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09. März 2026, von Michael Schöfer
Die Agonie der Sozialdemokratie


Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg hat es die ehemalige Volkspartei SPD schwer getroffen, sie ist am Wahlabend beinahe untergegangen: Die SPD bekam nur 5,5 Prozent der Zweitstimmen und hat damit gerade noch so den Einzug in den Landtag geschafft. Wenn man sich den beruflichen Hintergrund der SPD-Landtagsabgeordneten ansieht, wird das Manko offensichtlich: Neun von zehn MdL sind Akademiker, lediglich eine Abgeordnete hat nicht studiert. Klassische Arbeiter finden sich in der Landtagsfraktion der früheren Arbeiterpartei keine mehr.

Andreas Stoch
Jurist, Rechtsanwalt
Dorothea Kliche-Behnke
Studium der Germanistik, Geschichte und katholischen Theologie, Referentin der Geschäftsleitung
Sascha Binder
Jurist, Rechtsanwalt
Viviane Sigg
Lehrerin für Deutsch, Musik, Gemeinschaftskunde und Informatik, Schulreferentin im Regierungspräsidium Freiburg
Stefan Fulst-Blei
Bankkaufmann, Studium der Wirtschaftspädagogik, Betriebswirtschaft und Politikwissenschaft, Gewerkschaftssekretär, Berufsschullehrer
Katrin Steinhülb-Joos
Lehrerin
Nicolas Fink
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Simone Kirschbaum
Jugend- und Heimerzieherin, Hebamme, Trauerbegleiterin
Boris Weirauch
Jurist, Rechtsanwalt, Prokurist bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers
Annkathrin Wulff
Lehrerin

Die Heterogenität der Bevölkerung spiegelt sich zumindest in der SPD-Fraktion nicht wider, die repräsentative Demokratie ist in diesem Fall nicht mehr repräsentativ für die Interessen der Bürgerinnen und Bürger.

Natürlich wäre es vermessen zu behaupten, dass Lehrer oder Juristen per se nicht die Interessen der Arbeitnehmer vertreten können, aber mittlerweile scheint es zwischen der Lebensrealität der SPD-Abgeordneten und der Lebensrealität der Menschen einen spürbaren Bruch zu geben. Aktuell sagen nämlich in Baden-Württemberg nur noch 20 Prozent der Befragten, die SPD sorge am ehesten für soziale Gerechtigkeit. [1] Das trifft den Markenkern der Partei. Bei der Landtagswahl haben nur noch 5 Prozent der Arbeiter die SPD gewählt. Zum Vergleich: AfD 37 Prozent, CDU 21 Prozent und Grüne 18 Prozent. [2] Wem es finanziell schlecht geht, wählt überproportional die AfD (41 %).


Die Sozialdemokraten haben offenbar den Kontakt zu ihren früheren Stammwählern (d.h. zu ihren Wurzeln) nahezu komplett verloren, ohne sich zugleich neue Wählerschichten erschließen zu können. Der Landtagswahlkreis Mannheim I im von der Industriearbeiterschaft geprägten Mannheimer Norden war einst eine Hochburg der SPD, sie hat ihn durchgängig von 1952 bis 2011 gewonnen. Walter Spagerer, Mannheimer Urgestein und für diesen Wahlkreis von 1972 bis 1988 im Landtag, war gelernter Feinmechaniker und hauptamtlich für die IG Metall tätig. 2026 holte dort der Wahlkreiskandidat der AfD das einzige Direktmandat seiner Partei. Menschen mit hoher formaler Bildung, die das gleiche berufliche Profil der jetzigen SPD-Landtagsabgeordneten besitzen, wählen hingegen überwiegend die Grünen.

Der Blick auf die Bundes-SPD und ihre langjährige Beteiligung an diversen Bundesregierungen erklärt, warum es mit der Partei rasant bergab geht: Die Kluft zwischen dem, was die SPD sagt, und dem, was die SPD tut, ist groß. Immer wieder geht sie Kompromisse mit der Union ein und wird dann als Handlangerin des Sozialabbaus wahrgenommen. Wenn sie ihn nicht gleich selbst übernimmt: Gerhard Schröder hat die Sozialdemokratie zur Jahrtausendwende mit seiner Agenda-Politik zweifelsohne in eine Sackgasse manövriert, aus der sie sich anscheinend trotz ihrer linken Rhetorik nicht mehr befreien kann. Und Olaf Scholz hat alles noch viel schlimmer gemacht. So bitter es klingt: Auf die SPD würde ich keinen Pfifferling mehr setzen.



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[1] tagesschau.de vom 09.03.2026
[2] tagesschau.de vom 08.03.2026, Wer wählte wen in Baden-Württemberg?