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12. März 2026, von Michael Schöfer
Freigabe der Ölreserven ein wirkungsloses Strohfeuer?


Die International Energy Agency (IEA) hat ihren Mitgliedstaaten empfohlen, angesichts der faktischen Sperrung der Straße von Hormus einen Teil ihrer nationalen Ölreserven freizugeben. Insgesamt geht es um einen Umfang von 400 Millionen Barrel Rohöl, Deutschland will sich mit knapp 20 Millionen Barrel daran beteiligen. Die entscheidende Frage ist, ob diese Maßnahme überhaupt irgendetwas am stark steigenden Ölpreis ändert. Die Autofahrer könnten herzlich wenig davon spüren. Und angesichts eines weltweiten Tagesverbrauchs von gut 100 Millionen Barrel ist das Ganze vielleicht nicht mehr als ein wirkungsloses Strohfeuer.

Bis zum Irankrieg passierten täglich 20 Millionen Barrel die Straße von Hormus, die 400 Millionen Barrel der freigegebenen strategischen Ölreserven der IEA-Mitgliedstaaten können die Totalsperrung des Nadelöhrs im Persischen Golf also bloß für 20 Tage kompensieren. Und dann? Deutschland bezieht zwar bloß 6,1 Prozent seiner Ölimporte aus dem Nahen Osten, aber je länger der Irankrieg dauert, desto stärker werden sich die Rohölströme über den Preismechanismus neu sortieren. Wer mehr bietet, bekommt den Zuschlag. China, Japan, Indien und Südkorea, die große Mengen Öl und Gas aus der vom Krieg betroffenen Region importieren, müssen sich notgedrungen nach anderen Lieferanten umsehen.

Sind wir über langfristige Lieferverträge ausreichend abgesichert? Werden wir die teilweise Freigabe der nationalen Notfallreserve mit dem Ziel der Preisreduzierung nicht noch bereuen? Ein Notfall im klassischen Sinne (Versorgungsengpass) ist das jedenfalls nicht. Noch nicht. Die Bundesregierung müsste rasch ein generelles Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und von 80 km/h auf Landstraßen einführen. Das würde den Verbrauch von Benzin und Diesel sofort spürbar reduzieren. Weniger Nachfrage = geringerer Preisdruck. Bedauerlicherweise ist das vom Kabinett unter der Leitung von Friedrich Merz kaum zu erwarten.

Gerne würde man die Regierungen der USA und Israels fragen, wie der Plan für den Krieg gegen das Mullah-Regime konkret aussieht und ob sie die Unterbrechung der Ölversorgung einkalkuliert haben. Leider erfährt man außer einem Wirrwarr an Kriegsgründen und Kriegszielen nichts Substanzielles. Was, wenn es gar keinen ausgeklügelten Plan gibt und der Krieg den üblichen Dilettantismus widerspiegelt? Momentan verwandelt sich der gesamte Nahe Osten in eine Trümmerwüste, ohne dass sich am Horizont eine Friedenslösung abzeichnet. Glaubt man in Washington und Jerusalem tatsächlich, allein auf militärische Stärke setzen zu können? Ein riskantes Unterfangen. Und obendrein ein moralisch höchst fragwürdiges.

Donald Trump, der im Wahlkampf das Ende der endlosen Kriege Amerikas versprach, könnte als US-Präsident in die Geschichte eingehen, der die meisten Kriege geführt hat. Ob er das politisch überlebt, wird sich frühestens bei den Zwischenwahlen im November zeigen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Irankriegs sind schon jetzt gravierend. Je länger er dauert, desto schwieriger wird die Lage.