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| Archiv | Impressum 01. März 2026, von Michael Schöfer Zwei Herzen in meiner Brust Der Militäreinsatz von Israel und den USA im Iran birgt zweifellos große politische Risiken, weil niemand genau weiß, wie es nun im Iran weitergeht. Das Regime, dem hierzulande keiner eine Träne nachweint, wird offenbar peu à peu enthauptet, könnte sich aber dennoch als widerstandsfähiger erweisen, als wir uns das wünschen. Darüber hinaus ist die Anwendung von Gewalt natürlich eindeutig völkerrechtswidrig. Andererseits ist auch das Ermorden Tausender Demonstranten und das Foltern in den Gefängnissen rechtswidrig. Ein Dilemma. Exil-Iraner haben berichtet, dass die Menschen im Iran einen Militäreinsatz der USA befürworten, weil sie das Regime anders nicht mehr loswerden. Die Iraner versuchten es bekanntlich mehrfach, sind damit allerdings jedes Mal gescheitert. Das Blutbad wurde von Mal zu Mal größer. Sollen wir dem Töten weiterhin tatenlos zusehen? Ohne militärische Gewalt von außen wären auch die Deutschen die Nazi-Diktatur wohl niemals losgeworden, insofern ist uns diese Situation nicht völlig unbekannt. In meinen Augen gibt es da durchaus Parallelen. Donald Trump und Benjamin Netanjahu sind zugegebenermaßen keine Garanten für die Freiheit und die Selbstbestimmung der Iraner. Kleiner Wermutstropfen: Es steht momentan niemand anderer zur Verfügung, der eine vergleichbare Macht besitzt - und den Willen, sie auch einzusetzen. Außerdem existiert ja nach wie vor das Problem mit den Atomwaffen. Es gibt keinen zivilen Zweck für die Anreicherung von Uran, hochangereichertes Uran dient einzig und allein einem militärischen Ziel: dem Bau der Bombe. Allen entgegengesetzten Beteuerungen des Regimes darf man keinen Glauben schenken. Würde man hinter der Strategie Trumps eine durchdachte Systematik vermuten, dann vielleicht die Absicht, die schwächeren Proxys der Russen und Chinesen (Venezuela, Iran, Kuba, die diversen Milizen etc.) peu à peu vom geopolitischen Spielfeld zu nehmen, um beide Rivalen erfolgreich zurückzudrängen bzw. ihnen den Einfluss zu rauben. Doch traut man dem US-Präsidenten eine solch ausgeklügelte Strategie wirklich zu? Zudem würde er sich dann mit Blick auf die Ukraine völlig unsystematisch verhalten, weil er hier Russland am allermeisten wehtun könnte. Egal wie man zum Militäreinsatz im Iran stehen mag: Wir leben in unsicheren und unübersichtlichen Zeiten, in denen uns das verbindliche Rahmengerüst des Völkerrechts sukzessive zwischen den Fingern zerbröselt. Wir ernten eine Welt, in der die Willkür des Stärkeren dominiert. Sehr ungemütlich, sehr gefährlich, völlig unmoralisch. Das ist lediglich eine nüchterne Zustandsbeschreibung. Das Schlimme ist: Wie sollen wir wieder zu geordneten Verhältnissen zurückkehren, wenn dafür weit und breit kein Wille erkennbar ist, wenn selbst wir Europäer vor Donald Trump kuschen und es nicht wagen, ihm wenigstens auf dem Gebiet der Wirtschaft die Stirn zu bieten? Schwierig! Sehr schwierig! Im Fall des Iran schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Das eine, das das Völkerrecht hochhält, und das andere, das sich die Freiheit der Iraner wünscht. Beide schlagen allerdings nicht im Gleichklang, sie kollidieren miteinander. |