine Zukunft selbst zu bestimmen. Außerdem müssten die Grundsätze des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen unter allen Umständen gewahrt bleiben. Gähn… Dass Trump der Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado abspricht, die Führungsposition zu übernehmen, da sie angeblich "weder die nötige Unterstützung noch den nötigen Respekt im Land genieße", spricht allerdings nicht dafür, dass der US-Präsident den Willen der Venezolaner respektieren wird. [3] Er will Venezuela regieren und hält sich dafür offenbar für ausreichend legitimiert. Es ist grotesk.

Die Europäer haben anscheinend noch immer nicht erkannt, dass die Amtseinführung von Donald Trump ein tektonisches Beben auf dem Feld der Geopolitik ausgelöst hat. Wie ein Tsunami walzt er alles nieder. Wir verharren in Schockstarre und hoffen inständig, der Kelch möge an uns vorübergehen, während die US-Regierung längst weitere Opfer im Fokus hat, etwa das zu Dänemark gehörende Grönland. Oder Kolumbien. Oder Kuba. Oder Mexiko. Aber anstatt sich endlich so schnell wie irgend möglich unabhängig von den USA zu machen, üben wir uns in Leisetreterei und versuchen, den US-Präsidenten zu beschwichtigen. Neville Chamberlain lässt grüßen. Zugegeben, Europa ist militärisch und politisch schwach. Und mit unserer vermeintlichen ökonomischen Stärke hat Ursula von der Leyen zwar mächtig angegeben, aber bloß um am Ende im schottischen Turnberry als Trumps Bettvorleger zu landen.

Wir debattieren immer endlos lange, sind chronisch uneinig und schließen gerne großartig klingende Formelkompromisse. Aber am Ende kaufen wir dann wie gehabt amerikanische Softwareprodukte und amerikanische Waffen. Ob die dänischen F-35 noch funktionieren, falls Trump Grönland mit Gewalt annektiert und Kopenhagen sich dagegen wehren will? Wobei, selbst wenn sie funktionieren würden, wäre militärisch nichts gegen die amerikanische Übermacht auszurichten. Können wir nicht wenigstens französische Rafale-Kampfjets, den Eurofighter oder den schwedischen Gripen kaufen? Oder - ganz verwegen - eine Neugründung der EU durch eine Koalition der Willigen versuchen, endlich die Vereinigten Staaten von Europa zum Leben erwecken? Wir trauen uns nicht einmal, daran zu denken.

Ach, es ist so erbärmlich. Angsthasen werden jedoch den Tusnami kaum überleben, denn wer sich furchtsam in die Löcher verkriecht, wird darin jämmerlich ersaufen. Trump dagegen wird immer dreister, weil er genau merkt, dass ihm keiner Schranken setzt. Ja, dass es sich noch nicht einmal jemand traut. Wie ein verzogenes Kind, das plötzlich entdeckt, wie toll man mit einem Baseballschläger Porzellanvasen zerdeppern kann. Liegt eine Vase in Bruchstücken auf dem Teppich, spürt es unbändiges Verlangen nach anderen. Größeren, teureren, schöneren. Trumps Nichte, Mary L. Trump, bezeichnete ihren Onkel als "den gefährlichsten Mann der Welt" und kennt seinen Charakter genau. Obendrein ist sie promovierte klinische Psychologin, weiß also nicht bloß aus persönlicher, sondern auch aus beruflicher Sicht, wozu er fähig ist. Wacht endlich auf, bevor es zu spät ist!

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[1] tagesschau.de vom 03.01.2026
[2] Tagesspiegel vom 05.01.2026
[3] ntv vom 03.01.2026