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14. Februar 2026, von Michael Schöfer
Lukrative Deals sind wichtiger


Es ist bezeichnend für die jetzige US-Regierung, dass Außenminister Marco Rubio in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zwar neunmal über Wirtschaft sprach, sich jedoch nur ein einziges Mal eher allgemein auf die westlichen Werte berief. "Hier in Europa wurden die Ideen geboren, die die Samen der Freiheit legten und die Welt veränderten. Hier in Europa entstand die Zivilisation, die der Welt das Rechtssystem, die Universitäten und die wissenschaftliche Revolution gab." [1] Er wollte
wohl den Europäern schmeicheln.

Allerdings, außer dass Amerika stark und unabhängig sein soll, wird dem Zuhörer nicht so recht klar, wofür es stark und unabhängig sein will. Der "American way of life" wird ja am heftigsten durch die Regierung von Donald Trump angegriffen, denn Trump will offenbar die Demokratie zerstören und ein autokratisches System errichten. Keiner attackiert das Rechtssystem, die Universitäten und die Wissenschaft so massiv, wie es der aktuelle US-Präsident tut. Der Jurist Rubio ist intelligent genug, um den Widerspruch selbst zu erkennen.

Wenn Marco Rubio darüber spricht, die Kontrolle über die eigenen Industrien und Lieferketten zurückgewinnen zu wollen, sollte er der Wahrheit zuliebe auch erwähnen, dass es schließlich die Freunde von Trump gewesen sind, die die Kontrolle aus Profitgier aus der Hand gegeben haben: die Superreichen. Es waren Milliardäre wie Trump, nicht die Stahlarbeiter, die für die Abwanderung der Industriejobs gesorgt haben. Kapitalanleger, denen das Schicksal der Arbeiter vollkommen egal war. Apple-Chef Tim Cook kriecht zwar dem US-Präsidenten buchstäblich in den Allerwertesten, aber wo lässt er seine Produkte produzieren? Jedenfalls nicht in den USA. Außerdem macht die Politik von Donald Trump vor allem seine Buddies reich, die Arbeiter und Landwirte müssen selbst zusehen, wie sie über die Runden kommen.

Gerade haben wir erfahren, dass Alexej Nawalny im sibirischen Straflager mit Froschgift ermordet wurde, was zweifellos nicht ohne eine Anordnung von ganz oben geschehen ist. Und in Russland steht Wladimir Putin an der Spitze. Nawalny war nicht sein erstes Opfer und wird wahrscheinlich auch nicht sein letztes sein, von der leidgeprüften ukrainischen Bevölkerung ganz zu schweigen. Und was macht Donald Trump? Er empfängt Wladimir Putin in Alaska mit Applaus und drückt ihm freundschaftlich die Hand. Kriegsverbrecher Putin müsste in Den Haag auf der Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs sitzen anstatt in Anchorage den roten Teppich ausgerollt zu bekommen.

Realpolitik ist zugegebenermaßen oft zynisch und grausam, aber der Westen sollte wenigstens noch wissen, wofür er eintritt und diese Werte nicht völlig aus dem Auge verlieren. Ein gewisser John F. Kennedy hat 1963 in Berlin u.a. Folgendes gesagt: "Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur einer versklavt ist, dann sind nicht alle frei." Donald Trump sind lukrative Deals anscheinend wichtiger als die Versklavten. Hauptsache, es springt ordentlich etwas dabei heraus. In Venezuela ging es ihm ums Öl, dazu hat er sich freimütig bekannt. Die Chavisten sind dort noch immer an der Macht, und mit denen kann er sich allem Anschein nach gut arrangieren. Die Freiheit der Venezolaner? Nebensächlich. Wenn das das Amerika ist, das Marco Rubio vor Augen hat, kann er zumindest mir gestohlen bleiben.

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[1] Handelsblatt vom 14.02.2026