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27. Januar 2026, von Michael Schöfer
Auch dann, wenn es dem CDU-Wirtschaftsflügel missfällt


Es gebe keinen "Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit", behauptet Gitta Connemann von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). Ich will mich hier nicht darüber auslassen, ob und wie viele Teilzeitbeschäftigte freiwillig oder gezwungenermaßen weniger arbeiten. Auch die Einseitigkeit ist nicht mein Thema, denn würde man Teilzeitarbeit ohne familienbedingte Gründe (Erziehung von Kindern, Pflege von Angehörigen) tatsächlich verbieten, müsste man im Gegenzug natürlich auch den Arbeitgebern die Ausschreibung von Teilzeitstellen untersagen. Quid pro quo. Denn es kann ja nicht sein, dass die Arbeitnehmer keine Teilzeit mehr machen dürfen, während die Arbeitgeber weiterhin das Recht behalten, Teilzeit anzubieten. Das wäre jedenfalls gerecht, aber was ist beim CDU-Wirtschaftsflügel schon gerecht?

Es geht mir vielmehr um das dahinterstehende Menschenbild des CDU-Wirtschaftsflügels. Es lautet offenbar: Der Mensch gehört der Wirtschaft und hat sich gefälligst ihren Bedürfnissen zu fügen. Anders kann man Connemanns Forderung nicht interpretieren. Seltener wurde - natürlich unfreiwillig - die Heuchelei der CDU besser vorgeführt, denn ihre wirtschaftsfreundliche Ausrichtung widerspricht diametral den hehren Ansprüchen. "In Freiheit leben", heißt das aktuelle Grundsatzprogramm der CDU. Die Partei geht darin erwartungsgemäß vom "christlichen Menschenbild" aus: "Grundlage christdemokratischer Politik ist das christliche Verständnis vom Menschen. Im Zentrum steht die unantastbare Würde des Menschen in jeder Phase seiner Entwicklung. Jeder Mensch ist als von Gott geschaffenes Wesen einzigartig, unverfügbar und soll frei und selbstbestimmt leben. Dieses Menschenbild leitet unser politisches Handeln. (…) Für uns ist der Staat um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen." [1] Man könnte so gesehen durchaus sagen: Lifestyle-Teilzeit? Warum eigentlich nicht? Denn genau das heißt frei und selbstbestimmt leben!

Ist die Wirtschaft für die Menschen da oder dienen die Menschen der Wirtschaft? Ständig ist im CDU-Grundsatzprogramm von "Freiheit" die Rede, aber in der Praxis soll die Freiheit der Menschen bereits bei der einfachen Frage enden, welchen Teil ihrer Lebenszeit sie mit Arbeit oder Freizeit verbringen wollen. Freie Entfaltung der Persönlichkeit? Antwort des CDU-Wirtschaftsflügels: Nicht, wenn es mit den Interessen der Wirtschaft kollidiert. Ein Beispiel: Nur zwei Prozent der Autoren können von Literatur leben, las ich kürzlich. Die anderen müssen sich nebenher einen Brotberuf suchen, um ihre Existenz zu sichern. Irgendwoher muss schließlich das Geld für die Miete und die Rechnungen kommen. Aber muss aus dem Nebenjob gleich der Zwang zum Vollzeitarbeitsverhältnis werden, das dann jede Kreativität erstickt, weil man abends abgearbeitet nach Hause kommt und keine Lust mehr zum Schreiben hat? Wenn man Gitta Connemann fragt, lautet die Antwort: Ja! (Ich hoffe zugunsten der Christen, dass die Fron wenigstens im Paradies ein Ende hat.) Nun sind Schriftsteller zugegebenermaßen bloß eine kleine Minderheit, aber es gibt bei Menschen viele tausend individuelle Gründe, das Leben nicht überwiegend der Arbeit zu widmen. Bekanntlich lebt man nur einmal.

Frei und selbstbestimmt leben heißt: Sofern sich jemand aus freien Stücken für einen Teilzeitjob entscheidet, um mehr Zeit für seine persönlichen Interessen zu haben - was spricht dagegen? In meinen Augen nichts, sofern er mit dem Verdienst auskommt und der Allgemeinheit nicht auf der Tasche liegt. Nicht jeder braucht zur Persönlichkeitsentwicklung ein teures Auto. "Wie zahlreich sind doch die Dinge, deren ich nicht bedarf!" (Sokrates) Es darf daher keinen Zwang zur Vollzeit geben, denn das ist im Rahmen der Freiheit die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion reduziert Menschen auf ihre ökonomische Funktion, doch der Mensch ist weder Eigentum des Staates noch ist er Verfügungsmasse der Wirtschaft, die ihn zur Arbeit zwingt, solange es den Unternehmen gefällt, bloß um dann zwangsweise wieder aus dem Arbeitsprozess entfernt zu werden, wenn die Geschäfte mal nicht so gut laufen.

Der Mensch ist frei. Und zwar auch dann, wenn es dem CDU-Wirtschaftsflügel missfällt.

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[1] CDU, Grundsatzprogramm "In Freiheit leben", Seite 10, PDF-Datei mit 1,4 MB