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03. Mai 2026, von Michael Schöfer
So what?


Natürlich hat es geholfen, wenn man früher auf dem Schulhof bei Auseinandersetzungen mit Klassenkameraden im Bedarfsfall den "großen Bruder" holen konnte. Oft genügte schon allein die Drohung mit dem "großen Bruder" und man wurde in Ruhe gelassen. Doch spätestens im Erwachsenenalter sollte sich dieses Modell erübrigt haben - vor allem, wenn aus dem "großen Bruder" inzwischen ein alter seniler Grantler geworden ist. Heute hilft bei Auseinandersetzungen entweder ein Selbstverteidigungskurs oder ein guter Anwalt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich zwischen den USA und den europäischen NATO-Mitgliedstaaten das Modell "großer Bruder" etabliert, das aber mittlerweile durch Donald Trump ernsthaft gefährdet ist. Der US-Präsident ist völlig unberechenbar und handelt oft impulsiv, weshalb es keinen überraschen sollte, wenn er nun mit dem Abzug von US-Truppen aus diversen europäischen Ländern droht. Giorgia Meloni ist neuerdings in Ungnade gefallen, ebenso Bundeskanzler Friedrich Merz, der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez gehörte sowieso nie zu Trumps Lieblingen. Die erwartbare Reaktion des alten senilen Grantlers: Truppenabzug aus Italien, Spanien und Deutschland. Grund: Weil darum! Auch mit Servilität à la Mark Rutte kommt man da nicht weiter.

Ob es angesichts der befürchteten Auseinandersetzung zwischen China und den USA klug ist, wenn die Amerikaner ihre Verbündeten verprellen, steht auf einem anderen Blatt. Aber das ist dann das Problem der Regierung in Washington. Im Weißen Haus mag man die Verbündeten geringschätzen, doch die stärkste Armee der Welt kann ja anscheinend noch nicht einmal den Iran besiegen - zumindest nicht, wenn der Commander-in-Chief ein besserwisserischer Dilettant ist, dem eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne nachgesagt wird (ein Synonym für Beratungsresistenz). Von seiner fehlenden strategischen Weitsicht ganz zu schweigen.

So what? Na und? Wir Europäer müssen ohnehin lernen, uns künftig selbst zu verteidigen. Ohne den "großen Bruder". Truppenabzug hin oder her, schon jetzt ist fraglich, ob die aktuelle amerikanische Regierung ihren Verbündeten gegen einen russischen Angriff wirklich beistehen würde. Und im Grunde müssten wir das auch allein können. Dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut zufolge gab Russland im vergangenen Jahr 190 Milliarden US-Dollar fürs Militär aus, bei den 29 europäischen NATO-Mitgliedern waren es jedoch 559 Milliarden (Island unterhält keine eigenen Streitkräfte). [1] Rein ökonomisch betrachtet sind wir gemeinsam viel potenter als das vergleichsweise arme Russland, das Bruttoinlandsprodukt der 30 europäischen NATO-Mitglieder ist nämlich zehnmal so hoch.

Die Europäer sind bloß notorisch ineffizient bei der militärischen Umsetzung ihrer ökonomischen Stärke, was auf die zersplitterte Rüstungsindustrie und die nationalen Egoismen zurückzuführen ist, das drohende Aus des Future Combat Air System (FCAS) ist hierfür das beste Beispiel. Wir könnten Russland also durchaus Paroli bieten und bräuchten keine Angst vor Putin zu haben. Es wird Zeit, die ehedem hilfreiche Hand des "großen Bruders" loszulassen und sich wie ein Erwachsener zu benehmen. Nehmen wir künftig unsere Sicherheit in die eigenen Hände.

Bruttoinlandsprodukt der NATO-Mitgliedstaaten 2025
(in Mrd. US-Dollar) [2]
Albanien
30,3
Belgien
724,9
Bulgarien
131,0
Kroatien
106,1
Tschechien
389,0
Dänemark
461,7
Estland
47,0
Finnland
316,9
Frankreich
3.368,9
Deutschland
5.048,1
Griechenland
280,5
Ungarn
246,9
Island
38,6
Italien
2.550,1
Lettland
48,6
Litauen
94,9
Luxemburg
101,1
Montenegro
9,2
Niederlande
1.332,2
Nordmazedonien
19,1
Norwegen
530,8
Polen
1.035,6
Portugal
346,4
Rumänien
427,9
Slowakei
154,4
Slowenien
79,6
Spanien
1.903,8
Schweden
669,0
Türkei
1.597,3
Vereinigtes Königreich
4.003,0
Europäische NATO-Mitglieder
26.093,0


Vereinigte Staaten
30.767,1
Kanada
2.319,9
NATO insgesamt
59.180,0


Russland
2.587,9

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[1] SIPRI vom 27.04.2026
[2] International Monetary Fund, GDP, current prices, Billions of U.S. dollars, Stand April 2026