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03. Februar 2026, von Michael Schöfer
Falschzitate sind ein absolutes No-Go


"Guter Journalismus macht einen Unterschied", schreibt Gerold Riedmann, Chefredakteur des österreichischen "Standard". "Die Offenheit, die Neugier und der Mut zur inhaltlichen Auseinandersetzung, die ich hier täglich erlebe, sind nicht selbstverständlich." Der Standard sei eine "verlässliche Stimme, die einordnet, hinterfragt und dabei viel Wert aufs Zuhören legt". Eigentlich genau das, was echten Qualitätsjournalismus auszeichnet. Der hehre Anspruch ist damit zumindest gesetzt, doch wie sieht die Praxis aus? Leider weniger hochtrabend, vielmehr ernüchternd.

Es ist wirklich schwer, in diesen verrückten Zeiten Wahrheit und Lüge auseinanderzuhalten. Insbesondere wenn es um Donald Trump geht, den notorischen Lügner im Weißen Haus. Genau genommen eine Petitesse: Vor kurzem kam der Film über seine Frau Melania in die Kinos, der, nach allem was anfangs darüber zu lesen war, weder bei den Zuschauern Erfolge versprach noch bei den Kritikern ankam. Im Netz spottete man bereits über leere Kinosäle, aber wider Erwarten spielte der Film laut der Vertriebsfirma Amazon MGM Studios am Eröffnungswochenende 7 Millionen Dollar ein und kam damit auf Platz drei der amerikanischen Kino-Charts. [1] Verantwortlich dafür waren die MAGA-Anhänger, und unter ihnen hauptsächlich die Frauen: "Über 70 Prozent der Ticketkäufer waren Frauen. (…) Die umsatzstärksten Kinos befanden sich in eher konservativen Bundesstaaten wie Texas und Florida - darunter West Palm Beach, unweit von Trumps Anwesen Mar-a-Lago -, Louisiana, Georgia, Arizona, Tennessee, Alabama, Oklahoma, Ohio und Nevada", berichtet The Hollywood Reporter. [2]

Wie dem auch sei, im Feuilleton waren die Kritiken jedenfalls vernichtend. Und wenn der US-Präsident nicht mit der Bombardierung von Hollywood droht, wird der Film wohl auch keinen Oscar bekommen (dabei wäre das die ideale Ergänzung zu Trumps Friedensnobelpreis). Der Standard ätzte: "Restlos begeistert ist bisher nur einer: Auf Truth Social schrieb Donald Trump, dass es sich um den 'besten Film seit der Erfindung des Films' sowie um einen 'fundamentalen Moment in Amerikas Geschichte' handelt." [3] Das könnte durchaus zu Donald Trump passen: Bar jeglicher Realität und mit Superlativen um sich werfend.

Eigentlich wollte ich etwas Lustiges darüber schreiben, habe mir aber inzwischen angewöhnt, Zitate im Original nachzuprüfen. Allerdings konnte ich trotz intensiver Suche den Post in seinem Truth Social-Account nicht finden. Was ich jedoch fand war der Hinweis, dass der Post von Donald Trump über den Film "Melania" offenbar gefaked ist. "Snopes", eine amerikanische Website, die Fakten überprüft, hat ihn begutachtet. Urteil: Fake! [4] "Lead Stories", eine andere Faktencheck-Website, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis: Fake! [5] Der angebliche Post von Trump ging trotzdem viral. Wahrscheinlich, weil er so gut zum Charakter von Donald Trump passt.

Ich habe den Standard am 31. Januar um 11:51 Uhr darauf hingewiesen, dass das Zitat von Donald Trump vermutlich ein Fake ist, die Redaktion hat sich auch am 2. Februar um 15:00 Uhr für den Hinweis bedankt. Bloß steht halt das mutmaßliche Falschzitat noch immer auf der Website des Standard (abgerufen am 03.02.2026, 11:10 Uhr). Keine Warnung, dass es möglicherweise unzutreffend ist und man deshalb vorsichtig sein sollte.

Auch wenn man Donald Trump nicht mag, wofür ich vollstes Verständnis habe, sind Falschzitate in einer Qualitätszeitung ein absolutes No-Go. Im "Ehrenkodex für die österreichische Presse", dem sich der Standard verpflichtet fühlt, steht: "Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren sind oberste Verpflichtung von Journalisten. Durch Anführungszeichen gekennzeichnete Zitate müssen so weit wie möglich den Wortlaut wiedergeben. (…) Sobald einer Redaktion zur Kenntnis gelangt, dass sie eine falsche Sachverhaltsdarstellung veröffentlicht hat, entspricht eine freiwillige Richtigstellung dem journalistischen Selbstverständnis und Anstand." [6]

Nun könnte es natürlich sein, dass der Standard entgegen den Faktencheck-Websites Belege für die Richtigkeit des Trump-Zitats hat, allerdings hat er davon zumindest mir gegenüber nichts dergleichen geäußert. Und seinen Lesern gegenüber bis dato ebenso wenig. Selbst ich, ein unbedeutender Blogger, versuche stets wahrheitsgetreu zu kommentieren und sichere mich gegen Klagen mit der Speicherung von Quellen, die ich zitiere, ab. Meinungen und Tatsachenbehauptungen sind bekanntlich zwei paar Stiefel - gerade juristisch. Und wenn ich nachträglich feststelle, dass ich trotz der gebotenen Sorgfalt einer Falschmeldung aufgesessen bin, werden meine Kommentare selbstverständlich korrigiert oder mitunter sogar ganz gelöscht. Wo gearbeitet wird, passieren naturgemäß Fehler. Und es ist keineswegs ehrenrührig, sich zu ihnen zu bekennen. Enttäuschend, dass die österreichische Qualitätszeitung da offenbar eine andere Auffassung hat.

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[1] USA Today vom 01.02.2026
[2] The Hollywood Reporter vom 01.02.2026
[3] Der Standard vom 29.01.2026
[4] Snopes vom 29.01.2026
[5] Lead Stories vom 30.01.2026
[6] Österreichischer Presserat, Grundsätze für die publizistische Arbeit