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23. Mai 2026, von Michael Schöfer
Ich hätte so viele Fragen


War Opa in der NSDAP? Das kann man seit Februar 2026 beim Nationalarchiv der USA in Erfahrung bringen. Die Online-Suche ist zwar nicht bequem, weil man einzelne Mitgliedskarteikarten nicht mit der Eingabe des Namens abfragen kann, aber das Prinzip, nach dem die eingescannten Daten sortiert sind, erschließt sich einem dennoch recht schnell. Mühsam ist dann lediglich das manuelle Durchblättern der im PDF-Format vorliegenden Datensätze, die jeweils ungefähr 3.000 Seiten umfassen.

War Opa in der NSDAP? Meiner leider ja. Was mich ebenso überrascht wie bestürzt hat. Er ist ausweislich der Mitgliederkartei am 1. Februar 1932 eingetreten, aber offenbar schon im November 1932 wieder ausgetreten. Zumindest ist das so auf seiner Karteikarte vermerkt. Mein Großvater väterlicherseits (über den mütterlicherseits konnte ich nichts in Erfahrung bringen) ist demnach als 25-Jähriger NSDAP-Mitglied geworden. Noch vor der sogenannten "Machtergreifung" am 30. Januar 1933, also hat Opportunismus oder Existenzangst wie bei den "Märzgefallenen" wohl keine Rolle gespielt. Und es war definitiv keine Jugendsünde.





Warum? War die Weltwirtschaftskrise das Motiv? Oder die Nazi-Ideologie? Leider kann ich ihn nicht mehr fragen, er ist bereits 1986 verstorben. Dabei hätte ich gerade jetzt so viele Fragen. Meiner Erinnerung nach war unsere Familie immer sozialdemokratisch orientiert, mein Großvater soll sogar Mitglied in der SPD gewesen sein. Wann das war, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran, dass bei uns jemals etwas Positives über Hitler oder die Nazis gesagt wurde. Ebenso wenig Negatives über Juden. Gewiss, bei Familienfesten hat man oft über den Krieg gesprochen, aber an Nazi-Sprüche kann ich mich nicht erinnern.

Allerdings hatten wir auch keine Kenntnis von der NSDAP-Mitgliedschaft unseres Großvaters, wahrscheinlich wurde diese Tatsache wie in so vielen Familien verschwiegen. Oder bewusst eine Legende produziert. Keine Ahnung, wer darüber überhaupt Bescheid wusste. Und ich werde es auch kaum herausfinden, denn mein Vater, der davon vielleicht etwas berichten könnte, ist ebenfalls bereits tot. Schriftliche Aufzeichnungen sind mir nicht bekannt.

Innerlich sträubt sich alles in mir, Nazis kannte ich eigentlich nur aus den Geschichtsbüchern. Selbst als ich einmal im Mannheimer Nationaltheater Schauspieler in schwarzen SS-Uniformen sah, war ich unangenehm berührt. Und plötzlich ist mindestens ein Familienmitglied ein Nazi gewesen. In der Realität, nicht auf der Theaterbühne. Der Schock sitzt noch immer tief, obgleich Schuld natürlich nicht auf die biologischen Nachkommen übertragen wird. Jeder ist bloß für seine eigenen Taten verantwortlich. Dennoch frage ich mich: Was hat er damals getan? Darüber gibt die Mitgliedskartei allein keine Auskunft. Und die Fragen bleiben daher vermutlich auf ewig unbeantwortet.

Ich hätte es besser gefunden, die NSDAP-Mitgliederkartei viel früher zu veröffentlichen, als die meisten "Parteigenossen" noch lebten. Das hätte zwar viele kontroverse Diskussionen ausgelöst, aber wahrscheinlich auch bei der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur geholfen. Dass darüber in der Gesellschaft und in den Familien der Mantel des Schweigens gehüllt wurde, irritiert im Nachhinein ungemein. Um aus der Geschichte zu lernen, muss man sie kennen. Das gilt auch für die Familiengeschichte.