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10. März 2026, von Michael Schöfer
Wolfram Weimer steht für die illiberale Antwort


"Wenn Kulturkämpfe ausgefochten werden, geht es selten um Kultur. Es geht um Macht. Verhandelt wird über Deutungsmacht, welche Ideen, Perspektiven, welche Kunst und Wissenschaft erwünscht ist und welche nicht. Es geht auch darum, wer wem etwas sagen und buchstäblich vorschreiben darf und wer nicht. Es geht um Freiheit und ihre Einschränkung. Wir stecken derzeit mitten in einem solchen Kulturkampf." Von wem stammen diese Sätze? Vermutlich denken Sie an einen toleranten und kultivierten Menschen. An einen, der die Freiheit liebt und deren Einschränkung zurückweist. Leider falsch gedacht, denn sie stammen aus der Feder von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, niedergeschrieben für einen Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung. [1]

Weimer beklagt darin den Kulturkampf und die "freiheitsfeindliche Übergriffigkeit der Linken". Er selbst gehört natürlich zu den Guten, versteht sich als Kämpfer gegen die Cancel Culture. Was er dabei allerdings unterschlägt: Der Kulturstaatsminister hat sich hierzulande als einer der größten Kulturkämpfer entpuppt. Erfahrungsgemäß gehören gerade diejenigen, die die Freiheit wie eine Monstranz vor sich hertragen, zu deren eifrigsten Gegnern, weil sie in Wahrheit bloß IHRE Freiheit meinen, aber nicht die Freiheit der Andersdenkenden. Abweichende Meinungen sind nämlich unerwünscht.

Es ist schließlich Weimer höchstselbst, der seine Macht einsetzt, um par ordre du mufti darüber zu entscheiden, "welche Ideen, Perspektiven, welche Kunst und Wissenschaft erwünscht ist und welche nicht". Israelkritik aus der Perspektive der Palästinenser mag er eher weniger. Drei Buchhandlungen sind in seinen Augen ebenfalls anrüchig und sollen deshalb keine Auszeichnung erhalten, weil über sie irgendwelche Verfassungsschutzerkenntnisse vorliegen. Konkretes weiß angeblich nicht einmal er. Die Geschassten übrigens ebenso wenig. Was genau, wird
auch ihnen nicht gesagt. Schuldig, obwohl noch nicht einmal der Ankläger die Anklage kennt? Franz Kafka hätte seine helle Freude daran gehabt. Weimer hat Kafka vielleicht sogar gelesen, aber hat er ihn auch verstanden? Wahrscheinlich nicht.

Kulturkämpfer, Verzeihung, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer missachtet seine eigenen Ratschläge: "Die liberale Antwort auf diese Entwicklung lautet, keinen politischen Einfluss nehmen, sondern, ganz im Gegenteil, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Die Korridore der Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren möglichst weiten, anstatt ihn zu verengen. (…) Der Staat kann daher als Mäzen auftreten, sollte sich aber inhaltlicher Einmischung enthalten. Er degradiert ansonsten die Künste zur Platzanweiserin der jeweiligen politischen Korrektheit." [2] Hehre Worte, aber stattdessen tappt Weimer von einem Cancel Culture-Fettnäpfchen zum anderen, vom Gender-Verbot bis zum Verhaltenskodex für die Berlinale. Dass dort jemand etwas sagt, das ihm nicht in den Kram passt, will er unbedingt verhindern. Wie war das mit den "Korridoren des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren"? Weiten oder verengen? Letzteres, lautet die illiberale Antwort von Wolfram Weimer. Er steht nicht für die liberale Antwort, er tut in Gastbeiträgen für die Süddeutsche bloß so.

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[2] Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien a.a.O.