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| Archiv | Impressum 12. März 2026, von Michael Schöfer Jetzt kriegt euch wieder ein! Wer seine Leute auf die Bäume treibt, muss sie irgendwann auch wieder herunterholen. Thomas Strobl (CDU) sagt, "das politische Klima in Baden-Württemberg sei aus den Reihen der Grünen 'nachhaltig vergiftet' worden". Laut Nicole Razavi (CDU) sei ganz viel Vertrauen zerschlagen worden. "Die Art und Weise des Umgangs im Vorfeld, dieses 'Negativ Campaigning' gegen die Person, gegen den Mensch Manuel Hagel, das war sehr schwierig", beklagt Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Die Veröffentlichung eines Videos über CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel sei eine "Schmutzkampagne" gewesen. [1] Alle drei sind Minister im Kabinett des scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Als Annalena Baerbock (Grüne) 2021 Kanzlerkandidatin war, musste sie viel Spott und Häme aushalten. Sie war "Hauptziel von Desinformationsnarrativen im Fernsehen, in Print- und Online- sowie in sozialen Medien. Unter den zehn am häufigsten von Falschnachrichten betroffenen Politikerinnen und Politikern liegt Baerbock der Auswertung zufolge auf Platz eins. 25 Prozent der Desinformationen treffen sie." [2] Stichwort: Negativ Campaigning. Mir ist nicht bekannt, dass sich die Union im Nachhinein für irgendetwas entschuldigt hätte. Im Gegenteil, CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet besaß nach der verlorenen Bundestagswahl sogar die Chuzpe, bei den Grünen für eine Jamaika-Koalition unter seiner Führung zu werben. Dass Baerbock ihm die kalte Schulter zeigte, war angesichts der Wunden, die dieser Wahlkampf geschlagen hatte, verständlich. Aber im Unterschied zu Manuel Hagel besaß sie eine realistische Machtalternative: die Ampel. Dass die FDP später deren Scheitern betrieb, steht auf einem anderen Blatt. Hagel kann zwar theoretisch mit der AfD regieren, doch das wäre der politische Tod der CDU (nicht nur in Baden-Württemberg). Baerbock, die im Wahlkampf zweifellos auch eigene Fehler gemacht hat, war allerdings bewussten Falschdarstellungen ausgesetzt. Die Videos, die über Hagel im Netz kursieren, sind indes echt. Nichts davon ist gefaked, sie bekamen für den Spitzenkandidaten bloß zur Unzeit größere Aufmerksamkeit und waren einzig und allein aufgrund ihres Inhalts unangenehm. Das postpubertäre Schwärmen von einer Schülerin namens "Eva" mit den "rehbraunen Augen" (ab Min. 4:16) ist lange her, Hagel war damals 29 Jahre alt, aber immerhin schon Generalsekretär der Landespartei. Nun gut, wenn jemand Altherrengehabe für passend hält... Wobei die Konservativen noch nie mit besonderer Wertschätzung gegenüber dem anderen Geschlecht aufgefallen sind. Eine Frauenquote gibt es in der CDU erst seit 2022 - und die will sich einem nicht gleich auf den ersten Blick erschließen. (Die CSU kommt übrigens bei der Aufstellung von Kandidaten für öffentliche Wahlen nach wie vor ohne aus.) Im künftigen Landtag von Baden-Württemberg ist genau die Hälfte der Landtagsfraktion der Grünen weiblich, bei der CDU sind es lediglich 28,6 Prozent. Der Frauenanteil der CDU-Landtagsfraktion hat sich sogar verringert, in der vorherigen Legislaturperiode waren es 30,2 Prozent. Wenig Wertschätzung zeigte Hagel auch bei seinem Besuch in einer Klasse der Bad Cannstatter Altenburg-Gemeinschaftsschule, wo er der Lehrerin rüde über den Mund fuhr. Die Filmkamera hatte er wohl vergessen. Solche Augenblicke sind verräterisch, weil sie das Publikum kurz hinter die glattpolierte Fassade blicken lassen. Viel schwerwiegender ist in meinen Augen jedoch, dass er anno 2026 als Ministerpräsidentenkandidat noch nicht einmal den Treibhauseffekt (ab Min. 3:03) korrekt erklären kann. Furchtbar peinlich, aber das hat er ebenfalls allein sich selbst zuzuschreiben. Kein Wunder, dass die CDU in ihrem Landtagswahlprogramm über "hocheffiziente Verbrenner" schwadroniert, auf "Technologieoffenheit" und den Markt setzt. Beim Klimaschutz soll es angeblich um "weniger Ideologie" gehen. Wie wollen Politiker wie Hagel angemessen auf den Klimawandel reagieren, wenn sie noch nicht einmal über die physikalischen Grundlagen Bescheid wissen? Liebe CDU, kriegt euch wieder ein! Ihr seid weder Unschuldslämmer noch habt ihr Grund, jetzt die beleidigte Leberwurst zu spielen. Das Eva-Video (Auf ein Bier mit - Folge 112: Auf ein Bier mit Manuel Hagel) ist schon seit dem 14. März 2018 bei YouTube zu sehen und wurde dort nicht von den Grünen eingestellt. Und der Besuch in der Stuttgarter Gemeinschaftsschule hat bloß die Defizite von Hagel offengelegt, zu sehen war das Video ursprünglich am 2. März 2026 im ARD-Mittagsmagazin. Natürlich darf man sich darüber ärgern, muss sich aber konsequenterweise über sich selbst ärgern. Fehler tun weh - vor allem, wenn man wegen ihnen eine Landtagswahl vergeigt. Aber die eigenen Fehler den Grünen anzulasten ist nur ein Ablenkungsmanöver. Oder der vergebliche Versuch, vor den Koalitionsverhandlungen den Preis in die Höhe zu treiben. Vorsicht: Wenn man zornig auf die Bäume steigt, besteht immer die Gefahr, dabei aus Unachtsamkeit plötzlich abzustürzen. ----------
[1]
Rhein-Neckar-Zeitung vom 10.03.2026
[2] Zeit-Online vom 08.09.2021
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