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23. Oktober 2026, von Michael Schöfer
Das Gerede über die "Tyrannei der Alten" soll nur ablenken


Alt gegen Jung auszuspielen ist inzwischen üblich geworden (Boomer gegen Gen Z). Das tut u.a. auch der frühere CDU-Ministerpräsident und Verfassungsrichter Peter Müller. In seiner Kolumne bei der Süddeutschen Zeitung schreibt er: "Wer das Vertrauen junger Menschen in unser politisches System verbessern will, muss die Generationengerechtigkeit erkennbar zur Priorität seines Handelns machen." Politische Entscheidungen sollten sich "künftig stärker und in überprüfbarer Weise am Grundsatz der Generationengerechtigkeit orientieren". Er plädiert deshalb für einen "Generationencheck" im Gesetzgebungsverfahren. [1] Schuld an der mangelnden Generationengerechtigkeit trage etwa, wie könnte es anders sein, die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren. Doch man darf von ihm erwarten, dass er die Lage genauer analysiert.

"Das Geldvermögen der privaten Haushalte ist im vierten Quartal 2025 deutlich gestiegen und lag zum Jahresende bei 9.504 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorquartal nahm es um 148 Milliarden Euro zu", schreibt die Deutsche Bundesbank. [2] Zum Geldvermögen zählen Bargeld und Einlagen (Anteil 37,2 %), Versicherungs-, Alterssicherungs- und Standardgarantiesysteme (27,4 %), Aktien und sonstige Anteilsrechte (19,1 %), Anteile an Investmentfonds (13,8 %) sowie Schuldverschreibungen (2,4 %). Sachwerte wie das Immobilienvermögen und das Eigentum an Schmuck, Kunstwerken, Autos etc. kämen bei einer Gesamtbetrachtung noch hinzu.

Zum Vergleich: Knapp 10 Billionen Euro sind dreieinhalbmal so viel wie die gesamte Staatsverschuldung von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherung, die Ende 2025 satte 2.662,2 Mrd. Euro betrug. [3] Eine gewaltige Summe. Im Gegensatz dazu sind die Kosten für die Altersrente für besonders langjährig Versicherte, ca. 10 Mrd. Euro pro Jahrgang, verteilt über die gesamte Rentenbezugszeit, beim Geburtsjahrgang 1957 Männer 18,11 und Frauen 21,49 Jahre [4], im wahrsten Sinne des Wortes die berühmt-berüchtigten Peanuts.

Doch von den knapp 10 Billionen werden viele Junge nichts abbekommen, weil sie in der Geburtslotterie keinen Hauptgewinn zogen und die falschen Eltern haben. Der Anteil der vermögendsten 10 Prozent der Haushalte am Nettovermögen (Bruttovermögen minus Schulden, inkl. Sachwerte) wird von der Bundesbank auf 60,5 Prozent taxiert, die untere Hälfte der Bevölkerung kommt lediglich auf rund 3 Prozent (Stand 2023). [5] Die wahre Gerechtigkeitslücke ist demzufolge die zwischen Arm und Reich, nicht die zwischen Alt und Jung.

Wenn Peter Müller mehr Verteilungsgerechtigkeit herstellen will, muss er also ganz woanders hinschauen. Macht er aber nicht, genauso wenig wie seine CDU. Jegliche Umverteilung von oben nach unten gilt den Konservativen als Teufelswerk, weshalb sie sich vehement gegen die Abschaffung von Privilegien wehren. Stattdessen soll nach dem Willen der CDU innerhalb der Gruppe der Rentner umverteilt, sprich gespart werden. Es ist ein billiges Ablenkungsmanöver, von der "Tyrannei der Alten" zu sprechen, die großen Vermögen aber nicht einmal zu erwähnen. Die Alten sind nämlich ebenso wenig eine homogene Gruppe wie es die Jungen sind. Es gibt alte und junge Arme, genauso wie es alte und junge Reiche gibt (Letztere haben ihr Vermögen in der Regel geerbt oder geschenkt bekommen). Der Versuch, Jung und Alt gegeneinander auszuspielen, soll bloß den Blick auf den wahren Missstand verdecken.

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[1] Süddeutsche vom 22.10.2026 (Paywall)
[2] Deutsche Bundesbank vom 16.04.2026
[3] Statistisches Bundesamt, Schulden beim nicht-öffentlichen Bereich: Deutschland, Stichtag zum Quartalsende, Ebenen des öffentlichen Gesamthaushalts, Haushalte, Schuldenarten, Tabelle 71321-0005
[4] Bertelsmann Stiftung vom 03.06.2026, Abschaffung der abschlagsfreien Frühverrentung, Analyse der fiskalischen Einsparungen und Beschäftigungseffekte, PDF-Datei mit 913 KB
[5] Deutsche Bundesbank, Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Vermögensbefragung 2023, Monatsbericht, April 2025