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18. Februar 2026, von Michael Schöfer
In welcher Welt werden wir morgen aufwachen?


Die ganze Welt redet plötzlich wieder über Atomwaffen. "Polen denkt über eine eigene Atombombe nach", liest man auf den Nachrichten-Websites. [1] Auch über eine europäische Atomwaffe wird neuerdings debattiert. [2] Das ist angesichts des Ukraine-Kriegs kaum verwunderlich, denn die Frage ist durchaus berechtigt, ob Russland sein Nachbarland auch überfallen hätte, wenn Kiew 1994 im Budapester Memorandum nicht auf die sowjetischen Atomwaffen verzichtet hätte. Die Ukraine hatte 2022 keine Atomwaffen mehr und ist angegriffen worden, das totalitäre Nordkorea, das nachweislich Atomwaffen besitzt, trotz seiner Drohgebärden dagegen nicht. Mit dem Auslaufen des New-START-Vertrags Anfang Februar ist das letzte nukleare Rüstungsbegrenzungs-Abkommen zwischen den USA und Russland passé, der Aufrüstung steht nun nichts mehr im Weg. Genährt wird das Ganze durch die ständigen Atomkrieg-Drohungen von Wladimir Putin und seinem Wadenbeißer Dmitri Medwedew.

Viele fühlen sich bedroht und wollen vor militärischen Angriffen, seien sie nun nuklear oder konventionell, abschrecken. Das ist einerseits eine verständliche Reaktion auf die wachsende Unsicherheit in einem zunehmend chaotischer werdenden internationalen Umfeld, andererseits sollte man sich ernsthaft mit der Frage befassen, ob Atomwaffen überhaupt zur Verteidigung unseres Kontinents taugen. Das einzige Land, das bislang Atomwaffen eingesetzt hat, waren die USA im Jahr 1945, seitdem spielen sie in militärischen Konflikten keine aktive Rolle mehr, sondern dienen lediglich als letztes denkbare Mittel. Es herrscht ein Tabu, Atomwaffen einzusetzen, was nicht zuletzt auf die verheerenden Folgen eines Atomwaffeneinsatzes zurückzuführen ist. Schon ein pakistanisch-indischer Atomkrieg, in dem Pakistan 150 und Indien 100 Atomwaffen gegen die Städte des jeweils anderen einsetzt, würde einen globalen nuklearen Winter auslösen, der die landwirtschaftlichen Erträge für längere Zeit erheblich reduziert. [3] Das gilt natürlich auch für ihre Verwendung im dichtbesiedelten Europa. Die Folgen eines Atomkriegs unter Beteiligung der USA (3.700 Sprengköpfe), Russlands (4.309 Sprengköpfe) oder Chinas (600 Sprengköpfe) wären ungleich größer.

In Russland gibt es 168 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern [4], die Nuklearpotenziale Frankreichs (290 Sprengköpfe) und Großbritanniens (225 Sprengköpfe) reichen völlig aus, um sie allesamt dem Erdboden gleichzumachen. Russland wäre als Staat erledigt (wir nebenbei bemerkt ebenfalls). Falls Wladimir Putin noch ein Fünkchen Verstand besitzt, wird er einen Teufel tun und das Risiko eingehen, Europa nuklear anzugreifen. Wobei das Grundproblem stets bleibt: Würde Frankreich im Fall der Fälle Paris für Helsinki opfern? Oder Großbritannien London für Sofia? Selbst wenn es eine europäische Atomwaffe gäbe und feststünde, nach welchen Kriterien und Konsultationsmechanismen sie eingesetzt wird, bleibt dieses Dilemma bestehen. Nuklearwaffen schrecken nicht nur andere ab, sie beinhalten auch ein gehöriges Maß an Selbstabschreckung. Gerade weil die Folgen für die eigene Seite so massiv sind. Und wer die Schwelle zu ihrer Anwendung überschritten hat, kann die Eskalation zum allgemeinen nuklearen Schlagabtausch kaum noch einfangen. Wer zuerst schießt, stirbt mit hoher Sicherheit als Zweiter.

Atomwaffen dienen allenfalls zur Abschreckung, aber falls diese versagt, taugen sie nur noch als Instrument zur nuklearen Rache. Das, was man eigentlich verteidigen wollte (im Sinne von bewahren), existiert dann nicht mehr. Selbst wenn in Westeuropa kein einziger Sprengkopf explodiert, wären die Auswirkungen des nuklearen Winters und des radioaktiven Fallouts apokalyptisch. Gedankenspiele, den großen Atomkrieg zu vermeiden, indem man kleinere Atomwaffen verwendet und sie bloß begrenzt einsetzt, könnten sich als Illusion erweisen. Das wird zwar in den Stäben der Streitkräfte und diversen Denkfabriken immer wieder aufs Neue durchgespielt, aber es existiert bislang kein reales Beispiel, dass dies auch tatsächlich gelingt. Menschen - Militärs und Politiker inbegriffen - entscheiden nicht nur nach rationalen Gesichtspunkten, sondern sind auch durch ihre Emotionen beeinflusst. Und selbstverständlich kocht obendrein die Volksseele hoch. Nehmen wir an, in einem Krieg um Taiwan entscheidet sich Peking, eine einzelne Nuklearwaffe gegen den zu Hilfe eilenden amerikanischen Flugzeugträgerverband einzusetzen. Wie würden die USA wohl reagieren? Was würde die amerikanische Öffentlichkeit fordern? Cool bleiben oder nuklear zurückschlagen? Dreimal dürfen Sie raten.

Es bleibt dabei: Atomwaffen sind politische Waffen, die niemals eingesetzt werden dürfen. Jedenfalls gilt das bei nuklear bewaffneten Gegnern - und genau das ist unser Problem. In einer Welt, in der sich Bündnisse und etablierte Regeln auflösen, dominiert unvermeidlich der Wunsch, sich nuklear zu bewaffnen. Nicht um sie anzuwenden, sondern um sie als Ultima Ratio in der Hinterhand zu haben. Die Widersprüche der Abschreckung bleiben dennoch bestehen. Wehe, wenn sie versagt… In welcher Welt werden wir morgen aufwachen? In einer bis an die Zähne nuklear bewaffneten Welt mit zahlreichen Akteuren - inklusive der unweigerlich damit verbundenen existenziellen Unsicherheit? Oder finden wir zurück auf den Pfad der Rüstungsbegrenzung? Diese Frage ist momentan schwer zu beantworten.

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[1] tagesschau.de vom 16.02.2026
[2] Zeit-Online vom 18.02.2026
[3] Rutgers Universität, New Jersey/USA, Bulletin of the Atomic Scientists 2019, PDF-Datei mit 1,7 MB
[4] Wikipedia, Liste der Städte in Russland