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28. Mai 2026, von Michael Schöfer
Versagen des Lektorats oder Anhaltspunkt für Bildungsdünkel?


Wenn Buchverlage behaupten, immer ganz nah am Leser zu sein und mit ihm in direkten Dialog treten zu wollen, könnte es sich lediglich um Marketingsprüche handeln. Was man halt so sagt, wenn man ein Produkt verkaufen will. Leider sind meine persönlichen Erfahrungen zumindest teilweise ernüchternd: Die Verlage hüllen sich in Schweigen.

Zwei Beispiele: Mary Elise Sarottes Buch "Nicht einen Schritt weiter nach Osten" hat mich brennend interessiert, weil es neue Einsichten zur NATO-Osterweiterung versprach. Ungeduldig wartete ich auf die deutsche Übersetzung. Doch nach deren Erscheinen ist mir aufgefallen, dass die englische Originalausgabe (Not One Inch: America, Russia, and the Making of Post-Cold War Stalemate) 568 Seiten umfasst, die deutsche Übersetzung jedoch bloß 397 Seiten. Das ist immerhin eine Differenz von 171 Seiten, die sich nicht durch unterschiedliche Schriftarten oder Textgrößen erklären lässt. Meine Frage an den Verlag, was in der deutschen Ausgabe weggelassen wurde, blieb allerdings unbeantwortet. Beim Leser entsteht daher der durchaus berechtigte Eindruck, dass ihm wesentliche Informationen vorenthalten werden. Welche das sind, erfährt er nicht. Oder nur, wenn er sich die Mühe machen würde, auch die englische Originalausgabe zu kaufen. Aber wer macht das schon? Ganz abgesehen von den dafür notwendigen Sprachkenntnissen. Dazu gleich mehr.

Die Vereinigten Staaten sind derzeit nicht nur durch das völlig aus dem Rahmen fallende Handeln der Trump-Administration interessant, sondern natürlich auch, weil das Land in diesem Jahr den 250. Jahrestag seiner Unabhängigkeit vom britischen Mutterland feiert. Wer mehr über die Geschichte der nicht ganz so alten US-Verfassung aus dem Jahr 1789 erfahren will, dem sei wärmstens das Buch "We the People: Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung" der amerikanischen Historikerin Jill Lepore empfohlen. Es geht darin keineswegs bloß um trockene juristische Kost, das Buch schildert nämlich auch das wechselnde gesellschaftliche Umfeld, das die Verfassung jedes Mal unterschiedlich interpretierte. Mit diesem Hintergrundwissen versteht man die aktuellen Auseinandersetzungen in dieser gespaltenen Nation viel besser.

Gewiss ebenso lesenswert ist "Mythos 1776" des deutschen Historikers Hiram Kümper. Getrübt wird hier der Lesegenuss freilich durch häufig vorkommende englische Originalzitate, die nicht ins Deutsche übersetzt wurden - weder wie üblich in Klammern hinter dem Zitat noch in einer Fußnote auf der jeweiligen Seite. So heißt es beispielsweise auf Seite 187: "Murray stellte die entscheidende Frage: Is it indeed a fact, that she hath yielded to one half of the human species so unquestionable a mental superiority? Und ihre Antwort war ein klares Nein." (Ist es tatsächlich so, dass sie der einen Hälfte der Menschheit eine so unbestreitbare geistige Überlegenheit zugestanden hat?) Oder auf Seite 192: "Hamilton hatte die Gerichte als the bulwarks of a limited Constitution against legislative encroachments bezeichnet - eine Erwartung, die langsam Realität wurde." (...die Bollwerke einer begrenzten Verfassung gegen Eingriffe der Legislative...)*

Es stört den Lesefluss ungemein, wenn man erst herausfinden muss, was der Wortlaut eines Zitates genau bedeutet. Nicht jeder Leser verfügt über so gute Englischkenntnisse, dass er es ohne weiteres sofort übersetzen kann, doch die wenigsten dürften das zugeben. Hand aufs Herz: Hätten Sie es gekonnt? Ich jedenfalls nicht. Was soll das? Ist das nur das klägliche Versagen des Lektorats oder sogar ein Anhaltspunkt für Bildungsdünkel? Im Gegensatz zu Kümper findet man solche nicht übersetzten Stellen bei Lepore nämlich nicht. Meine Reklamation beim Verlag blieb jedoch, Sie ahnen es bereits, leider unbeantwortet.

Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist die Anzahl der Neuerscheinungen von 89.506 Buchtitel im Jahr 2015 auf 65.717 im Jahr 2024 zurückgegangen. Die Umsätze sind zwar zuletzt gestiegen, was aber an den höheren Verkaufspreisen liegt, denn die Zahl der verkauften Bücher ist um 1,7 Prozent gesunken. Lesen ist sicherlich wichtig, umso bereitwilliger sollten die Verlage auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen. Wenn Fragen und Reklamationen unbeantwortet bleiben, spricht das nicht gerade für guten Service. Man darf dennoch nicht alle Verlage über einen Kamm scheren, es geht schließlich auch anders. Als ich dem Dietz-Verlag für das wirklich ausgezeichnete Buch "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht" von Klaus Schönhoven gedankt habe, aber bei dieser Gelegenheit auf einen kleinen Fehler hinwies, hat mir der Verlag prompt geantwortet.

*Übersetzung durch DeepL-Translator