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09. Februar 2026, von Michael Schöfer
Linnemann und die sieben Geißlein

Die Wahlkämpfer spüren offenbar schon die Wackersteine im Magen rumpeln und pumpeln, denn die CDU frisst momentan so viel Kreide wie nie zuvor. Das ist natürlich den bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz geschuldet. Die Christdemokraten haben anscheinend Angst, das permanente Arbeitnehmer-Bashing der vergangenen Monate könnte ihre Wahlchancen negativ beeinflussen. "Muffensausen", nennt das der Volksmund. Und die Angst der CDU ist keineswegs unberechtigt.

Chamäleons sind bekanntlich Meister der Tarnung. Soll heißen: Wenn ausgerechnet der von Unternehmern getragene Wirtschaftsrat der CDU eine "Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland" fordert, müssten eigentlich sämtliche Alarmsirenen heulen. Die Skepsis ist angebracht. In Wahrheit steht nämlich bei der Entlastung von Lohnnebenkosten nicht die Entlastung der Arbeitnehmer im Vordergrund, weil diese ja demnächst unter dem Schlagwort "Eigenverantwortung" die Zahnarztbehandlungen in voller Höhe selbst übernehmen sollen, sondern einzig und allein die Entlastung der Arbeitgeber. Das ist das eigentliche Ziel des CDU-Wirtschaftsrats. Arbeitgeber übernehmen derzeit die Hälfte des allgemeinen Krankenversicherungsbeitrags in Höhe von 14,6 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens. Sinkt der Beitrag zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), sparen sie daher Geld. Die Arbeitnehmer hingegen müssten die Zahnarztbehandlungen privat versichern, woran sich jedoch die Arbeitgeber nicht mehr beteiligen. Preisfrage: Wer gewinnt, wer verliert?

Das haben viele Arbeitnehmer durchschaut, weshalb den Wahlkämpfern der CDU ein eiskalter Wind ins Gesicht bläst. Und wenn etwas aus dem Ruder zu laufen droht, schickt die CDU gerne ihren Generalsekretär Carsten Linnemann an die Medienfront, der unter den Kreidefressern als Experte gilt. Ein gutes Beispiel für die Einlullung des Publikums war die ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" am gestrigen Sonntag. Linnemann fordert darin mehr Netto vom Brutto: "Wir werden daran gemessen, ob wir das Leben einfacher machen, ob die Menschen entlastet werden und die Leute, die diesen Karren ziehen in Deutschland, das sind die kleinen und mittleren Einkommen, die jeden Tag schuften, die erwarten von uns zu Recht, dass wir liefern, und das müssen wir machen." (Min. 13:01)

Super, der CDU-Generalsekretär spielt den Arbeiterführer ("die diesen Karren ziehen…", "die jeden Tag schuften…"). Mimikry nennt man das, täuschen durch Nachahmung. In Diskussionen um mehr Mieterschutz argumentieren die Christdemokraten ja ebenfalls ständig mit dem sozial denkenden "privaten Kleinvermieter", während sie in Wahrheit weiterhin die trickreiche Umgehung des geltenden Mietrechts ermöglichen wollen. Und wenn sich Linnemann dann obendrein auch noch für "die kleinen und mittleren Sparer" einsetzt (Min. 10:38), kommen mir fast die Tränen. Dabei dachte ich bislang, die CDU wäre der politische Arm der Besserverdienenden und des Großkapitals. Oder habe ich ihren Widerstand gegen die Wiedereinführung der Vermögensteuer, gegen eine gerechte Reform der Erbschaftsteuer oder gegen die Schließung von Steuerschlupflöchern bloß falsch verstanden? Als Verfechter einer Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns sind mir die Christdemokraten jedenfalls nicht aufgefallen. Fehlt noch, dass der CDU-Generalsekretär den Klassenkampf ausruft. Aber auch das wäre ihm durchaus zuzutrauen, solange es seiner Partei im Wahlkampf nützt.

Im Märchen "Der Wolf und die sieben jungen Geißlein" der Brüder Grimm frisst der Wolf ein großes Stück Kreide, um seine Stimme fein zu machen. Frei nach Jacob und Wilhelm Grimm: "Wählt uns, ihr lieben Arbeitnehmer, eure CDU ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!" Aber wir wissen schließlich, wie das Märchen ausgegangen ist: Für den Wolf nicht besonders gut. Schau'n mer mal, wie es am Wahlabend aussieht.