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06. März 2026, von Michael Schöfer
Säuberungswellen


Ideologen und Autokraten säubern oft den eigenen Machtapparat, um ihn sich gefügig zu machen. Das freut gerade die äußeren Feinde, weil die Säuberungswellen insbesondere die Streitkräfte betreffen. Bekanntestes Beispiel: 1937 begann Stalin eine Säuberungswelle in der Roten Armee, prominentestes Opfer war Michail Tuchatschewski, der über große militärische und organisatorische Fähigkeiten verfügte. Er wurde grundlos verhaftet, auf persönlichen Befehl Stalins vom NKWD gefoltert und nach einem Schauprozess hingerichtet.

Im Zuge dieser Säuberungen verloren Hunderte hohe Offiziere ihr Leben, die sowjetischen Streitkräfte wurde quasi enthauptet. Nikita Chruschtschow machte später die Säuberungen für das anfängliche Versagen der Roten Armee bei der Verteidigung gegen Nazi-Deutschland verantwortlich. "Tuchatschewskis Verhaftung kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er verstand etwas von militärischen Neuerungen, und ich bin überzeugt, dass unsere Armee viel besser ausgebildet und ausgerüstet Hitler hätte entgegentreten können, wäre Tuchatschewski nicht hingerichtet worden." [1]

Presseberichten zufolge lichtet auch Wladimir Putin die Reihen seiner Armeespitze. "Fast alle Stellvertreter des früheren russischen Verteidigungsministers Sergei Schoigu wurden inzwischen wegen Veruntreuung, Bestechung, Betrug, Geldwäsche, Gründung einer kriminellen Bande und ähnlicher Vorwürfe zur Verantwortung gezogen. Jüngstes Beispiel ist Ruslan Tsalikow, ein langjähriger engster Vertrauter von Schoigu und dessen früherer erster Stellvertreter. Er steht unter Hausarrest." [2] Nun hat bislang niemand Schoigu und seinen Stellvertretern große militärische Fähigkeiten attestiert, aber es stellt sich trotzdem die Frage, ob sich die Säuberungen nicht noch zusätzlich negativ auf die russische Armee auswirken. Russland kämpft jetzt schon länger gegen die Ukraine (1472 Tage) als damals im Zweiten Weltkrieg gegen Hitler (1418 Tage), besitzt heute aber bloß 10 Prozent mehr ukrainisches Territorium als Anfang 2022 und hat 1,2 Millionen Soldaten (Gefallene, Verwundete, Vermisste) verloren. Für eine - nach russischem Selbstverständnis - Großmacht ist das eine desaströse Bilanz.

Vergleichbares passiert in China: Auch Staats- und Parteichef Xi Jinping ist unzufrieden mit seiner Armeeführung. "In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche ranghohe Generäle entlassen oder Ermittlungen gegen sie eingeleitet. Beobachter sprechen von einer der größten Säuberungen innerhalb der Volksbefreiungsarmee seit Jahrzehnten. Zuletzt hatte sich die Kampagne nochmals intensiviert. Kurz vor Beginn des Volkskongresses wurden zudem mehrere Militärvertreter aus dem Parlament entfernt. Die Maßnahmen reichen bis in die Spitze der Streitkräfte. Betroffen sind auch Offiziere aus dem Umfeld der Zentralen Militärkommission, dem obersten Führungsorgan der Armee unter Vorsitz von Xi. Das Gremium soll durch die jüngsten Ermittlungen und Entlassungen nunmehr deutlich ausgedünnt sein." [3]

Zhang Youxia, bis dahin Vizevorsitzender der Zentralen Militärkommission, wird Fehlverhalten und Korruption vorgeworfen. Gegen Generalstabschef Liu Zhenli gibt es ebenfalls Ermittlungen. Insgesamt hätten die Säuberungen in der Volksbefreiungsarmee seit 2022 über 100 hochrangige Offiziere betroffen. Laut dem Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington wurden 36 Generäle offiziell entlassen, 65 weitere Offiziere sind verschwunden. [4] Über die wahren Gründe kann nur spekuliert werden: War es tatsächlich Fehlverhalten und Korruption? Korruption ist dort schließlich ein weitverbreitetes Phänomen. Es wird gemunkelt, die Armeeführung sei skeptisch gegenüber den Plänen von Xi gewesen, demnächst Taiwan anzugreifen. Wie auch immer, die Säuberungswelle dürfte jedenfalls die zweitstärkste Armee der Welt reichlich verunsichern. Ob sie ihrer Kampfkraft schadet, bleibt offen, weil Chinas Armee ohnhin über wenig Kampferfahrung verfügt.

Auch unter US-Kriegsminister Pete Hegseth sind mehrere Kommandeure entlassen worden oder haben überraschend ihren Abschied genommen. So ist etwa Ende vergangenen Jahres Admiral Alvin Holsey, Befehlshaber des für Lateinamerika zuständigen US-Südkommandos, zwei Jahre früher als ursprünglich geplant gegangen. Holsey habe Zweifel an der Rechtmäßigkeit der US-Angriffe auf Boote mutmaßlicher Drogenschmuggler in der Karibik und im Ostpazifik geäußert. Es ist ja bekannt, dass US-Präsident Donald Trump Loyalität höher schätzt als Fachkompetenz. Und Widerspruch macht ihn wütend.

Mit dem bekennenden Evangelikalen Pete Hegseth scheint sich zudem religiöser Wahn in der US Army breitzumachen. Seit Mai 2025 gibt es im Pentagon monatliche Gottesdienste. Kommandeure sagen ihren Soldaten, der Krieg gegen den Iran sei "Teil von Gottes Plan", sie bezogen "sich dabei ausdrücklich auf zahlreiche Stellen aus der Offenbarung des Johannes (…), auf Armageddon und die bevorstehende Wiederkunft Jesu Christi. Präsident Trump sei von Jesus selbst auserwählt worden, im Iran das Signalfeuer zu entzünden, um Armageddon herbeizuführen und seine Rückkehr auf die Erde anzukündigen." [5] Das kann die Kompetenz der US-Streitkräfte nur negativ beeinflussen, weil Vorurteile die Professionalität verdrängen. Wenn Kommandeure aus religiöser Verblendung handeln, ist das obendrein hochgradig gefährlich. Wer Armageddon (Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht) als Leitmotiv seines Handelns nennt, hat anscheinend nicht mehr alle Tassen im Schrank.

In den Streitkräften von Russland, China und den USA gibt es jeweils beunruhigende Vorgänge, die günstigstenfalls eine verminderten Kampfkraft nach sich ziehen. Es könnte aber auch sein, dass sich die Streitkräfte dadurch radikalisieren, weil loyale und religiös oder politisch verblendete Kommandeure nachrücken. Der Einsatz der Streitkräfte wird dann wahrscheinlicher, die Kriegsgefahr steigt.

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[1] Deutschlandfunk vom 11.06.2012
[2] BR24 vom 06.03.2026
[3] ntv vom 05.03.2026
[4] CSIS vom 24.02.2026
[5] t-online vom 05.03.2026